Wer sich an diesem Freitag in die jüngere Vergangenheit zurückträumen will, dem sei ein Ausflug zum Flughafen Schönefeld empfohlen. Der war bis vor wenigen Jahren eine wenig ansehnliche, aber auch sympathisch unaufgeregte Ansammlung kleinerer und größerer Hallen, durch die eine überschaubare Zahl von Passagieren zu ihren Flugzeugen gelotst wurde. 2015 jedoch kehrte der irische Billigflieger Ryanair an den Berliner Markt zurück und stationierte fünf Flugzeuge in Schönefeld, inzwischen sind es neun. Die Passagierzahl wuchs um 50 Prozent, mit mehr als einer Million Passagiere pro Monat hat der Flughafen im Südosten der Stadt die Kapazitätsgrenze erreicht.

Am Freitag aber kehrt die Ruhe zurück nach Schönefeld, zumindest für einen Tag. Die Ryanair-Piloten streiken – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, Belgien und Irland. In Berlin entfallen nach Auskunft der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) 32 von 48 geplanten Verbindungen der irischen Gesellschaft. Damit werden am Freitag rund ein Viertel weniger Passagiere den überfüllten Flughafen nutzen. Ein Chaos ist nicht zu befürchten. „Ryanair hat die betroffenen Passagiere per Mail oder Telefon informiert“, sagte FBB-Sprecher Hannes Hönemann der Berliner Zeitung. Auch unmittelbare Nachwirkungen des eintägigen Streiks für den Flugverkehr erwarte man nicht. „Wir rechnen ab Sonnabend wieder mit einem ganz normalen Betrieb.“

„Dieser Streik war unausweichlich“

Langfristig aber könnte sich sehr wohl etwas ändern an den Berliner Flughäfen. Denn Ryanair mag den Streik auf seiner Homepage als „unnötig“ bezeichnen. Doch das Unternehmen muss sich damit auseinandersetzen, dass die Belegschaft die bisherige Geschäftspolitik nicht mehr mitträgt. Das Wachstum wurde im Wesentlichen ermöglicht durch eine in der Branche beispiellose Niedriglohnpolitik – auch in Berlin, wo Ryanair vergangenes Jahr zusammen mit der FDP für die Offenhaltung des Flughafens Tegel kämpfte, um noch mehr Flüge anbieten zu können.

Nicht nur die Piloten begehren mehr als 20 Jahre nach dem Einstieg von Ryanair in den Billigmarkt dagegen auf und fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Auch das Kabinenpersonal äußert sich solidarisch mit den Kollegen von der Vereinigung Cockpit (VC). „Dieser Streik war unausweichlich“, sagte der Vorstand der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation, Nicoley Baublies, am Donnerstag der Berliner Zeitung. „Ich finde, es ist ein wichtiger und richtiger Schritt“, sagte auch Mira Neumaier von der Gewerkschaft Verdi.

Nach Darstellung der Gewerkschafter zahlt Ryanair seinen in Deutschland stationierten Kabinenbeschäftigten meist ein Gehalt dicht am Mindestlohn. „Viele haben weniger als 20.000 Euro brutto im Jahr“, sagt Baublies. Zudem sei nur ein Teil des Gehalts fix, der andere besteht aus Provisionen, etwa durch den Verkauf von Rubbellosen. Dass sich in Deutschland überhaupt Arbeitnehmer finden, die Ryanairs Bedingungen akzeptieren, hat laut Neumaier einen einfachen Grund: „Sie kommen fast alle aus süd- und osteuropäischen Ländern“, sagt sie. „Dort finden sie keine Jobs. Ryanair profitiert bis heute von den Verwerfungen der Finanzkrise.“ Doch inzwischen sei auch bei den Arbeitsmigranten der Frust so groß, dass sie sich organisieren. „Wir wachsen bei Ryanair in einem Tempo, wie wir es sonst nicht erleben“, sagte Neumaier.

Weitere Forderungen sind vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Bei Ryanair gibt es sie de facto nicht. Die Flugbegleiter sind nach irischem Arbeitsrecht angestellt, das für ihre Fälle lückenhaft ist. Auch plötzliche unbezahlte Freistellungen müssen sie ertragen.

Easyjet zahlt besser

Zwar verhandelt Ryanair seit vorigem Jahr überhaupt mit Gewerkschaften, was Gründer Michael O’Leary zuvor vehement abgelehnt hatte. Ergebnisse gab es aber nicht. Auch nach fast einem Dreivierteljahr liege kein substanzielles Angebot von Ryanair vor, sagte Neumaier.
Falsch ist aus Sicht der Gewerkschaften übrigens die Annahme, dass alle Billigflieger ihr Personal gleich behandelten. Nicoley Baublies lobte in diesem Zusammenhang den Ryanair-Konkurrenten Easyjet. „Der Unterschied ist kolossal“, sagte er. Die Gehälter für Flugbegleiter seien um mehr als die Hälfte höher. „Es gibt Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Betriebsräte und keine unbezahlten Freistellungen.“ Bei Easyjet herrschen also Zustände wie in einem ganz normalen Unternehmen. Ryanair ist der Sonderfall.