Nelu, was hat denn Berlin, das Bukarest nicht hat?

Anständig bezahlte Arbeitsplätze. Nach der Wirtschaftskrise ist in Bukarest nichts mehr zu wollen. Es wird einfach nichts mehr gebaut. Früher klingelte mein Handy wie verrückt, alle wollten mal schnell die alte Wohnung renovieren lassen, oder ein neues kleines Haus am Stadtrand bauen lassen. Na gut, reich sind wir nicht geworden, die schönsten Profite kassierten natürlich die Bauunternehmen. Aber die brauchten uns halt. Jetzt sind unglaublich viele schon pleite, die Baustellen liegen verlassen da. Und wenn du die Firma wechseln willst, bieten sie dir 200 Euro im Monat.

Aber man sagt, die Lebenskosten sind auch niedriger dort.

Quatsch. Manches ist billiger, Bier zum Beispiel. Hier findest du ja keins in Zwei-Liter-Plastikflaschen zu einem Euro die Flasche, wie bei uns. Aber im Supermarkt sind die Lebensmittel meistens hier billiger. Ich wundere mich oft, wie viel ich für fünf Euro einkaufen kann. Da wird man den ganzen Tag satt. Und fünf Euro bekommst du hier schon für eine Stunde Arbeit. Wo arbeitest du in Bukarest eine Stunde und wirst für den Tag satt? Vielleicht, wenn du in der Politik bist.

Was meinst du, warum ist das so?

Ich vermute, weil die hier besser organisiert sind. Bei uns sind zum Beispiel Milch und Butter deutlich teurer. Aber es ist nicht der Bauer in Rumänien, der mehr kassiert. Im Gegenteil, der bekommt fast nichts. Die Supermarktketten streichen den Aufpreis ein, weil sie aus Westeuropa kommen und Druck machen können. Wenn der Bauer ein bisschen mehr verlangt, wird die Butter aus Deutschland importiert. Wenn die Verkäuferin mehr als den Mindestlohn will, wird sie gefeuert.

Du hast keine regelmäßige Arbeit.

Nein, weil es mit den Papieren so lange dauert. Für alles brauchst du erst eine Anmeldung. Die bekommst du im Prinzip nur, wenn du eine Wohnung hast. Aber wenn du eine mieten willst, musst du eine Arbeit haben, und dafür brauchst du eine Anmeldung. Es ist verrückt.

Ein Teufelskreis. Wie sieht der Ausweg aus?

Du musst entweder einen Bekannten finden, der dich an seiner Adresse anmeldet. Oder du findest einen Auftraggeber, der so nett ist, dass er sich darum kümmert. Letzteres ist sehr schwierig. Deutsche Auftraggeber verlangen eine Anmeldung, aber es interessiert sie nicht, wie du sie bekommst. Ich selber habe einen Bekannten gefunden, der mir geholfen hat, aber auch das war nicht einfach, weil die meisten Osteuropäer viel Geld dafür wollen. Und ich wollte keine Hunderte von Euros für ein Stück Papier mit einer Adresse ausgeben, das man beim Rathaus in fünf Minuten bekommt.

Es ist also nicht die deutsche Bürokratie, die zu langsam ist?

Nein. In Rumänien dauert eine Ummeldung eine Woche, hier machen sie es ruck-zuck. Aber die Regeln sind absurd. Im Moment kannst du nur Arbeit finden, indem du dich selbstständig machst. Sonst müsste sich der Arbeitgeber bei Behörden rechtfertigen, warum er einen Rumänen anstatt eines Deutschen oder eines Italieners einstellt.

Das ändert sich aber ab Januar 2014 mit der vollen Freizügigkeit.

