Parteivorsitzende sagen gerne Wörter voller Bedeutung, gewichtige, klangvolle, positive Wörter wie: Gerechtigkeit. Sozialer Frieden. Mieterschutz. Oder auch mal Stadt des Aufstiegs, so in der Art. Weniger gern sagen sie Wörter, wie sie an diesem Freitag der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß benutzen musste. Eines war am häufigsten zu hören: Quatsch.

Es sei „absoluter Quatsch“, was da über Klaus Wowereit geschrieben und gemutmaßt würde, sagte Stöß am Nachmittag im Abgeordnetenhaus in eine Kamera des RBB. Ja, eine „Quatsch-Debatte“ sei das, dass der Regierende Bürgermeister, wie es in der Boulevardzeitung BZ zu lesen war, keine Lust mehr aufs Regieren habe und angesichts mieser Umfragen und ebensolcher Aussichten plane, noch vor der Sommerpause seinen Rücktritt bekannt zu geben. Das sei „wirklich Quatsch“. Und dass er, der Landesvorsitzende, den Regierenden Bürgermeister an diesem Sonntag in Augsburg, wenn die Bundes-SPD ihr Regierungsprogramm beschließt, zur Rede stellen und gegebenenfalls die Nachfolgefrage klären werde? „Auch das ist Quatsch.“ Und: „Dem ist nichts hinzuzufügen.“

Gewöhnung an die Unbeliebtheit

Hinzuzufügen wäre allenfalls, dass auch der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, Raed Saleh, am selben Tag und Ort in dieselbe Kamera sprach, dass die Sache mit dem Rücktritt und der Amtsmüdigkeit Wowereits eine „seltsame Debatte“ sowie „Blödsinn“ sei. Damit darf man mindestens festhalten: Die beiden, neben Wowereit, derzeit wichtigsten Sozialdemokraten im Land, Saleh und Stöß, betreiben beträchtlichen Aufwand, um ein Gerücht einzufangen, das ganz offenbar und ganz ohne Quatsch einen ziemlich wunden Punkt trifft.

Das könnte daran liegen, dass die Berliner SPD und ihr Regierungschef zurzeit fast nur noch wunde Punkte haben, wohin man auch piekst. Die Umfragewerte liegen klar unter dem Wahlergebnis von 2011, das seinerseits (mit 28,3 Prozent) schon nicht sonderlich berauschend war. Die CDU, der kleinere Koalitionspartner, liegt inzwischen zuverlässig vor den Sozialdemokraten, getreu dem Bundestrend. Klaus Wowereit selbst, noch im Wahlkampf als König von Berlin gefeiert, hat sich seit dem Flughafendebakel daran gewöhnen müssen, in den Beliebtheitsskalen nach hinten durchgereicht zu werden, jeden Monat aufs Neue.

Geordneter Übergang ohne Putsch und Krise

Am Jahresbeginn, als die vierte BER-Startverschiebung bekannt wurde, war der Senatschef dem Hinschmeißen so nah wie nie zuvor – verhindert hat dies vor allem die Tatsache, dass kein möglicher Nachfolger schon wirklich bereit war: weder Stöß noch Saleh noch die beiden SPD-Senatsmitglieder Dilek Kolat und Michael Müller. Seitdem steht Wowereit jedenfalls unter verschärfter Beobachtung und jedes noch so kleine Lame-Duck-Indiz wird mit einer gewissen Dankbarkeit notiert, weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entspricht.

Vielleicht hilft es bei der Wahrheitsfindung, einige Wahrscheinlichkeiten zu erörtern. Dass Wowereit noch einmal, planmäßig wäre dies 2016, als Spitzenkandidat der SPD antritt, ist schon angesichts des Imageverlustes höchst unwahrscheinlich. Geplant ist in der SPD daher ein geordneter Übergang, bitte ohne Putsch und Regierungskrise, wofür man eine präsentable Nachfolgeregelung sowie den richtigen Zeitpunkt braucht. Höchst unwahrscheinlich ist dabei, dass dieser Zeitpunkt vor der Bundestagswahl am 22. September liegt. Denn die dann befürchtete Wahlschlappe wäre der erste Tiefschlag für jeden Neuling im Amt.

Höchst wahrscheinlich ist wiederum, dass sehr bald nach der Bundestagswahl die Nachfolge-Debatte in der Berliner SPD losbricht, und zwar ganz offiziell. Viel Zeit zum Üben bleibt den Erbinnen und Erben also nicht mehr.