Es sind bunte Comicbilder mit Helden, die schon mal in die Rollen von Asterix und Obelix schlüpfen oder plötzlich in einem absurden Vergnügungspark stehen. Und, ja: diese Bilder haben ihren Zeichner sogar über Nacht aus einem Brotjob in seinen Traumberuf katapultiert. Und doch führen sie den Leser tief hinab in die dunkelsten Abgründe der Seele des Zeichners, des Autoren, des Vaters: Fabien Toulmé.

Jetzt sitzt der Franzose aus Aix-en-Provence, 35, in einem Frankfurter Hotelzimmer, bevor er seinen Comicroman mit diesen Bildern auch in einer deutschen Ausgabe dem hiesigen Publikum auf einem Buchfestival vorstellt. Er streicht über seinen Vollbart, rückt die Brille zurecht, und sagt dann, er musste die Abgründe zeigen. Nur so konnte er die ganze Geschichte erzählen. Seine Geschichte. „Ohne die dunklen Momente versteht man sie nicht.“

Nicht die geringste Zuneingung

Zum Beispiel auf Seite 95: Da steht er, als ungelenke Comicfigur, vor dem Babybett, in dem seine neugeborene Tochter liegt. Julia. So heißt sie wirklich, es ist ja Toulmés wirkliche Geschichte. Julia ist mit einem Herzfehler geboren und darf deshalb nicht bei der Mutter schlafen. Vor allem aber hat sie den Gendefekt Trisomie-21. Downsyndrom. Es ist die Diagnose, die Toulmé über alles befürchtet hatte, die ihn – hier ganz bildlich – als Damoklesschwert trifft und schlagartig sein Leben, also diesen Comicroman bestimmt. Nun besucht er gerade seine Tochter zum ersten Mal, seit er es weiß. „Da lag Julia, direkt vor mir“, beschreibt er den Moment, „so zerbrechlich – und trotzdem verspürte ich nicht die geringste Zuneigung zu ihr.“ Eine Krankenschwester sagt, er könne sie gern auf den Arm nehmen. Er lehnt ab.

Oder auf Seite 98: Da ertappt er sich bei dem Wunsch, Julia möge ihren Herzfehler nicht überleben. „Damit dieser Albtraum endlich endet“. In diesen Momenten ist der Leser schockiert, fassunglos, zumindest irritiert. Es geht doch um die eigene Tochter dieses Typen, der da in bläulicher Knollennasenversion vor dem Krankenhausbett steht und dem Baby den Tod wünscht, nur weil es behindert ist. Und doch verzeiht man ihm bald. Vor allem, weil er sofort erzählt, wie schockiert und fassungslos er selbst darüber war; so wütend auf sich, dass er wie der Superhelden-Wüterich Hulk aus Haut und Hemd fährt, ganz grün eingefärbt. Immerhin sind wir hier im Comic.

„Ich bin trotzdem froh, dass du da bist.“

Und so erleben wir gemeinsam mit dem Helden, wie er in seine neue Rolle hineinwächst: nicht mehr nur Papa einer Tochter wie der ersten, heute 9-jährigen zu sein – sondern eben auch einer Tochter mit Downsyndrom. Die er, das darf verraten werden, am Ende so uneingeschränkt liebt wie die erste. „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“, sagt er da, übers Baby gebeugt, „ich bin trotzdem froh, dass du da bist.“

„Seit ich begann, die Geschichte zu zeichnen, wollte ich diese Evolution erzählen“, sagt Toulmé. „Dazu gehören aber alle Phasen: von der anfänglichen Ablehnung, über Wut und Selbstmitleid, bis zum Annehmen der Situation – schließlich der Liebe, die alle Eltern fühlen.“ Um das zu zeigen, musste er schonungslos sein – zum Leser, vor allem zu sich selbst.

