Berlin - Das Tor bockt und ruckt. Dann geht es mit einem unwilligen Knarren auf, gibt den Blick frei auf einen Arm, eine Schulter, auf eine Kappe und ein Lächeln darunter. Das Lächeln gehört zu Harald Hansen, dem Vorsitzenden des Friedrichshagener Rudervereins (FRV). Hinter ihm wird ein Teil der Bootshalle sichtbar. Ergometer stehen an der Wand, im Dämmer liegen Achter, Vierer, Zweier und Einer auf Traversen. Hier draußen vor Hahns Mühle kündigt ein leichter Wind den Frühling an. „Gutes Ruder-Wetter“, sagt Hansen und blinzelt in die Sonne. Vor ihm die Müggelspree, glatt und ruhig.

Vorhin hat er ein Schreiben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aus dem Briefkasten geholt. Es geht darin um die Sanierung von Hahns Mühle, dem historischen Bootshaus. Weiß und würdig ragt es hinter Hansen auf. „Die Behörde teilt uns mit, dass sie uns auf dem gesamten Weg der Bauarbeiten begleitet“, sagt der Vorsitzende. Das Schreiben gehört ins letzte Kapitel einer deutsch-deutschen Geschichte.

Sie ist typisch für Berlin, diese Geschichte, dennoch klingt sie verrückt – oder gerade deswegen. Es geht um die Teilung der Stadt und ihre Folgen, um Flucht und Neuanfang, um die Wiedervereinigung und Besitzansprüche danach. Gestellt hat sie die Rudervereinigung Hellas-Titania, die an der Scharfen Lanke in Spandau ein eigenes Bootshaus besitzt, jedoch formal auch Eigentümerin von Hahns Mühle war, bis vor kurzem. Der FRV hat das Haus für 440.000 Euro zurückgekauft, nach einem langen, zähen Hin und Her zwischen beiden Klubs.

Dort, wo Hansen jetzt steht, haben Generationen von Ruderern gestanden und hinüber zu den Weiden am anderen Ufer geschaut, vor mehr als einem Jahrhundert schon, seit 1913, als die Friedrichshagener sich ein Heim ans Ufer der Müggelspree bauten. Es gehörte ihnen bis 1951, bis zur Enteignung. Die Liegenschaften des FRV wurden in der DDR zum Eigentum des Volkes, der Verein zur BSG Fernsehelektronik. Mitglieder siedelten in den Westen über und mit ihnen Stück für Stück der FRV. In Pichelsdorf bauten sie sich ein schlichtes Bootshaus.

Es kam die Mauer, es gingen Mitglieder. So viele, dass der FRV im Frühjahr 1963 nicht mehr überlebensfähig war. „Liquidationslose Auflösung“, hielt der Protokollant einer außerordentlichen Mitgliederversammlung fest und notierte: „Übertragung des greifbaren und nicht greifbaren Vermögens auf die Rudervereinigung Hellas-Titania e.V. Berlin zum 01.04.1963.“ Der FRV 1892 existierte von da an nur noch als Untertitel im Klubnamen Hellas-Titania, wie auch die RG Nibelungen, heute RG Grünau, ebenso die Rvg. Jahn, vormals SV Energie.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Harald Hansen und Eckart Schultes auf dem Bootssteg des FRV. Im Hintergrund Hahns Mühle.

„Nach der Wende gründete sich der FRV neu“, erzählt Harald Hansen weiter. Im Januar 1991 war das. Drei Monate zuvor hatte Hellas-Titania die Rückübertragung der Immobilie Hahns Mühle beantragt. Neun Jahre später bekamen die Spandauer den Zuschlag. Damit begann das zähe Hin und Her. Wie das im Detail ablief, was nun folgte, will Harald Hansen nicht mehr erzählen. Es soll im Nachhinein kein böses Blut unter Ruderern geben.

Hauptsache, das letzte Kapitel hat begonnen, sagt Eckart Schultes. Er hat sein Fahrrad auf dem Bootsplatz abgestellt und schaut jetzt in seinem Smartphone nach, wann genau es losging mit diesem Happy End. „Am 27. August, um 16.30 Uhr“, sagt er schließlich. Da hatten sie den Termin beim Notar. „Nach der Unterschrift unter den Kaufvertrag sind wir hierher, Harald und ich, um auf der Terrasse über der Bootshalle in Ruhe den Tag ausklingen zu lassen“, erzählt Schultes.

