Meine Heimat ist das Rhein-Main-Gebiet, da bin ich am Stadtrand groß geworden, mit viel Grün. Seit fünf Jahren bin ich hier. In Spandau begegnete ich zu meiner Überraschung freilaufenden Wildschweinen, hier im Richard-Kiez lief mir ein Fuchs über den Weg – mich hatte also die Wildnis nicht verlassen. Hier ist es wie im Dorf. Wer hier wohnt, sagt nicht: „Ich lebe in Neukölln“, sondern „Ick bin aus Rixdorf“. So hieß es früher schon.

Böhmisch-Rixdorf entstand 1737 durch protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen. Noch heute findet man Kirchen, die von ihnen gegründet wurden, z. B. die Herrenhuther Brudergemeine in der Kirchgasse. Nicht weit davon, die Baptisten-Gemeinde in der Hertzbergstraße, mit der ich verbunden bin, auch mit den Bibelbaptisten in der Richardstraße, die mich beim Einleben sehr unterstützt haben. Ich mag die Ruhe und Idylle hier.

Im Frühjahr und Sommer kommt man leicht mit den Leuten ins Gespräch. Mir gefällt die bunte Vielfalt in diesem Kiez: Es gibt das Café Botanico mit wunderschönem Permakultur-Garten und italienischer Küche und das Prachtwerk in der Ganghoferstraße, das durch seine hohen, weiten Räume, Liebe zum Detail und zu den Gästen auffällt. Dort besuche ich gern Konzerte und mittwochs die offene Bühne. Den türkischen Friseur findet man in der Richardstraße, genauso wie eine Puppenklinik und den Buchladen „Die gute Seite“ direkt am Richardplatz.

Als Schauspielerin, Sprecherin und Theaterpädagogin arbeite ich gern mit anderen Künstlern im Kiez. So mit Friederike Abitz, die in der Wipperstraße die Galerie Baerén führt und auch Musikerin ist. In der Schmiede am Richardplatz haben wir mit Krzysztof Pustol eine szenisch-musikalische Lesung aufgeführt, aus „Der Golem“, von Gustav Meyerink.

Bei einem Spaziergang entdeckte ich den Musikinstrumente- und Trödelladen in der Schudomastraße. Mehrere Musiker spielten da auf ihren Gitarren Gypsy-Jazz.

Der Ladenbesitzer, ein Sinti, ist selbst Musiker. Wenn es ihn packt, bleiben die Rollläden geschlossen, dann nimmt er seinen Wohnwagen und zieht wieder los, raus in die Welt. Für eine Weile...

Notiert von Annett Otto