Den Widerwillen darstellen

Und siehe da: Als sein Buch vor einem Jahr in Frankreich erschien, war die Resonanz riesig – und positiv: „Eltern mit Down-Syndrom-Kindern schrieben mir, dass sie die gleichen Erfahrung gemacht hatten: der Widerwille, über den sie nicht sprechen konnten ... Sie dankten, dass ich es schaffe, diese Gefühle darzustellen.“

Toulmés Bilder sind nicht immer ernst oder politisch korrekt. Als die Eltern auf der Suche nach dem Arzt hin und her durch die Klinik geschickt werden, verwandeln sie sich zu Asterix und Obelix, die bei in Rom durchs „Haus, das Verrückte macht“ irren: eine Amtsstube. So oft pilgern die Eltern von einem Arzt zum nächsten, dass Toulmé es als Besuch im Freizeitpark „Handicap-Land“ zeigt: „Hereinspaziert, hereinspaziert!“, ruft eine Ärztin im Clownskostüm. „Wir haben für jeden Geschmack das Passende: Kardiologen, Psychologen und Physiotherapeuten… Heute Gratisfahrt mit der Achterbahn der Gefühle!“

Das Buch wurde ein Überraschungserfolg 

Auch das große Interesse der französischen Medien, das Lob der Zeitungen, die Einladungen ins Fernsehen verblüfften Toulmé. Das Buch wurde ein Überraschungserfolg. Kritiker und Talkshow-Macher mochten, dass es Toulmé gerade wegen des fehlenden pädagogischen Anspruchs gelingt, seine Erinnerungen und Gedanken nachfühlbar zu machen. Dass die Schonungslosigkeit, aber auch der Witz es erleichtern, Ängste zu besprechen: davor, sich noch als Greise ums Kind kümmern zu müssen; davor, dass das Leben nie mehr wird wie geplant.

Experte der Überforderung

So wurde Toulmé in Frankreich zum Alltagsexperten: im Fernsehen, auf Lesungen, bei Besuchen in Schulen – „nicht als Experte für Downsyndrom. Sondern als Experte dafür, wie überfordert ein Vater sein kann, der am Ende doch zurechtkommt.“

Sein Comic endet, als Julia drei Jahre alt ist. Heute ist sie 6, geht auf eine normale Schule, „es geht ihr prima“, sagt Toulmé. „Sicher, sie entwickelt sich langsamer, fing erst mit 3 zu laufen an und erst mit 4 zu sprechen. Aber sie hat Stärken, mit denen sie die meisten Menschen übertrifft: zum Beispiel ist sie sehr begabt darin, von jedermann sofort gemocht zu werden.“ Papa ist heute so stolz auf Julia wie auf seine andere Tochter, so stolz wie jeder andere Vater.

Sein Leben hat sich verändert

Fabien Toulmés Leben hat sich durch den Erfolg seines Comicromans noch einmal radikal geändert: Vor Julias Geburt war er Ingenieur, zeichnete nur hobbymäßig ab und zu für kleine Magazine – bis er sein Buch zu Papier brachte – nachts, wie im Rausch, während er tagsüber ins Ingenieursbüro ging. Dank des Erfolgs ist er heute Vollzeit-Comiczeichner. So verhalf ihm Julia schließlich sogar dazu, seinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen.

An einem neuen Buch sitzt er auch schon. Es geht um eine Veränderung in der Gesellschaft, die ihm aufgefallen ist: „Die Menschen sind öfter bereit, ihrer Leidenschaft zu folgen“, sagt er. „Früher wäre doch kaum jemand aus einem Job geflohen, egal, wie grauenhaft er war.“ Man habe ja die Familie ernähren, Rechnungen bezahlen müssen. Heute seien viele Menschen eher zu Abstrichen bereit, um glücklicher zu leben. „Aber nicht jeder: Wenn Leute von meiner Comic-Karriere hören, sagen viele: Ich wäre lieber Musiker, würde Theater machen... Ich frage mich: Was hält uns davon ab, wann wagen wir es?“ Der Held in seinem neuen Comic plage sich mit diesen Fragen, sagt Toulmé. Die Geschichte sei fiktiv. „Aber sie ist von meinem Leben inspiriert.“

DAS BUCH:Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt (Avant Verlag, 248 S.)