Der größte Fehler der Schröder'schen Agenda-Politik war womöglich ihre emotionale Kälte. Es ist den damals mächtigen Sozialdemokraten nicht gelungen, den Menschen das Gefühl zu geben, ihre Partei sei noch für sie da. Ausgerechnet in der Arbeitslosigkeit, einer materiellen und emotionalen Extremsituation, fühlten sie sich von ihrer Partei verlassen. Mit brachialer Gewalt setzten Schröder und Müntefering die Reform durch.

Monatelange Massendemonstrationen haben sie ignoriert. Gerade weil sie beide für sich in Anspruch nehmen konnten, aus einfachen Verhältnissen zu stammen, wurde ihre Konsequenz, man könnte auch sagen ihre Brutalität, genau diesen einfachen Leuten gegenüber als besonders zynisch empfunden. Schläge, die man von seinesgleichen bekommt, tun mehr weh, als Schläge vom Feind. Vielleicht wäre die Sache damals noch etwas glimpflicher ausgegangen, hätte die SPD gleichzeitig den Mindestlohn eingeführt und wäre hier nicht vor den Gewerkschaften eingeknickt, die auf ihrer Tarifhoheit beharrten.

Dass die Agenda 2010 bis heute anerkannte und spürbare wirtschaftliche Erfolge für Deutschland gebracht hat, konnte nichts heilen. Auch nicht die vielen kleinen Änderungen, Rücknahmen und Reformen an der Agenda. Nicht der Mindestlohn, nicht die Verbesserungen beim Arbeitslosengeld, nicht die Angleichung der Ostrenten, nicht die vielen frauen- und familienpolitischen Leistungen. Keinem SPD-Chef in der Nach-Agenda-Zeit ist es gelungen, Vertrauen zurückzugewinnen. Gescheitert ist das sozialdemokratische Urgestein Kurt Beck, der grundsolide Frank Walter Steinmeier, der leidenschaftliche Agenda-Politiker Franz Müntefering. Am Ende war es Sigmar Gabriel, der sich glücklos sieben Jahre gemüht hat.

Weder maßvoll noch intelligent

Nur wer sich diese Historie des Niedergangs der SPD vergegenwärtigt, wird nachvollziehen können, dass Martin Schulz keine Wahl hat. Er muss den tiefen symbolischen Kniefall vor der Partei machen, will er erreichen, dass die Enttäuschten ihm und der SPD überhaupt wieder zuhören. Er muss die Agenda 2010 als „Fehler“ bezeichnen. Er muss Korrekturen ankündigen. Und es scheint zu funktionieren.

Schulz ist kein gewissenloser Populist. Deshalb wird er wissen, auf welch rutschigem Grund er agiert. Er hat bei den enttäuschten Sozialdemokraten eine Schleuse der Hoffnung geöffnet. Er hat Erwartungen geweckt, die er erfüllen muss. Ob dies mit maßvollen und intelligenten Vorschlägen gelingt?

Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes einfach zu verlängern zählt jedenfalls weder zu den maßvollen, noch zu den intelligenten Vorschlägen. Vielleicht wird die SPD dies tun müssen, eben weil die Symbolik der Agenda sich genau daran festmacht. Und natürlich ist es für jeden Betroffenen nicht unerheblich, ob er länger Arbeitslosengeld bekommt und damit vor dem Abrutschen in Hartz IV geschützt ist. Doch damit ist kein Problem gelöst. Nicht die durch Arbeitslosigkeit drohende Altersarmut. Nicht die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit. Nicht die notwendige Qualifizierung Älterer. Nicht die prekären Beschäftigungsverhältnisse. Wer hier etwas verbessern will muss sich ins sozialpolitische Klein-Klein begeben. Mal sehen, ob die Enttäuschten dann noch folgen. Und es der SPD gutschreiben.