Genau, diese Art von Diskriminierung fällt dann weg. Aber ein Gewerbe, in meinem Fall ein Maurergewerbe, bleibt auch dann die beste Option, weil die meisten Auftraggeber keine regulären Arbeitsverträge mit Sozialabgaben anbieten. Das ist genau so in Rumänien. Alle wollen Geld sparen, deshalb musst du dich selbstständig machen. Jetzt habe ich diese Formulare beim Finanzamt ausgefüllt, ein Freund hat mir dabei geholfen, weil alles nur auf Deutsch ist. Ich warte nur noch auf die Steuernummer. Mit der kann ich dann Rechnungen schreiben.

Fragen die Kunden denn immer nach einer Rechnung?

Viele, ja, viel mehr als in Rumänien. Aber längst nicht alle. Das hat mich überrascht. Ich dachte, hier gibt es kaum Korruption oder Steuerhinterziehung. Neulich in der S-Bahn haben uns die Kontrolleure wieder ohne Fahrkarte erwischt, und einer meinte zu uns so etwas wie: „Zehn Euro pro Nase und ihr könnt weg!“. Und ich dann: „Zehn Euro – Tasche? Telefon – Polizei!“ Als ich mein Handy aus der Tasche zuckte, waren sie schon weg.

Hast du oft in Berlin Diskriminierung erlebt?

Definitiv. Ich kann im Moment nur ein paar Worte verstehen, aber es ist schon klar, was viele über uns denken. Die schauen auf uns herab, als ob wir irgendwie daran schuld wären, dass es uns gibt.

Warum benehmen sie sich so?

Weil sie rassistisch sind. Nicht alle, aber viele. Sie denken, wir seien alle kriminell und bettelarm und wollten nur ihre Jobs wegnehmen. Dabei gibt es keinen Andrang von deutschen Arbeitern, die den ganzen Tag auf dem Bau schuften wollen. Die große Mehrheit der Arbeitswilligen in diesem Beruf sind Ausländer.

In Deutschland diskutiert man jetzt viel über Migration aus Rumänien.

Ich lese in den rumänischen Nachrichten fast jede Woche, dass die deutschen Medien immer wieder über die Armutsmigration aus Osteuropa diskutieren. Es ist echt sehr heuchlerisch. Ich kann es nachvollziehen, wenn sie sagen, „wir haben keine Lust, dass ihr uns auf der Tasche liegt“. Und wenn die rumänische Regierung Löhne kürzt und alles für lau privatisiert, dann heißt es, dass wir wettbewerbsfähiger geworden sind und dass sich Rumänien modernisiert hat. Als Merkel nach Bukarest fuhr, gratulierte sie dem Staatspräsidenten Traian Basescu für die Durchsetzung der Sparprogramme und forderte noch mehr. Wenn die Armutsmigration so ein großes Problem ist, warum fordert sie keine Lohnerhöhungen?

Du vermisst also Rumänien und Bukarest gar nicht?

Doch, ein bisschen schon. Das Essen, vor allem. So eine fette Kuttelsuppe mit saurer Sahne und Chilis! Oder echte Sarma, die bei uns anders schmecken als bei den Türken hier. Meine Freundin habe ich am Anfang auch vermisst, aber jetzt lebt sie hier mit mir. Ich könnte mir vorstellen, irgendwann zurückzukehren, aber nicht unter den heutigen Bedingungen.

Vermisst dich jemand dort?

Ja, meine Geschwister und ein paar Freunde. Aber es ist nicht mehr wie früher, als man nur mit Pass und Visum reisen durfte. Heute packt man seinen Personalausweis ein, steigt in den Flieger oder ins Auto und besucht sichl. Man muss nur das Geld haben, aber mittlerweile ist es sehr billig, ein Flug hin und zurück kostet nur 150 Euro, wenn man rechtzeitig bucht.

Hast du auch in Rumänien Diskriminierung oder Ausgrenzung erlebt?

