Brandenburg/Havel - Das Gebäude mit seinen geschwungenen Linien – außen und auch innen – hat eine klare Botschaft: Hier ist alles ganz modern. Das Gesundheitszentrum in Brandenburg/Havel ist aber keiner dieser übertrieben futuristischen Glaspaläste, sondern einfach nur schön.

Es ist ein so genanntes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), und es ist aus drei Gründen eine Besonderheit im gesamten Land Brandenburg. Zum einen ist es eines der größten und modernsten dieser Art bundesweit. Andererseits lässt es eine Idee aus der DDR wieder aufleben: die Poliklinik. Es ist also ein Ärztehaus, in dem möglichst Mediziner aus allen wichtigen Fachrichtungen für die Patienten bereit stehen.

Außerdem steht dieses Haus an einem perfekten Standort. Denn es soll möglichst viele Patienten aus dem Umland der Stadt anlocken und damit ein Bollwerk gegen denn allseits beklagten Mangel an Ärzten sein – vor allem an Spezialisten. Deshalb steht das MVZ genau gegenüber vom Hauptbahnhof von Brandenburg/Havel.

Eine Win-win-Situation für alle

„Wir haben den Standort dort ganz bewusst ausgewählt, weil am Hauptbahnhof alle Verkehrsströme zusammenlaufen“, sagt Oberbürgermeister Steffen Scheller (CDU). „Als drittgrößte Stadt des Landes haben wir natürlich auch eine Versorgungsfunktion für unser Umland.“

Mit der Standortwahl setzt man also auch auf Patienten, die ganz gezielt vom Dorf nach Brandenburg/Havel fahren, sich dort behandeln lassen und vielleicht noch Geld in den Geschäften lassen. Eine klassische Win-win-Situation für alle. Es ist eine Einmaligkeit in Brandenburg, die Schule machen könnte.

Die Verkehrsanbindung ist tatsächlich optimal: Am Bahnhof halten die klassischen Züge und Überlandbusse aus den umliegenden Orten und Dörfern, aber auch viertelstündlich die Regionalbahnen, die zwischen Magdeburg und Frankfurt (Oder) verkehren. Zudem kommen auch alle Straßenbahnen vorbei, die von den Plattenbau-Siedlungen am Stadtrand ins Zentrum fahren.

Gute Verkehrsanbindung

Und genau zwischen dem Bahnhof und dem Mediziner-Haus verläuft die vierspurige Hauptstraße der Stadt. Früher war diese Gegend ein recht trostloser Ort. Auf der einen Seite der breiten Straße befand sich nur der Bahnhof und Brachland, auf der anderen Seite waren es fast 300 Meter bis zu den ersten Häusern der Stadt. Das breite Nichts wurde mit dem 2011 eröffneten Häuserkomplex endlich gefüllt. Damit erfüllt das Mediziner-Haus auch noch eine wichtige städtebauliche Funktion.

Karin Trobitzsch sitzt bei ihrem Rheumatologen und füllt ein Formular aus. „Ich komme mit dem Bus aus dem Ort Wollin hier her“, sagt die 79-Jährige. „Ich habe mir den Termin extra so gelegt, dass ich nicht so früh raus mus.“ Die Busse fahren entweder um 8.30 Uhr oder um 12 Uhr. Sie konnte den zweiten nehmen. „Ich bin einmal im Monat hier und habe alle meine Ärzte inzwischen in diesem Haus“, sagt sie. Früher musste sie zu ihrem Arzt viel weiter in die Stadt laufen – und dann auch noch trotz Termin manchmal vier Stunden warten. „Hier ist alles bequem, es geht schnell, und die Ärzte sind gut.“ Sie habe nur noch ein Problem, erzählt sie. „Mein Mann ist noch bei einem Augenarzt in der Stadt. Er würde auch gern hierher wechseln, aber es ist derzeit alles voll.“

Die Geschäftsführerin des Hauses ist anzusehen, dass ihr ihr Arbeitsplatz gefällt. Milena Schaeffer-Kurepkat sagt, dass bekannte Krankenhausarchitekten das Haus gebaut haben. „Die wissen, was sie tun.“

Attraktive Arbeitsbedingungen für junge Ärzte

Die 54-Jährige ist auch Ärztliche Direktorin des Hauses und erzählt, dass in Ostdeutschland die Polikliniken nach dem Ende der DDR fast überall geschlossen wurden – nicht aber im Land Brandenburg. Dort setzte die damalige Gesundheitsministerin – die legendäre Regine Hildebrandt (SPD) – durch, dass die Häuser erhalten bleiben dürfen.

Als dann der Fortbestand des Hauses in Brandenburg/Havel nicht mehr gesichert war, fragte die Stadtverwaltung, ob das örtliche Klinikum es übernehmen konnte. „Das Klinikum konnte und wollte“, sagt Milena Schaeffer-Kurepkat. Das Gesundheitszentrum am Hauptbahnhof ist nun eine 100-prozentige Tochter des Klinikums. Hier gibt es 34 Praxen, 210 Mitarbeiter, davon 50 Ärzte, die alle angestellt sind. „Das sehen viel Ärzte durchaus als Vorteil“, sagt sie. Obwohl angestellte Ärzte meist weniger verdienen als niedergelassene Kollegen, müssen sie sich in einem MVZ nicht um die Bürokratie und Abrechnungen kümmern, müssen keine teuren Praxen einrichten und haben geregeltere Arbeitszeiten.

„Es gibt einen ganz klaren Trend: Seit 2012 hat sich der Anteil angestellter Ärzte verdoppelt“, sagt sie. „Junge Medizinabsolventen lassen sich lieber anstellen, weil sie dann das gesamte ökonomische Risiko nicht selbst tragen müssen. “ Attraktive Arbeitsbedingungen für junge Familien seien wichtig, denn die Ärzteschaft ist ziemlich überaltert.

Andere Praxen übernehmen

Wenn Ärzte in der Stadt oder der Umgebung – wie so oft – keine Nachfolger finden, dann übernimmt das Gesundheitszentrum auch mal die Praxen, wenn es zum Angebot passt.

Das Haus strebt eine Vollversorgung für alle klassischen Krankheiten an. „Wir sagen immer: Von A bis Z, also von Allgemeinmedizin bis Zahnarzt“, sagt Milena Schaeffer-Kurepkat. „Wir haben hier 18 Fachgebiete der Grundversorgung.“ Und ein ganz beträchtlicher Teil der 60.000 Fälle pro Quartal stamme aus dem Umland der Stadt.

Oberbürgermeister Steffen Scheller hebt noch einen anderen Aspekt hervor. „Uns geht es immer auch um die Versorgung unserer eigenen Bürger mit möglichst sehr guten Fachärzten“, sagt er. „Und wenn wir die zum Beispiel aus Berlin anwerben wollen, brauchen wir moderne und attraktive Arbeitsbedingungen und gut erreichbare Arbeitsplätze.“ Tatsächlich ist dieser Ort perfekt für Pendler. Und so reisen nicht nur Ärzte mit der Bahn an, auch viele Brandenburger, die zur Arbeit nach Berlin oder Potsdam pendeln, gehen vor oder nach der Arbeit am Bahnhof zum Arzt oder holen sich Termine.