Das Schild ist etwa 30 mal 25 Zentimeter groß. Es ist etwas, das Ronald Kebelmann Hoffnung gibt. „Der Fährbetrieb wird wieder am Freitag (Karfreitag), den 18. 4. 2014, aufgenommen“, heißt es auf dem laminierten weißen Papier, dessen Absender die BVG ist. Ronald Kebelmann wird das Schild am Donnerstagabend am Anleger seiner Fähre befestigen, bevor er dort alles abschließt. Er ist Fährmann von Berlins einziger Ruderfähre, und am Donnerstag endet die diesjährige Saison seiner F 24, wie das kleine rot und blau lackierte Boot heißt. Doch ob an dem Tag eine Fährsaison endet oder eine mehr als hundertjährige Tradition, bleibt offen.

Seit zehn Jahren rudert Kebelmann über die Müggelspree zwischen den Köpenicker Ortsteilen Müggelheim und Rahnsdorf. Rund 10 000 Menschen bringt er jährlich von Ostern bis Oktober hin und her. Bevor er bei der Stern- und Kreisschifffahrt anheuerte, war Kebelmann Maschinist, Hausmeister, Lkw-Fahrer und Lagerarbeiter. Das Schiffspatent, das ein Fährmann braucht, hat er schon seit der Jugendzeit. „Mein Traum war es immer, zur See zu fahren“, sagt er. Das hat nicht ganz geklappt, es wurde schließlich die Müggelspree.

Cool wie ein Seemann

Dabei sieht der 59-Jährige aus wie ein Seemann. Er ist groß und kräftig, trägt eine coole Sonnenbrille und die Haare bis über die Schultern. Für Ronald Kebelmann ist die Ruderfähre, die er als Angestellter der Stern- und Kreisschifffahrt im Auftrag der BVG fährt, der schönste Arbeitsplatz der Welt. „Hier ist keine Hektik, die Menschen sind freundlich, keiner drängelt, keiner schubst. Es ist viel entspannter als in der City“, sagt er. Wobei es nicht immer so entspannt sei: „Im Sommer geht es auf der Müggelspree zu wie auf der Autobahn A 2.“ Da muss er schon mal Lücken abpassen, um sein kleines Boot zwischen all den Fahrgastschiffen, Motorfähren und den kleinen und großen Yachten hindurch zu manövrieren. Für die nur 36 Meter breite Wasserstraße braucht er zwischen fünf und zwölf Ruderschläge. Länger als zwei, drei Minuten dauert das nie „Je nachdem, wie voll das Boot ist, wie hoch der Wellengang von den anderen Schiffen ist und wie der Wind weht“, sagt er. Und manchmal, wenn er merkt, dass seine Fahrgäste besondere Freude an der Natur haben, rudert er auch mal extra langsam.

Acht Passagiere passen auf den Kahn. Oder vier Menschen und vier Fahrräder. Rund 10 000 Fahrgäste rudert Kebelmann jede Saison zum BVG-Kurzstreckentarif von Ufer zu Ufer. Einheimische, die zum Arzt oder zum Einkaufen wollen, aber hauptsächlich Touristen. „Die sind total überrascht, wie idyllisch Berlin sein kann“, sagt der Fährmann. Laut Fahrplan wird einmal zu jeder vollen Stunde übergesetzt. „Aber wenn jemand am anderen Ufer steht und winkt, fahre ich natürlich los.“ So wie es alle Fährmänner seit 102 Jahren taten. Nach dreien von ihnen – Richard Hilliges, der 1911 mit dem Rudern begann, seinem Nachfolger Richard Hörnke und Paul Rahn, der bis zum Jahr 2000 fuhr, sind in Rahnsdorf sogar Straßen benannt. „Die Fähre gehört einfach hierher“, sagt Kebelmann. Auch wenn er sich nicht vorstellen kann, dass auch sein Name mal auf einem Straßenschild stehen könnte – ein gewisses Image, sagt er, habe er sich über die Jahre aufgebaut. „Es entstanden Freundschaften, und mache Leute kommen auch einfach zum Quatschen zum Steg“, sagt er.

Die Frage, ob er im nächsten Jahr wieder über die Müggelspree rudert, treibt den Fährmann um. Denn die Berliner Fähren werden von 2014 an von der Weißen Flotte Stralsund betrieben. Die kleine Ruderfähre ist da nicht mehr vorgesehen. Sie sei nicht behindertengerecht, hieß es. Doch für eine barrierefreie, größere Fähre müsste ein neuer Anleger gebaut werden. Die Kosten dafür wären ungleich höher als für die Ruderfähre. Deshalb hat die BVG die Senatsverkehrsverwaltung aufgefordert, die alte Ruderfähre zu erhalten. Noch gibt es keine Antwort. Nur das Schild der BVG, das den Saisonbeginn auf Karfreitag 2014 datiert. Und gut 18 000 Protest-Unterschriften, die im Sommer gesammelt wurden.