Maske und Federtasche. 
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BerlinEtwas mehr Klarheit für die Eltern von Kleinkindern: Husten und Schnupfen ohne Fieber sind kein Grund, das Kind nicht in die Kita zu schicken. Auch ein ärztliches Attest, dass der Schnupfen auch wirklich kein Corona-Symptom ist, ist nicht nötig.

Mit einem entsprechenden Schreiben hat Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf die Beschwerden von Elternvertretern und Kinderärzten reagiert und korrigiert damit den aktuellen Corona-Musterhygieneplan für Kitas.

In dem Ende Juni aktualisierten Leitfaden ist eine „Empfehlung“ enthalten, bei jeglichem Symptom einer Atemwegserkrankung zu Hause zu bleiben – also auch bei Schnupfen oder Husten, die vielen Kleinkindern ständige Begleiter sind.

In der Folge waren nach Auskunft des Landeselternausschusses Kita seit Wiederaufnahme des Regelbetriebs in mehreren Fällen Eltern von Kitas gebeten worden, ihre Kinder erst wieder in die Kita zu bringen, wenn sie völlig symptomfrei oder ärztlich „gesundgeschrieben“ worden seien. Das wiederum hatte bei Kinderärzten, die „Gesundschreibungen“ bis auf wenige seltene Krankheitsarten zumeist ablehnen, für einen Ansturm von verzweifelten Eltern gesorgt. Nach den langen Kitaschließungen haben viele ihre Kinderkranken- und freien Tage aufgebraucht und sind dringend auf Betreuung angewiesen.

Kitaträger und Gewerkschaften hatten von Scheeres klarer formulierte Vorgaben eingefordert, wann Kinder in die Kita dürfen und wann nicht – reine Empfehlungen laden zu viel Verantwortung auf dem pädagogischen Personal ab. Diese Vorgaben gibt es nun. Zwar heißt es in dem neuen Schreiben weiterhin: „Bestehen bei einem Kind Anzeichen für eine akute Atemwegsinfektion, die ein Hinweis auf eine Covid-19-Erkrankung sein kann, darf das Kind nicht in die Einrichtung kommen.“ Als mögliche Symptome einer solchen werden aber nur noch Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Fieber und Kurzatmigkeit genannt. „Einfache Erkältungskrankheiten, verbunden mit einem Schnupfen oder Husten ohne Fieber“, seien kein unmittelbarer Anlass, das Kind nicht in die Kita zu lassen.

Aufatmen lässt Eltern und Ärzte der Hinweis, dass es grundsätzlich bei keinem dieser Symptome ein Attest braucht. Bei Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Fieber und Kurzatmigkeit reicht eine Bestätigung der Eltern, dass ihr Kind 48 Stunden lang symptomfrei war, damit es wieder in die Kita darf. Ein Attest, dass die Ansteckungsgefahr vorüber ist, braucht es nur bei einer bestätigten Covid-19-Erkrankung und anderen hochansteckenden Leiden wie Scharlach, Röteln, Krätze oder Keuchhusten.

Jakob Maske, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und selbst Kinderarzt in Charlottenburg, unterstützt die neuen Vorgaben: „Schnupfen ist kein typisches Symptom für eine Corona-Erkrankung, sondern ein ganz normales Erkältungssymptom“, sagte Maske. Ein Kind deshalb nach Hause zu schicken hält er für Unsinn. Er kritisiert, dass Kinder zu lange als „Superspreader“ wahrgenommen seien: „Dabei wissen wir, dass von ihnen eine geringe Gefahr ausgeht.“ Trotzdem müsse man ernst nehmen, dass viele Erzieher und Lehrer vor einer Ansteckung große Angst hätten.

In der Tat ist die Verunsicherung und die Vorsicht immer noch groß: Die Zahl der Kitas, die wegen bestätigten Infektionen ganz oder teilweise geschlossen sind, liegt zwar laut Verwaltung im einstelligen Bereich. Trotzdem zeigt sich schon in den Sommerferien, wie schnell es auch an Schulen mit dem „Regelbetrieb“, der ab 10. August wieder beginnen soll, wieder vorbei sein kann: „An der Elizabeth-Shaw-Schule in Pankow wurde bei einem Kind, das die Sommerschule besucht, ein positives Test-Ergebnis gemeldet“, bestätigte eine Sprecherin der Schulverwaltung. In diesem Fall seien die Umstände unglücklich gewesen: Alle Schülerinnen und Schüler sowie Fachkräfte hielten sich im Freien auf, als ein Wetterumschwung einsetzte. Daraufhin wurden die Angebote in die Schule verlegt und die Gruppen durchmischt. „Da damit die Kontaktkette nicht nachvollziehbar war, hat das Gesundheitsamt entschieden, nicht nur eine Gruppe, sondern die Schule vorübergehend zu schließen“, so die Sprecherin weiter.

Mit Folgen für zig Familien: Auch bei den Hortkindern, bei denen eine Woche später ein negatives Testergebnis vorlag, hatten Eltern bereits ihre Urlaubsreisen storniert und Einkommenseinbußen in Kauf genommen. „Unser Hotel ist jetzt ausgebucht“, sagte eine Mutter.

Von den 400 Grundschulen in Berlin seien derzeit noch zwei weitere von Schließungen betroffen. In einer Schule hatte eine Erzieherin ein positives Ergebnis, die Schule war vorige Woche zu. In einer weiteren Grundschule stand eine einzelne Gruppe bis Freitag unter Quarantäne.

Doch auch wenn sich ein Hüsteln als Fehlalarm und als normale saisonale Erkältung herausstellt, vergehen oft Tage für die Testung, während denen alles stillsteht – so geschehen bei einem von einem privaten Anbieter organisierten Ferien-Waldcamp ebenfalls in Pankow. Auf Nummer sicher gehen, heißt die Devise allerorten.

Für mehr Sicherheit bei den Beschäftigten an Bildungseinrichtungen soll das flankierende Screening – ein Angebot, sich auch ohne Symptome testen zu lassen – sorgen. Für Kitabeschäftigte gilt das Angebot an den Teststellen Charité Campus Virchow-Klinikum, Vivantes-Klinikum Prenzlauer Berg, Vivantes Wenckebach-Klinikum und Vivantes-Klinikum Spandau bereits seit Ende Juni. Die Beschäftigten an den Schulen müssten eigentlich noch diese Woche informiert werden: „In der zweiten Julihälfte sollen sich in Abstimmung zwischen der Senatskanzlei, der Bildungsverwaltung und der Charité auch symptomfreie Beschäftigte aller Schulen testen lassen können“, sagte eine Sprecherin der Bildungsverwaltung. Doch ist es im Regelbetrieb in Kitas und Schulen zu schaffen, dass Lehrerinnen, Erzieher, Kinder und Jugendliche sich gar nicht erst anstecken? Und wie können Eltern, Arbeitgeber, Schulen und Kitas damit umgehen, wenn Verdachtsfälle, die den Betrieb lahmlegen, zur Normalität werden? Antworten auf diese Fragen stehen derzeit noch aus.