Rundfahrt mit Expertin: Wie sieht die Energie-Zukunft Berlins aus?

Berlin - Ein spazierganglanges Gespräch über die Energiewende – mit „Miss Energiewende“, wie Claudia Kemfert von der Wochenzeitung Die Zeit einmal genannt wurde. Das Thema ist aktuell wie nie. Der Klimagipfel in Marrakesch fand im November statt, der Klimawandelskeptiker Donald Trump ist inzwischen US-Präsident, und die EEG-Umlage ist 2017 wieder gestiegen. Eine Route vorbei an der US-Botschaft und dann entlang von Kohle- und Gaskraftwerken bietet sich an. Mit Kemfert aber nicht zu machen: „Das wäre sehr rückwärtsgewandt.“ Wo dann? „Lassen Sie sich überraschen.“ Treffpunkt: Montag, 10 Uhr, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin-Mitte. Kemfert fängt uns vor dem Eingang ab, lotst uns zur gegenüberliegenden Straßenseite. Nun wird klar: Kein Spaziergang. Eine Spazierfahrt in einem elektrischen Car-Sharing-Auto. Wohin denn nun? „In die Zukunft der Energiewelt“, sagt Kemfert. Mehr wird nicht verraten. Wir steigen ein.

Frau Kemfert, da Sie einen so großen Wissensvorsprung haben, lassen Sie uns mit ein paar Orakelfragen beginnen. Wann läuft in Deutschland der letzte Benzin-Pkw vom Band?

Setzen wir den Klimaschutzplan 2050 konsequent um, der durchs deutsche Parlament ging und in Marrakesch vorgestellt wurde, darf nach 2030 kein Neuwagen mit fossilem Verbrennungsmotor mehr auf die Straßen kommen.

Wann wird die letzte Schaufel Kohle verfeuert?

Das letzte deutsche Kohlekraftwerk wird wohl 2040 stillgelegt. Bis dahin muss der Kohleausstieg abgeschlossen sein.

Wann werden die letzten Öl- und Gasheizungen abgeschaltet?

Auch hierfür nennt der Klimaschutzplan klare Ziele. Die Emissionen im Gebäudebereich müssen drastisch gesenkt werden. Durch Energiesparen, bessere Effizienz. Und dadurch, dass man die fossilen Heizsysteme gegen moderne auf Basis erneuerbarer Energien austauscht. Das dauert natürlich. Bis 2030, 2040, 2050. Orakelfragen sind ja immer so eine Sache. Vor zehn Jahren prognostizierten Sie, dass der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix 2020 nicht über 20 Prozent liegen wird. Und wir sind heute schon weit drüber! Der Anteil liegt aktuell bei 33 Prozent.

Was war der überraschende Faktor, den Sie nicht auf dem Schirm hatten?

Die CDU-geführte Bundesregierung war damals nicht gerade eine engagierte Verfechterin der Energiewende. Politisch ging wenig vorwärts. Was sich über die Jahre jedoch als erstaunlich wirkungsvoll herausgestellt hat, war das 2000 von Rot-Grün verabschiedete Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seinen festen Vergütungssätzen. Zudem sind die Kosten erneuerbarer Energien massiv gesunken. Ein riesiger Erfolg. Der aber nun dazu geführt hat, dass die Regierung eine Vollbremsung hinlegt und versucht, die Erneuerbaren mit der EEG-Novelle abzuwürgen.

Könnte eine kleine Verschnaufpause nach einem so fulminanten Zwischenspurt nicht guttun?

Die Energiewende hat zum Ziel, dass wir den Anteil der Erneuerbaren bis 2050 auf 80 Prozent erhöhen. Da bleibt keine Zeit für eine Verschnaufpause. Die Regierung führt hier einen Kampf für – zugegeben: in der Vergangenheit wichtige – Arbeitsplätze in der Kohleindustrie. Dafür werden die schon heute viel zahlreicheren Jobs in der Zukunftsbranche der Erneuerbaren aufs Spiel gesetzt. Das ist kontraproduktiv, riskant und teuer.

Weshalb teuer? Die Kohlekraftwerke sind preislich doch durchaus konkurrenzfähig.

Erstens ist die fossile – und auch die atomare – Energie viel teurer, als es auf den ersten Blick scheint. Denn anders als bei den Erneuerbaren können Sie deren reelle Kosten nicht Ihrer Stromrechnung entnehmen. Es gibt Subventionen und externe Kosten, die unsichtbar gehalten werden. Das ist politisch gewollt. In den 80er Jahren hatte Helmut Kohl einmal eine Kommission beauftragt, den ehrlichen Preis für das fossile, atomare Energiesystem zu berechnen. Nachdem klar war, dass der Strompreis sich verdreifachen müsste, hat man entschieden, lieber nicht so ehrlich zu sein.

Und zweitens?

