Berlin - Der Tag hatte so wunderbar entspannt begonnen. Dabei war die Nacht unruhig gewesen, doch beim Aufwachen schien alles schön und der Blick fiel ganz gelassen auf den Wecker. Wie ein Blitz schoss der Schreck in meinen Kopf: Verdammt, verschlafen.

Das Kind musste in 40 Minuten in der Schule sein und der eigene Körper in 60 Minuten beim Arzt. Nun war akute Morgenhektik angesagt. Ich raste mit dem Rad los und war auf die Minute genau in der Praxis. Dafür wurde ich mit einer Stunde Wartezeit entschädigt. Der Arzt schaute auf die Liste mit den Daten und sagte, dass der Blutdruck etwas erhöht sei – das Alter, der Stress. Ich sollte auch im Alltag die Momente der Ruhe genießen und gaaanz bewusst ausdehnen.

Da es meist richtig ist, auf Fachleute zu hören, ging ich ganz entspannt die fünf Etagen nach unten, schaute mir ganz entspannt auf dem Handy die Dienst-Mails an und absolvierte ein ganz tiefenentspanntes Telefonat.

Dann aufs Rad und ganz entspannt zu dem wichtigen Termin fahren. Nicht weiter nachdenken, einfach nur radeln, den Leuten zulächeln, den Tag genießen.

Ich war pünktlich, hatte sogar noch zehn Minuten, bis ich für den Termin vorm Bildschirm sitzen musste. Als ich das Rad anschloss, merkte ich, dass mein Rucksack fehlte.

Wie ein Blitz schoss der Schreck in meinen Kopf: Handy weg, Ausweise, Geldkarten, all der Kram. Dazu Polizei, Bürgeramt und drei Wochen Rennerei wegen drei Sekunden Unaufmerksamkeit.

Da es nicht immer Pflicht ist, auf Fachleute zu hören, warf ich die neue Entspanntheit in die Ecke und raste mit dem Rad los. Ich stand so unter Strom, dass ich gar nicht mehr die Nerven hatte, über den Blutdruck nachzudenken.

Unterwegs schaute ich auf jeden Rucksack und gab mir die allergrößte Mühe, nicht nur Obdachlose zu verdächtigen, sondern auch alle anderen, dass sie meinen Rucksack gefunden haben und ihn nun vorbildlich zum Fundbüro bringen. Ich hätte die Finder gern von der Last befreit. Je näher ich der Praxis kam, umso sicherer war ich, dass der Rucksack nie und nimmer neben dem Fahrradständer stehen konnte. Ich sah das Bild genau vor mir: Diese Haustür an der Warschauer Straße ohne Rucksack.

Das reale Bild war dann fast genauso wie das in meinem Kopf – nur dass der Rucksack noch da stand. Und alles war noch drin: Handy, Ausweise, Geld. Ein Berliner Wunder. Fast hätte ich mich vor all den Passanten verbeugt wegen so viel Ehrlichkeit.

Der zentnerschwere Stress fiel von mir ab. Wäre nun mein Arzt aus der Haustür getreten, hätte ich ihm gaaanz entspannt die Story erzählt und auch geprahlt, dass ich kein einziges Mal geflucht hatte. Jedenfalls nicht laut.