Alle packen mit an, als der Vierer aus der Halle getragen und zu Wasser gelassen wird. So ein langes Ruderboot ist nicht ganz leicht, zumal, wenn es aus Holz ist wie die „Jahn“. Einer muss die Kommandos geben, heute ist es Wibke Hoeth. „Köpenick offen“, ruft sie und signalisiert damit, in welche Richtung der Rumpf gedreht werden soll: die offene Seite Richtung Köpenicker Altstadt. Wibke Hoeth und vier andere Frauen wollen eine Feierabendtour zur Rohrwall-Insel in der Dahme machen. Vier Kilometer hin, vier Kilometer zurück. Eine relativ kurze Strecke.

Die Frauen gehören zum Berliner Ruderclub Ägir an der Müggelspree in Friedrichshagen. Der Verein mit seinen 160 Mitgliedern, einer von 58 in Berlin, feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag. Es ist eine dieser Wassersportgemeinschaften, in denen Freizeitvergnügte und Leistungssportler eine Familie bilden.

Mit dem Boot nach Schottland

Elitär wie vor 100 Jahren ist Rudern nicht mehr. Bei Ägir – benannt nach einem Meeresriesen aus der nordischen Mythologie – sitzen Erzieher, Rechtsanwälte und Handwerker in einem Boot. Fast jedes Wochenende gibt es Ausfahrten. Es geht nach Rüdersdorf, Zernsdorf oder einfach zum Schwimmen ans Müggelseeufer. „In den Ferien nehmen wir die Boote auch nach Masuren, Schottland oder Norwegen mit“, sagt der Vize-Vorsitzende Henry Hoda, 29.

40 Kinder und Jugendliche hat der Verein, Rudern steht beim Nachwuchs gerade hoch im Kurs. „Es hilft uns, dass so viele Familien nach Friedrichshagen ziehen“, sagt Hoda. Die Anfängerkurse seien immer ruckzuck ausgebucht. Wer sich für eine Mitgliedschaft entscheidet, zahlt 20 bis 28 Euro im Monat.

Auf der Sonnenterrasse über der Bootshalle steht Peter Schulz und beobachtet genau, wie die Frauen den Vierer für die Ausfahrt fertig machen. „Das muss ordentlich aussehen, wenn man beim Nachbarverein vorbeifährt“, sagt er. Uneinheitliche Kleidung ohne das dunkelblaue Vereins-T-Shirt und asynchrone Ruderschläge sind ihm ein Graus. Der 68-Jährige, den hier alle nur Pepe nennen, ist die lebende Legende des Vereins. 1958 eingetreten, ist er nicht nur eines der dienstältesten Mitglieder, sondern auch derjenige, der die meisten Lorbeeren nach Hause brachte. Vier, rechnet er nach, dürften es zwischen 1963 und 1967 im Leichtgewicht der Vierer und Achter gewesen sein. Nach der Wende kamen die großen Regatten im Ausland, das „Head of the River Race“ in London zum Beispiel oder das Fluss-Rennen auf der niederländischen Amstel mit mehr als 4 000 Teilnehmern.

Pepe ist nicht der Muskelschrank, den man in einem Ruderboot vermuten könnte. Der Mann, der früher als Orthopädie-Schumacher arbeitete, ist auffallend klein. Er hat die Statur des Steuermanns, der möglichst wenig Gewicht ins Boot bringen soll. In dieser Position holte Pepe all seine Titel. „Beim Wettkampf ist der Steuermann zuständig für die Renntaktik“, erklärt sein Vereinskamerad Dieter Reichert. „Vor allem muss er sich durchsetzen können.“ Das kann Pepe. Sein Wort hat Gewicht im Verein, auch heute noch.

Seit zwei Wochen trägt ein Boot seinen Namen. Die „Pepe“ ist das neue Flaggschiff des Vereins, ein Achter im Wert eines Mittelklassewagens und das Ergebnis der Operation „Ägir 100“. Vor zwei Jahren entstand die Idee, zum 100-Jährigen ein neues Boot zu kaufen. Mit großem Aufwand wurde Geld gesammelt. Die Senioren zahlten jeden Monat 25 Euro extra, der Förderkreis sprang ein, Geschäftsleute aus Köpenick spendeten und die Bezirksverordnetenversammlung steuerte Mittel bei.

Besser als Fitness-Studio

Als Ägir 1914 gegründet wurde, war Rudern sehr in Mode, allerdings Männern der Oberschicht vorbehalten. Das heute knapp 130 Jahre alte Vereinshaus, damals als „Spreeschloss“ für eine Fabrikantentochter gebaut, erwarb der Verein 1920. Im Krieg nutzte es die Wehrmacht als Lazarett. 1953 wurde Ägir zur Betriebssportgemeinschaft Medizin, später Bezirkstrainingszentrum. Seither brachte der Verein drei Olympiasieger hervor.

„Für mich ist Rudern der Gegenentwurf zum Fitness-Studio“, sagt Henry Hoda. „Man hat beim Sport das Naturerlebnis und menschlichen Austausch.“ Wer auf dem Wasser mal für sich sein wolle, nehme sich eben einen Einer. Hodas muskulösen Beinen sieht man an, dass Rudern nicht nur auf die Arme geht. Er sagt: „Dieser Sport ist viel ganzheitlicher als man denkt.“

„Vorwärts, vorwärts, fertig los“, hört man es vom Wasser her rufen. Die Frauen in der „Jahn“ legen sich in die Riemen. Schnell verschwinden sie in der Abendstimmung Richtung Köpenicker Altstadt. Henry Hodas dreijährige Tochter darf mitfahren – in Schwimmweste.