Das erste, was einem auffällt, wenn man die U-Bahnstation Märkisches Museum verlässt und von der Wallstraße aus über die Fischerinsel schaut, ist ein großer, grauer Klotz. Das Schloss, so nah! Beim Blick auf die Baustelle für das Humboldt-Forum wird einem erst klar, dass diese Gegend tatsächlich zum Zentrum von Berlin gehört. Innenstadt schon, aber Zentrum?

Jahrzehntelang lag das Viertel südlich des Spittelmarktes im Schatten der Wahrnehmung. Was früher ein lebendiges Quartier mit Wohnhäusern, Gewerbehöfen, Straßenbahnen gewesen ist, hatte in Folge von Krieg und Mauerbau nicht nur seinen ganz eigenen Charakter verloren, es hörte praktisch auf zu existieren. Übrig blieb ein Riss im Gewebe der Stadt.

Nun soll sich das ändern, doch wie erweckt man eine solche Brache wieder zum Leben? In gewisser Weise ähnelt dieses Vorhaben einem medizinischen Prozedere. Zunächst einmal werden dem geschundenen Körper etliche neue Häuser eingepflanzt. Das ist in den letzten Jahren im Bereich um Kommandantenstraße, Beuthstraße, Neue Grünstraße und Seydelstraße in kürzester Zeit geschehen. Wo bis eben noch Unkraut wuchs, stehen auf einmal Gebäude. Jetzt aber müssen diese Transplantate aus Beton und Glas vom Organismus angenommen werden, sie müssen pulsieren, atmen, sich assimilieren.

Noch wirken die Straßen leer und fremd und abweisend. Das hat auch damit zu tun, dass nicht nur die Hauseingänge verschlossen sind, sondern oft auch die Toreinfahrten. Die Höfe der Gebäuderiegel liegen hinter Gittern. An der Mauer der „Fellini Residences“, einer architektonisch fragwürdigen Wohnanlage im Stil eines Palais ist zu lesen: „Privateigentum. Betreten und Hausieren verboten.“

Gleich nebenan, im Erdgeschoss eines weiteren Neubaus, hat sich Nguyen Dinh Xuong mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft eingerichtet. In seinem „Hofladen“ verkauft er vorwiegend Bioprodukte, Wurstspezialitäten aus der Schorfheide, Käse aus der Uckermark. Das heißt, er würde all das gern verkaufen. Denn es kommt kaum jemand. „Die Ecke ist noch recht ruhig“, sagt er. „Ich hoffe, das wird sich ändern.“

Seit Oktober hat der 39-Jährige, von Beruf Schauspieler, geöffnet. Er war nicht nur der erste Einzelhändler hier, bis heute ist er auch der einzige. Er denkt, dass er es vielleicht zu eilig hatte. So bleibt ihm die Zeit, sich Gedanken über seine noch spärliche Kundschaft zu machen. Ein paar Spanier, Franzosen, Leute aus Süddeutschland. „Die Menschen sind ein bisschen komisch“, sagt er. „Sie wollen in der Stadt wohnen, aber Ruhe haben wie auf dem Dorf. Das geht nicht.“

Wahrscheinlich geht es doch. Viele Läden werden hier nicht öffnen, auch keine Cafés oder Restaurants. Die Stadtverwaltung sieht kaum Möglichkeiten, die Gegend zu beleben. „Wir versuchen, im Erdgeschoss auch mal eine Bäckerei oder einen Coffeeshop unterzubringen, sagt Kristina Laduch, die in Mitte das Stadtplanungsamt leitet. Das sei aber ganz schwierig „bei diesen neuen Anlagen“. Zuletzt habe sie darum gekämpft, in einem Eckhaus an der Seydelstraße ein Café unterzubringen. „Die Leute könnten da sitzen und später einmal bis zum Schloss gucken“, sagt sie.

„Keine Chance, da ist jetzt eine Wohnung drin.“ Private Bauherren würden heute fast ausschließlich auf Wohnraum setzen, der sich als Eigentum vermarkten lässt. Auf den Reklametafeln am Straßenrand klingt das dann wie folgt: „Meine Mitte. Jeden Tag Schönes Erleben.“ Oder auch: Ein bisschen Paris, etwas New York und ganz viel Berlin. Hier entsteht das Zuhause für Cosmopoliten.“ Wenn diese Cosmopoliten mal etwas erleben wollen, müssen sie schon ein paar Schritte laufen. Vor der Tür liegt eher Parchim als Paris.

Kristina Laduch, die schon 1987 als Stadtbezirksarchitektin von Mitte an der Sanierung der Sophienstraße in Ostberlin mitgewirkt hat, sieht diese Entwicklung kritisch, aber auch mit einer gewissen Langmut. „Ich habe schon viele Wellen erlebt, und nach jeder Welle kam die nächste.“ Erst Büros, dann Multiplexkinos, dann Einkaufszentren, dann Hotels, jetzt Wohnungen. In den 90er-Jahren habe sie für das Wohnen kämpfen müssen. „Heute müssen wir aufpassen, dass es nicht zu viel Wohnen gibt.“

Zum Teil würden nun schon Büros in Wohnungen umgewandelt. Vor drei, vier Jahren, während der Finanzkrise, habe das ausländische Kapital Berlin entdeckt. Wer Geld hatte, habe hier Grundstücke erworben. Käufer kämen unter anderem aus China, Russland, Spanien, Italien, Griechenland und aus arabischen Ländern. Der grassierende Neubau an Eigentumswohnungen speziell an diesem Ort sei nun aber auch keine Katastrophe, entlaste das doch den Markt für Mietwohnungen im Zentrum. Wie so oft im Leben hängt vieles mit vielem zusammen.

Medizinisch gesehen ist bei der Operation in diesem Viertel eine Narbe zurückgeblieben. Im Moment fühlt sich die Stadt hier etwas taub an, die Nervenfasern des umliegenden Gewebes müssen sich erst noch vernetzen. Doch Narben verheilen mit der Zeit, bis man sie irgendwann nicht mehr spürt.