Berlin - Einst war er ein Symbol für den Aufschwung der Wirtschaft, inzwischen ist er eine Ruine: der letzte Rundlokschuppen Berlins, vermutlich sogar von ganz Deutschland. Das markante, mittlerweile Graffiti-beschmierte Kuppel-Gebäude kennen viele, die schon mal in Pankow auf dem Autobahnzubringer Prenzlauer Promenade unterwegs waren. Nachdem das Industriedenkmal jahrelang ungeschützt vor sich hin verfiel, zieht der Bezirk jetzt mittels Anordnung die Notbremse. Er hat dem Grundstückseigentümer, Möbel-Unternehmer Kurt Krieger, eine Frist gesetzt, in der er erste Schritte zur Rettung des Gebäudes einzuleiten hat. Diese läuft in wenigen Tagen ab.

„Das Gebäude ist zu bedeutend, um es verfallen zu lassen“, sagt Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne). Da der andere Berliner Rundlokschuppen in Rummelsburg abgerissen werden soll, ist der Pankower Bau der letzte seiner Art und ein Industriedenkmal.

2009 kaufte Kurt Krieger das Areal

Rundlokschuppen sind Zeugnisse einer Zeit, als die Eisenbahn noch für Fortschritt stand. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Stettiner Bahn Menschen und vor allem Güter nach Berlin – über Pankow-Heinersdorf. 1893 wurde der Rundlokschuppen gebaut. Damals war der Rangierbahnhof in Pankow-Heinersdorf der größte in Deutschland, bis zu 70 Züge mit rund 2 000 Güterwagen wurden hier umgesetzt. Der Rundlokschuppen direkt neben dem Bahnhof diente der Wartung der Lokomotiven – im laufenden Betrieb. Bis zu 24 Loks fanden auf den sternförmig im Inneren angeordneten Gleisen Platz.

1997 wurde der Rangierbahnhof stillgelegt. 2009 kaufte Möbel-Millionär Kurt Krieger das Areal. Der Investor will das gesamte Gebiet am ehemaligen Rangier- und Güterbahnhof zum Wohn- und Gewerbegebiet Pankower Tor entwickeln. Auf dem Areal soll ein Wohn- und Möbelhaus-Einkaufszentrums-Komplex entstehen. Die Debatte darüber kreiste meist um das große Teil-Areal westlich der Autobahnauffahrt. Der Rundlokschuppen auf dem kleineren Areal östlich der Straße verfiel währenddessen.

Der Bezirk fordert Krieger nun auf, etwas dagegen zu unternehmen. Bei der Unteren Denkmalschutzbehörde heißt es, alleine die Planung für eine Sicherung des Rundlokschuppens werde 390 000 Euro kosten. Die müsste wohl Krieger tragen. Allerdings rechnet Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) mit dessen Widerstand, bis hin zum Rechtsstreit. Im Notfall werde der Bezirk das Geld vorschießen. „Mit Unterstützung des Senats“, sagt Kirchner, das sei wegen der besonderen Bedeutung des Gebäudes schon geklärt. Kurt Krieger will zum aktuellen Sachstand keine Stellungnahme abgeben.

Im September dieses Jahres hat Krieger mit dem Senat einen städtebaulichen Vertrag für das gesamte Gebiet abgeschlossen. Dieser sieht vor, auf dem Rundlokschuppen-Areal eine Schule zu bauen. Dann wäre das Land Berlin für das Areal zuständig. Allerdings sind noch viele Fragen ungeklärt, zum Beispiel auch, wie stark der Boden belastet ist. Im Bezirk rechnet man nicht damit, dass eine Schule schnell gebaut werden kann. Und auch dann müsse der Denkmalschutz berücksichtigt werden.

Doch ist der Schuppen nicht schon längst abbruchreif? „Nein“, sagt Baustadtrat Kirchner, „der Lokschuppen sieht schlimmer aus, als sein Zustand ist.“ Zwar seien die Holzverschalung und das Fundament ziemlich kaputt, die Stahlkonstruktion der Kuppel hingegen erstaunlich gut erhalten. Diese Stahlkonstruktion ist es auch, die das Gebäude zum quasi doppelten Denkmal macht. Denn es handelt sich um eine Schwedlerkuppel. Johann Wilhelm Schwedler (1823–1894) war Berliner und ein genialer Konstrukteur. Seine leichten, aber extrem belastbaren Stahlträger waren eine kleine bauliche Revolution. Große Stahlträger-Kuppeln wie jene des Rundlokschuppens in Pankow mit 38 Metern Durchmesser wurden dadurch erst möglich.