Berlin - Hilfe aus dem Netz: Informatiker Slaven Rezic hilft Radfahrern, die besten Routen zu finden. Tausende nutzen seinen Service.

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Rosenthal fehlt noch. Also setzt sich Slaven Rezic nach der Arbeit aufs Fahrrad und fährt vom Spittelmarkt über die Schönhauser Allee nach Norden. „In Rosenthal gibt es noch ein paar Fragezeichen“, sagt er. Der 41-Jährige ist ein Pfadfinder, ein Datensammler. Er fährt Straßen ab, um sie zu katalogisieren – Kopfsteinpflaster oder Asphalt, viel Verkehr oder wenig, viele Ampeln oder freie Fahrt. Dann speist er die Informationen in seinen Routenplaner BBBike.de ein, mit dem derzeit 2 500 Radfahrer täglich im Internet ihre Fahrten durch Berlin planen. 500 von den etwa 11 000 Berliner Straßen und Wegen fehlen Rezic noch, vor allem in den Außenbezirken – wie in Rosenthal.

Das Grundprinzip von BBBike unterscheidet sich nicht von anderen Routenplanern. Die Nutzer geben Start und Ziel in eine Maske ein, der Weg wird berechnet. Das Programm von Rezic bietet aber noch mehr: Es schneidet die Route auf die Wünsche der Nutzer zu. Per Mausklick können sie BBBike anweisen, auf viel befahrene Hauptstraßen zu verzichten oder Kopfsteinpflaster zu meiden. Eine App für Smartphones gibt es noch nicht. „Ich nutze kein Smartphone, also programmiere ich auch keine App“, sagt Rezic. Es gibt aber eine Version von BBBike, die sich mit internetfähigen Handys anzeigen lässt.

Wenn Rezic, gebürtiger Berliner mit bosnischen Wurzeln, unterwegs ist, braucht er ohnehin keine App. „Ich bin schon so viel durch Berlin gefahren, ich kann mich auch so orientieren“, sagt er. Sein Rad sieht schon etwas mitgenommen aus. Der Lack ist stumpf, der Rahmen rostet. Rezic’ wichtigster Begleiter sitzt auf dem Lenker – ein GPS-Gerät, nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Er hat seine Daten auf das Gerät gespielt, auf dem Display kann Rezic die Route verfolgen und neue Straßen kategorisieren – nach Qualität der Fahrbahn, der maximal möglichen Geschwindigkeit, nach Autodichte, Haupt- oder Nebenstraße. Bei der Bewertung der Qualität verlässt sich Rezic ganz auf sein Fahrgefühl: „Wenn es mich durchrüttelt, ist es eine schlechte Fahrbahn.“ Er unterteilt vier Kategorien, von Q0 bis Q3. „Manchmal ist mir das nicht genug, dann vergebe ich auch noch plus und minus, wie bei Schulnoten.“

Rezic Blick schweift ständig zwischen Boden und Display hin und her, auf seinem GPS-Gerät setzt er Markierungen und versieht sie mit Kürzeln, „ks“ für Kopfsteinpflaster tippt er dann ein. Auf seinem Bildschirm sehen die Straßen wie bunte Linien aus. Eine orange gestrichelte signalisiert Kopfsteinpflaster, eine blaue Radfahrwege.

Früher schrieb er seine Beobachtungen auf Notizzettel und zeichnete die ersten Karten von Hand. Seit fast 20 Jahren sammelt er schon Daten über die Berliner Straßen. Ursprünglich aus reinem Selbstinteresse – der passionierte Radfahrer wollte seine Wege so komfortabel wie möglich gestalten. „Und dann dachte ich, meine Daten könnten auch für andere nützlich sein“, sagt er. Er schrieb einen Routenplaner, 1998 stand die erste Version von BBBike.de im Internet. Für sein Programm zeichnete die Stadt Rezic 2008 mit dem „FahrradStadt Berlin“-Preis aus. In der Laudatio hieß es, BBBike.de sei eine „echte Hilfe beim Finden zeitspa-render und angenehmer, aber auch neuer Wege durch die Stadt“.

Geld verdient Rezic nicht mit seinem Programm. Er arbeitet als Softwareprogrammierer in einer Firma. BBBike ist nur ein Hobby, und das soll es auch bleiben. Kosten hat er ohnehin kaum, nur die Miete für den Server muss er zahlen. Aber er muss viel Zeit aufwenden. Zwar erhält er von vielen Nutzern Hinweise, trotzdem weist seine Datenbank noch Lücken auf. An freien Tagen oder nach Feierabend fährt er auf Erkundungstour. „Ich versuche, mir das einzuteilen, damit es keine unmenschliche Leistung wird“, sagt Rezic. Manchmal, fügt er hinzu, hätten seine Frau und sein neunjähriger Sohn auch ein Vetorecht.

Zufrieden ist er an diesem Tag nicht. Er hat Rosenthal nicht geschafft. „Dabei wollte ich heute Abend twittern, dass Rosenthal komplett ist“, sagt er. Bis Ende des Jahres will er ganz Berlin fertig haben. Und dann? „Ist Potsdam dran.“

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