Berlin - Joseph Beuys hätte seine Freude gehabt. Filzähnlicher grober Stoff hüllt Geräte ein, Holzlatten, zurückgelassene Verpackungen und Farbeimer gruppieren sich zufällig zu Stillleben, die in Ausstellungen moderner Kunst nicht auffallen würden. Das Terminal des neuen Flughafens Berlin Brandenburg (BER) ist voll davon. Dazu passt, dass es wegen seines auf Stützen ruhenden Stahldachs gern mit der Neuen Nationalgalerie verglichen wird. Weil der Flughafen nun nicht schon an diesem Sonntag den Betrieb aufnimmt, sondern wegen Problemen mit der Brandschutzanlage erst am 17. März 2013, haben die Bauleute noch Zeit. Aus Wandpaneelen und Decken baumeln Strippen. „Da wird noch nachverkabelt“, erklärt Planungschef Joachim Korkhaus. Anderswo wird gemalert, gefliest und Akustikbeschichtung aufgetragen.

Rund 5 000 Menschen arbeiten auf der Flughafenbaustelle, davon 2 000 im Terminal. Doch nicht die vielen Restarbeiten, die bis Ende August beendet werden sollen, hinterlassen beim Rundgang die stärksten Impressionen. Am nachhaltigsten ist der Eindruck, wie knapp bemessen die Flächen sind, auf denen sich an diesem Sonntag erstmals Fluggäste gedrängt hätten – und bald darauf schon 27 Millionen Passagiere pro Jahr. „Der Flughafen ist auf Kante genäht“, sagen Piloten.

Wie sparsam die Anlage ausgelegt wurde, werden die Passagiere schon bei der Anfahrt merken. Die Taxispuren sind lediglich 4,75 Meter breit, klagt Detlev Freutel vom Taxi-Verband TVB. Damit seien die Ladezonen noch schmaler als am Terminal C in Tegel, wo selbst 5,80 Meter nicht reichen, um haltende Taxis gefahrlos überholen zu können. Freutel: „Die Breite muss auf mindestens 6,50 Meter erweitert werden, um ein gefahrloses Türöffnen und die Vorbeifahrt zu ermöglichen.“

Die Halle in Malaga ist großzügiger

Wer mit der S-Bahn, dem Regionalzug oder einem der wenigen Fernzüge anreist, trifft im unterirdischen Bahnhof ein. Die drei Bahnsteige sind ideal platziert – unter dem Terminal. Doch die Verbindungen zwischen dem Bahnhof und der Halle wirken alles andere als ideal. Wer nicht auf einen Aufzug warten will, hat nicht viel Auswahl: Es gibt zwei Fahrtreppen, die im Regelfall nur aufwärts fahren, sowie vier steile Treppen – so schmal, dass auf den Stufen lediglich zwei Menschen nebeneinander Platz haben. „Mal sehen, wie es dort zugehen wird, wenn ein voll besetzter Zug angekommen ist und von oben Fluggäste in den Bahnhof wollen“, sagt ein S-Bahner.

In der Halle werden sich die Passagiere vor den Anzeigetafeln drängen, um zu erfahren, wo sie ihre Bordkarte erhalten. Doch die Stellfläche ist begrenzt und die Schrift klein. Wer sich nicht gleich ins Gedränge stürzen und sich erst einmal abseits in Ruhe orientieren will, für den gibt es wenig Platz. Treppen, Auskunftstresen und die acht Check-In-Inseln mit ihren 96 Schaltern nehmen einen großen Teil der 22 Meter hohen Halle ein. Wer sie ebenerdig von der Vorfahrt her betritt, wird schon kurz hinter dem Eingang auf quer stehende Warteschlangen stoßen. Da wirkt selbst die Halle im neuen Flughafen der spanischen Halbmillionen-Stadt Malaga um einiges großzügiger.

Vor den Sicherheitskontrollen gibt es ebenfalls nur wenig Platz, um sich zu orientieren und Schlange zu stehen. Hinter der Kontrolle führt der Weg alle Fluggäste durch einen Duty-free-Shop für steuer- und zollfreien Einkauf und dann auf den zentralen „Marktplatz“ exakt in der Mitte des BER-Terminals, wo weitere Einkaufsmöglichkeiten warten.

Auch hier, zwischen Schaufensterscheiben und Wänden, setzt sich der Eindruck fest: Hätte es nicht eine Nummer größer sein dürfen? Und auch hier stehen wieder die Anzeigetafeln mit der kleinen Schrift. Auf den Monitoren werden die Passagiere, die nicht allzu viel Geld für ihr Ticket zahlen wollten, feststellen können, dass der Slogan vom BER als „Flughafen der kurzen Wege“ für sie leider nicht in jedem Fall stimmt. Die Billigflieger werden am Nord- oder Südpier des Terminalgebäudes zum Einsteigen bereit stehen. Wer das Pech hat, zu einem Ausgang am Ende eines der Gebäudefinger laufen zu müssen, sollte nicht kurz vor knapp dorthin aufbrechen. Bis zu 15 Minuten sind für den Weg einzuplanen, heißt es auf den Tafeln.

„Preußische Tugenden“

Im Nordpier, wo die Easyjet- und Ryanair-Fluggäste ihre Flugzeuge erreichen werden, wurde auch an Baudetails gespart. So laufen die Reisenden in den schmalen Gängen nicht mehr über heimischen Jura-Kalk wie im Terminal, sondern über Betonwerkstein, der preiswerter ist.

Der neue Flughafen ist geprägt von „rationaler Architektur, die preußische Tugenden der Angemessenheit und Bescheidenheit repräsentiert“, schreibt der Architekturkritiker Falk Jaeger im aktuellen Deutschen Architektenblatt. So kann man es auch formulieren. Mit der gleichen Berechtigung ließe sich jedoch sagen: Der BER ist ein Flughafen, der die Handschrift der Controller und Optimierer offenbart. Was schade ist, denn ansonsten findet der von Gerkan, Marg und Partner entworfene Flughafen in der Fachwelt zu Recht Lob. Vielerorts dringt Tageslicht ins Terminal, die Wegeführungen sind übersichtlich, das Leitsystem klar. Die Wandflächen aus dunklem Nußbaum wirken edel und alle Funktionen befinden sich unter einem Dach, während die meisten anderen Flughäfen mehrere Terminals umfassen.

Berechnungen belegen, dass die Flächen für die Fluggäste groß genug sind, sagen die Planer. Auf Vorrat zu bauen, wäre Verschwendung. Das mag stimmen. Mit 1,22 Milliarden Euro, doppelt so viel wie erwartet, ist das Terminal kostspielig genug. Das Problem ist nur, dass sich dort die Passagierbereiche nicht mehr erweitern lassen. Mit dem jetzigen Raumkorsett müssen die Fluggäste zurechtkommen. „Der neue Flughafen wird schon bei seiner Eröffnung gut ausgelastet sein“, sagt Airport-Chef Rainer Schwarz. Die Frage ist: Was kommt danach?