Ja, aber weniger als andere. Ich war ja dort sehr gut integriert. Ich habe einen Schulabschluss, ich wohnte mitten in Bukarest in einer normalen Wohnung und nicht in irgendeinem Slum oder in einem Dorf ohne Wasser und mit dem Klo draußen auf dem Hof. Dumme Sprüche habe ich mir oft anhören müssen. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist, dass es keine Arbeit gibt. Und der Staat hat für dich nichts übrig.

Wie meinst du das?

Naja, der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 200 Euro im Monat, davon zahlst du nicht mal die ganzen Nebenkosten im Winter. Das Arbeitslosengeld ist ein Witz, 50 Euro im Monat, für dieses Geld lohnt es sich nicht mal, zum Amt zu fahren und zurück. Die Regierung ist seit Jahren nicht in der Lage, uns Autobahnen wie im Westen zu bauen. Das Gesundheitssystem ist kaputt, die Ärzte sind schlecht bezahlt und verlangen Bakschisch oder hauen ab. Du hast keine Ahnung, wie viele rumänische Ärzte in Berlin leben!

Hast du denn schon einen gefunden?

Ja, ich habe jetzt eine Hausärztin aus Rumänien, die ihre Praxis in der Nähe vom Bahnhof Zoo hat. Bisher musste sie mich gratis behandeln, weil ich noch keine Krankenversicherung habe. Die darf ich nur mit der Steuernummer abschließen.

Und wann ist eine Wohnung dran?

Haha, das frage ich mich auch! Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser Baracke noch aushalten können. Der Winter kommt und wir haben nur einen Gasherd, keine Heizung. Sonst ist es sehr grün und schön hier. Die Eigentümer der Gärten kommen eh nur im Sommer vorbei, also wir stören niemanden. Die meisten Nachbarn waren bisher sehr nett zu uns. Aber im Winter wird es hart sein, wenn wir nichts anderes finden. Bei der Wohnungssuche sind wie auf Freunde und Bekannten angewiesen, weil wir die Sprache noch nicht sprechen. Es ist schwierig: Die Deutschen vermieten uns nichts, weil wir aus Rumänien kommen oder weil wir noch kein regelmäßiges Einkommen nachweisen können. Die Osteuropäer verlangen horrende Summen für ein winziges Zimmer zu dritt – die nehme ich nicht mehr ernst!

Wird sich der Kampf lohnen?

Hoffentlich. Ich habe nur selten von Rumänen gehört, die so doof waren, dass sie es im Westen nicht geschafft haben. Auch diejenigen, die in Italien oder Spanien leben, die zwei oder drei Millionen, die sind fast alle dort geblieben, Wirtschaftskrise hin oder her. Viele haben sich schon Wohnungen gekauft, sie haben jetzt Kinder. Überleg mal: Fünf oder sechs Euro die Stunde, das macht 200 die Woche, wenn du Glück hast. Das ist viermal so viel wie in Bukarest.

Du hast dir auch ein Auto gekauft!

Ach dieses hier, ja, es hat 300 Euro gekostet. Baujahr 1997. Bei der Kupplung gibt es ein kleines Problem, sonst funktioniert alles richtig. Wenn sich die Kupplung reparieren lässt, kann ich endlich eine Woche nach Bukarest fahren.

Durch Berlin fährst du auch gerne.

Klar! Es ist anders als in der S-Bahn oder zu Fuß. Vor ein paar Tagen bin ich hier in Neukölln rumgefahren und ich habe ein Schloss entdeckt. Ich wusste nicht, dass sie so etwas haben. Ein anderes Mal haben wir Würstchen und Bier vom Discounter gekauft und sind nach Kreuzberg gefahren, weil wir gehört haben, dass man dort schön grillen kann. Es war nett, ein bisschen wie in Bukarest, nur kälter. Die Menschen waren dort im Park sehr freundlich und entspannt, wir haben uns sehr gut gefühlt. Nur von dem Navi verstehe ich bisher nur „links“ und „rechts“. Aber vielleicht lässt sich so ein bisschen lernen.

Das Gespräch führte Silviu Mihai.