Doch aus der Ruhe wurde nichts. Nach und nach kamen andere Mitglieder, alarmiert über SMS. Es wurden immer mehr, es wurde ein spontanes, kleines Fest daraus. Wie viele sich auf dem Gelände tummelten, können Schultes und Hansen nicht mehr sagen. Eine andere Zahl ist ihnen in diesem Moment ohnehin wichtiger. Sie gehört zum vorläufigen Höhepunkt des Schlusskapitels: drei Millionen.

Drei Millionen Euro für den Friedrichshagener RV

Drei Millionen Euro wird der Friedrichshagener RV erhalten, um sein Bootshaus zu sanieren. Denn Hahns Mühle hat seit 2020 den Status: „Denkmal von nationaler Bedeutung“. Verliehen haben ihm diesen Titel Berlins Landeskonservator Christoph Rauhut und seine Behörde. Und weil das Gebäude nun derart bedeutend ist, gibt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) 1,5 Millionen Euro für die denkmalgerechte Instandsetzung. 1,3 Millionen steuert das Land Berlin über seine Lottostiftung bei. 200.000 Euro bringen die Mitglieder des FRV auf, rund 100 Erwachsene sind das derzeit. In 20 Jahren wollen sie das Darlehen getilgt haben.

„Jeder kann das nach seinen finanziellen Möglichkeiten machen, das geht auch mit Ratenzahlung“, sagt Schultes. Er und Hansen stapfen zur Terrasse hinauf. Die beiden haben den Rückkauf vorangetrieben in all den Jahren. Ein gebürtiger Hamburger und ein Rheinländer. Das ist eine schöne deutsch-deutsche Pointe in dieser deutsch-deutschen Geschichte. „Wir haben immer daran geglaubt, dass wir es schaffen. Auch wenn uns mancher für bekloppt gehalten haben mag.“ Schultes lacht.

Gregor Gysi hielt sie keineswegs für bekloppt, fand nur, dass alles leichter und schneller abgelaufen wäre, wenn sie sich gleich nach der Wende einen Anwalt genommen hätten. Das hat der Politiker der Linken irgendwann mal zu Schultes gesagt. Friedrichshagen gehört zu Gysis Wahlkreis für den Bundestag. Er ist nicht der einzige Politiker, der sich für die Belange des FRV starkgemacht hat, es war eine Art große Koalition.

Schultes und Hansen ist es wichtig, das zu erwähnen, weil es ja nicht nur um die Interessen eines Rudervereins geht, sondern um Belange von allgemeiner Bedeutung. Und deswegen gehen sie die Unterstützer noch mal schnell durch, oben auf der Terrasse im Frühlingswind: Da ist Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister von der SPD. Dann Maik Penn, der für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. So wie Stefan Förster von der FDP und Robert Schaddach von der SPD.

Ihr Architekt gehört ebenfalls in die Aufzählung, finden Schultes und Hansen, denn der hat an ihre Sache geglaubt, verfasste ein Gutachten darüber, was eine denkmalgerechte Sanierung kosten würde, obwohl seine Bezahlung lediglich für den Erfolgsfall vorgesehen war. „Ach ja, und die Leute vom Landesdenkmalamt“, sagt Schultes, „die haben die Baudokumentation beantragt.“ Das Team eines Planungsbüros hat neulich Hahns Mühle unter die Lupe genommen, im wahrsten Sinne des Wortes. „Die haben sich alles genau angesehen“, sagt Schultes, „haben Fotos gemacht, hier und da Zettelchen angeklebt, an die Fensterrahmen, an die Holztäfelung, haben Farbproben abgekratzt.“

