Berlin - Nach dem Rücktritt des Grünen-Fraktionschefs Volker Ratzmann ist unklar, wer die Fraktion künftig zusammen mit Ramona Pop, Ratzmanns bisheriger Amtskollegin in der Doppelspitze, führen soll. Eine Entscheidung darüber werde voraussichtlich frühestens in der kommenden Woche fallen, sagte der langjährige Grünen-Fraktionär und Finanzexperte Jochen Esser.

Enttäuschendes Wahlergebnis

Ratzmanns Schritt nannte Esser „honorig“, weil er damit erreichen wolle, die Auseinandersetzungen der Grünen zu repolitisieren. Ratzmann werde sein Mandat behalten und gewinne daher mit seinem Rückzug aus der Fraktionsspitze „auch wieder ein Stück politische Freiheit“, sagte Esser. Zu lange schon hätten sich die Debatten nur um die Streitigkeiten zwischen dem linken Kreuzberger Parteiflügel und den Realos um Volker Ratzmann gedreht. Die Auseinandersetzungen begannen nach dem aus Grünen-Sicht relativ enttäuschenden Wahlergebnis von 17,6 Prozent und dem Platzen der rot-grünen Koalitionsverhandlungen. Ratzmann war nur denkbar knapp zum Fraktionschef wiedergewählt worden, sein Kontrahent Dirk Behrendt und weitere Kreuzberger Grüne protestierten daraufhin öffentlich, dass ihr Parteiflügel nicht angemessen repräsentiert sei.

Esser, selbst Realo, schloss allerdings aus, dass Behrendt oder die gegen Ramona Pop in einer Kampfkandidatur unterlegene Canan Bayram nunmehr Ratzmanns Platz einnehmen könnte. Dies sei nach deren öffentlichen Protest gegen eine zwar knappe, aber demokratische Wahl ausgeschlossen, sagte Esser. Mögliche Kompromisskandidaten wären nach Informationen der Berliner Zeitung etwa der Wahlkampfmanager und Ex- Fraktionsgeschäftsführer Heiko Thomas, der sich eher flügelunabhängig versteht. Oder auch der Verwaltungsexperte Thomas Birk, der bereits seit 2005 im Abgeordnetenhaus sitzt. Denkbar wären auch weniger konfrontative Parteilinke wie Stefan Gelbhaar.

Esser plädierte dafür, den gesamten Vorstand, bestehend aus der Doppelspitze, drei Stellvertretern und dem parlamentarischen Geschäftsführer, in einer Sitzung komplett zu wählen. „Wir müssen wieder in eine politische Bewegung kommen“, sagte der parteiübergreifend anerkannte Haushaltsexperte.