Auf den verschiedenen Ebenen des Hauptbahnhofs und auf sämtlichen Bahnsteigen gibt es Leitstreifen für Blinde und Sehbehinderte. An den Handgriffen der Treppen sind für sie kleine Schilder angebracht, die in Brailleschrift darauf hinweisen, wohin sie führen. 54 Fahrtreppen erleichtern gehbehinderten Menschen den Weg durch den Glaspalast. Zudem sorgen 39 Aufzüge für Barrierefreiheit. Vorbildlich, barrierefrei sowie mit einem kompletten Blindenleitsystem ausgestattet sei der Bahnhof, urteilt der Runde Tisch Barrierefreie Stadt. Am Dienstag wurde deshalb dem Bahnhof die Plakette zum Access City Award 2013 verliehen.

Der Hauptbahnhof sowie das Grimm-Zentrum und das Otto Bock Science Center, die ebenfalls mit Plaketten ausgezeichnet wurden, stehen stellvertretend für viele Projekte, wie der Senat eine barrierefreie Stadt gestalten will. Ziel ist es, Berlin auch für Menschen mit körperlichen Behinderungen, für Gehörlose und Sehbehinderte attraktiv und zugänglich zu machen. Für seine Initiativen hat Berlin im Dezember 2012 von der Europäischen Kommission den City Award als barrierefreie Stadt verliehen bekommen. Und sich dabei international gegen 99 Städte durchgesetzt – die Auszeichnung gilt für ein Jahr.

Neue touristische Routen

„Barrierefreiheit muss heute bei allen Planungen mitgedacht werden“, sagt Ephraim Gothe, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Er leitet den Runden Tisch zur Barrierefreiheit, an dem viele Unternehmen und Verbände zusammenarbeiten. Die Tourismus-Marketingagentur Visit Berlin etwa will jetzt zwei touristische Routen entwickeln, die komplett barrierefrei sein soll. Bekannte Sehenswürdigkeiten wie der Reichstag sowie Museen und Gaststätten sollen dabei verknüpft werden, einbezogen werden der Boulevard Unter den Linden sowie die Gedenkstätten am Brandenburger Tor.

„Themen für uns sind auch barrierefreies Wohnen in Hotels, barrierefreies Einkaufen, barrierefreie Gastronomie. Wir wollen zeigen: Jeder ist Willkommen in der Stadt, jeder soll sich wohlfühlen“, sagt Gerhard Buchholz von Visit Berlin. Dazu wird derzeit ein dreiminütiger Image-Film produziert, der demnächst in Kinos, möglicherweise auch im U-Bahnfernsehen zu sehen sein soll. Die barrierefreien Routen durch die Innenstadt sollen zur Internationalen Tourismusbörse im März 2014 vorgestellt werden.

Probleme bei der Fahrgastschifffahrt

In Berlin hat jeder sechste Bewohner eine Form der Behinderung. Zehn Prozent der Bevölkerung sind auf Barrierefreiheit wie abgesenkte Bordsteine an Kreuzungen, niedrige Einstiege in Verkehrsmittel sowie Fahrstühle angewiesen. Von den Maßnahmen für eine barrierefreie Stadt profitieren laut Visit Berlin aber nicht nur die Behinderten selbst, sondern insgesamt etwa 40 Prozent der Berliner zum Beispiel ältere Menschen und Familien mit Kinderwagen.

Während S- und U-Bahn schon weitgehend behindertengerecht sind, funktioniert das bei der Fahrgastschifffahrt kaum. Insbesondere in der Innenstadt, wo es die meisten Touristen gibt, sind die Probleme am größten. Platz für moderne Anleger gibt es nicht. Und wegen der hohen Uferwände können keine Rampen oder Fahrstühle gebaut werden. Rollstuhlfahrer können bisher nur die Anlegestelle am Haus der Kulturen der Welt nutzen – abgesehen von den Anlegern im Treptower Hafen, nahe Osthafen, in Wannsee und Tegel, die zu weit weg sind.

Für die beliebten Brückentouren durch die Innenstadt will nun die Reederei Stern und Kreis ihren Anleger an der Jannowitzbrücke barrierefrei umgestalten. Dafür gibt es mehrere Varianten, etwa einen direkten Ausgang vom U-Bahnhof zur Uferpromenade, das kostet bis zu vier Millionen Euro, könnte aber laut Wirtschaftsverwaltung von der Europäischen Union gefördert werden. Wie Bernd Grondke von Stern und Kreis sagt, werde auch überlegt, ob ein Aufzug oder Rampen installiert werden können. Und ein weiteres Problem will Staatssekretär Gothe angehen: Lediglich 16 der 7 200 Taxis in Berlin seien in der Lage, Rollstuhlfahrer mitzunehmen.