Kunst und Kultur nach der Corona-Pandemie

Auch den Saal haben sie untersucht, in den man von der Terrasse aus blicken kann. Fahnen hängen unter der Decke wie Trophäen eines längst vergangenen Feldzugs. Ein Leuchter, Stuck, der in die Jahre gekommen ist. „Das ist der größte öffentliche Veranstaltungsraum in ganz Friedrichshagen“, sagt Hansen. Öffentlich zugänglich soll der Raum auch wieder werden. Nicht nur für Ruderer. „Kunst und Kultur sollen hier einen Platz für Veranstaltungen finden: für Lesungen zum Beispiel oder kleine Konzerte.“

Wenn die Corona-Pandemie unter Kontrolle gebracht ist, wollen sie das angehen. Das Virus hat auch die Sanierung gebremst. Das Team vom Planungsbüro kam nicht ins Berliner Bauarchiv, um historische Aufnahmen von Hahns Mühle zu studieren.

Hansen muss bei der Gelegenheit daran denken, wie der Bootsplatz vor 100 Jahren aussah: „Der bestand aus einem Mosaik.“ Der Vorsitzende nickt, als müsste er sich selbst noch einmal vergegenwärtigen beim Blick auf die Betonfläche, die grau und verwittert zum Wasser hin abfällt. Gelbe Kreuze sind aufgesprüht. Für den Mindestabstand von 1,5 Metern. Gleich kommen die Kinder des Vereins, um an Land und frischer Luft zu trainieren. Der FRV macht eine erfolgreiche Jugendarbeit, kooperiert mit Köpenicker Schulen und umliegenden Vereinen, zum Beispiel mit dem BRC Ägir nebenan, ehemals BSG Empor. Aber das ist noch mal eine eigene Geschichte, sagen Hansen und Schultes.

Die beiden sind zu einem kleinen Rundgang durch Hahns Mühle aufgebrochen. Oben unter dem Dach könnten irgendwann die Ergometer und Hanteln unterkommen. Der Raum liegt verlassen da wie zur Kaiserzeit. „Weil in all den Jahrzehnten das Geld knapp war, sind die Räumlichkeiten nie groß verändert worden“, sagt Hansen. „Weit und breit ist das in dieser Gegend die große Ausnahme. Deswegen haben sich die Denkmalpfleger ja sofort in das Haus verliebt.“

Bevor es zu spät ist, bevor sich der betagte in einen nicht mehr zu erhaltenden Zustand verwandelt, wird nun gehandelt. Die sechs Doppelzimmer und zwei Gruppenquartiere werden hergerichtet, in denen vor der Pandemie regelmäßig Ruderer übernachteten. Aus ganz Deutschland kamen sie, aber auch aus dem Ausland. Sogar aus den Niederlanden war schon eine Gruppe da. Die Quartiere sollen weiter für die Allgemeinheit zugänglich sein.

Originalgetreu muss alles bleiben in diesem national bedeutsamen Denkmal. Auch die frühere Wohnung des Bootsdieners. Hansen und Schultes müssen lange überlegen, bis ihnen die Bezeichnung wieder einfällt: „Bootsdiener!“ Die beiden schmunzeln. Künftig soll sich jemand um die Klassiker kümmern, die unten in der Halle hinter den braun lackierten Toren schlummern: um den Achter und den Vierer aus den 1920ern, den Achter aus den 1960ern. „Eigens einen Bootswart für historische Boote werden wir haben“, sagt Schultes. Das zumindest ist der Plan.

Der Denkmalschutz ist begeistert von Hahns Mühle

Schultes und Hansen sind in der Umkleide angekommen. Sie ist der einzige Ort im Haus, der einen neuen Anbau erhält. Zeitgemäße Duschen und Toiletten sollen darin untergebracht werden. Die Umkleide an sich wird saniert, aber nicht verändert, wird bleiben, wie sie die Leute vom Denkmalschutz mit großen Augen gesehen haben, als sie zum ersten Mal das Bootshaus inspizierten. „Begeistert waren die, dass es so etwas noch gibt“, sagt Hansen.

Hölzerne Spinde stehen ringsherum an den Wänden. Längsstreben an den Türen, durch die Zwischenräume ist Sportkleidung zu erkennen. Fast könnte man meinen, der Schweiß von 1913 läge in der Luft. Wird der auch konserviert? Hansen und Schultes lachen. Es klingt nach Happy End.