Das neue Energiesystem, auf das wir zusteuern, hat nichts mehr mit dem alten zu tun. Es wird intelligenter, flexibler, dezentraler. Dafür müsste man sich nun konsequent vom alten System verabschieden. Stattdessen wird versucht, diese riesigen unflexiblen Kohlekraftwerke möglichst lange am Netz zu lassen. So unterhält man zwei Energiesysteme parallel, die sich nicht miteinander vertragen. Wirtschaftlich völlig widersinnig. Und ökologisch absurd. Deutschland dürfte deswegen seine Klimaziele für 2020 verfehlen.

Wie wären sie noch zu erreichen?

Alle alten, ineffizienten Kohlekraftwerke sollten sofort abgeschaltet werden. Dann würde die EEG-Umlage sinken. Und es würde sich zeigen, dass wir für die Energiewende gar nicht einen massiven Ausbau der Stromnetze benötigen, wie die großen Energiekonzerne immer behaupten. Den brauchen nur die Konzerne selbst. Sie erwirtschaften damit Traumrenditen.

Schöneberg, im äußersten Südwestwinkel des Berliner S-Bahn-Ringes. Vor uns das Stahlgerippe eines ausrangierten Gasometers, das fast 80 Meter in den Himmel ragt. Hier entsteht seit 2007 der Euref-Campus, ein Zukunftslabor für die nachhaltige Großstadt von morgen. Regenerative Energieerzeugung, energieeffiziente Gebäude, Null-Emissions-Mobilität – alles vernetzt. Mehr als 100 Firmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen haben sich bereits angesiedelt. Eine davon: die Genossenschaft Bürgerenergie Berlin, die das städtische Stromnetz von Vattenfall übernehmen möchte. Kemfert stellt uns Luise Neumann-Cosel vor, Vorstand der Genossenschaft.

Neumann-Cosel: Um die Energiewende voranzubringen, braucht es Netzbetreiber, die diese wirklich wollen und nicht nur billigend in Kauf nehmen. Vattenfall macht mit dem Berliner Stromnetz um die 100 Millionen Euro Gewinn pro Jahr. Diese Geldströme wollen wir zu den Erneuerbaren lenken. Um am Vergabeverfahren für das Stromnetz teilnehmen zu können, haben wir vor fünf Jahren eine Genossenschaft gegründet und schon um die zwölf Millionen Euro Eigenkapital gesammelt.

Kemfert: Ich bin der Genossenschaft beigetreten. Weil ich solche Initiativen gut und wichtig finde. Ohne diese Impulse aus der Zivilgesellschaft ist die Energiewende nicht zu schaffen. Sie ist auch deshalb so erfolgreich, weil es eine Energiewende von unten ist.

Auf dem Euref-Campus dreht seit einigen Wochen Olli seine Kreise, ein fahrerloser elektrischer Kleinbus. Olli sieht aus, als hätte man die Kabine einer Gondelbahn vom Seil genommen und auf vier Räder gesetzt. Er soll einmal autonom S-Bahn-Stationen in Berlin ansteuern und so die „letzte Meile“ des öffentlichen Nahverkehrs überbrücken. Johannes Tücks, Architekt und Geschäftsführer des Euref-Campus, bittet uns zu einer Probefahrt. Im Schritttempo schnurren wir über den Campus.

Ist es nicht irreführend, bei der deutschen Energiewende stets den hohen Ökostromanteil zu betonen? 33 Prozent – klingt gut. Doch wenn man den gesamten Primärenergieverbrauch betrachtet, inklusive Gebäude, Verkehr etc., liegt der Anteil der Erneuerbaren nur noch bei 13 Prozent.

Die deutsche Energiewende ist bisher vor allem eine Stromangebotswende, das stimmt. Wir müssen auch die Wärmewende in Angriff nehmen. Die Gebäude müssen energieeffizienter werden. Und wir brauchen endlich eine nachhaltige Verkehrswende. Da ist viel zu wenig passiert.

Am Mobilitätssektor ging die Energiewende bisher sogar komplett vorbei, er ist der einzige ohne CO2 -Rückgang seit 1990. Ist die deutsche Regierung auf dem Auto-Auge blind?

Sie hält, genau wie bei der Kohleenergie, zu lange an der Vergangenheit fest. Anstatt etwas für die Verkehrswende zu tun, hat sie in Brüssel interveniert, um strengere EU-Abgasgrenzwerte zu verhindern.

Das tun nun andere. Die Bürgermeister von Paris, Madrid, Athen und Mexiko-Stadt haben angekündigt, in ihren Städten ab 2025 ein Diesel-Verbot zu erlassen.

Dieselfahrzeuge produzieren zu viele umwelt- und gesundheitsschädliche Emissionen, sie haben in den Großstädten nichts zu suchen. Es gibt genügend umweltfreundliche Alternativen. Die sollte man fördern.