Für 23,79 Euro nach Köln, für etwas mehr ins Ausland. Die irische Fluggesellschaft Ryanair wirbt mit niedrigen Tarifen – auch in Berlin. Doch die Billigangebote haben ihren Preis. Menschen, die für Ryanair arbeiten, klagen über schlechte Bezahlung und miese Bedingungen. Zwei Berliner erzählen, was sie als Flugbegleiter bei Ryanair erlebt haben. „Die Verhältnisse sind skandalös“, berichten Dave und Roman, die in Wirklichkeit anders heißen.

Angst 

„Sie wollen, dass du immer Angst hast, deine Arbeit zu verlieren“, sagt Dave. Er habe Kollegen aufgefordert, gegen Missstände vorzugehen, doch sie trauten sich nicht. Stattdessen hätten einige gekündigt. „Es ist nicht so, dass das Unternehmen verbietet, einer Gewerkschaft anzugehören. Doch was immer Gewerkschaften sagen – Ryanair interessiert sich nicht dafür“, berichtet Roman.

Es kommt vor, dass vor den Crewräumen Gewerkschafter Infomaterial verteilen. „Doch die meisten Kollegen haben Angst. Sie sagen: Egal, was wir unternehmen, es würde nichts ändern. Nach uns werden andere kommen.“

Fluktuation

„Das Unternehmen will, dass du es nach zwei oder drei Jahren wieder verlässt“, so Dave. „Weil man dann meist weiß, wie es funktioniert. Sie wollen dich frisch und motiviert. Das ist ein Grund, warum sie gern Menschen unter 25 Jahren einstellen, am besten welche ohne Arbeitserfahrung.“ Und aus Ländern, in denen gute Jobs rar sind.

Leiharbeiter

Die Beschäftigten, die man in einer Ryanair-Maschine antrifft, haben meist unterschiedliche Verträge mit unterschiedlicher Bezahlung und unterschiedlichen Bedingungen. Roman: „Es gibt alte und neue Verträge direkt mit Ryanair, es gibt Verträge mit Agenturen wie Crewlink oder Workforce – das sind die schlechtesten.“

Flugbegleiter fangen stets bei einer Agentur an, sie sind dann als Leiharbeiter für Ryanair tätig. Wichtig ist auch, wo die Basis liegt, der man zugeordnet ist. Wer in Südeuropa stationiert ist, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, muss weitere Abstriche hinnehmen.

Niedriglöhne

„In Italien bekam ich rund 1400 Euro netto im Monat. In Deutschland waren es 1200 Euro netto“, erzählt Dave. Neue Verträge fürs Kabinenpersonal sehen jährlich rund 18.000 Euro brutto vor, so Roman. In den ersten Monaten ist die Bezahlung noch geringer – wenn Stewardessen und Stewards den obligatorischen Trainingskurs nicht im Voraus bezahlt haben, sondern sich die Kosten vom Gehalt abziehen lassen. Abzuzahlen sind die Registrierungsgebühr (500 Euro) und die Trainingsgebühr (2999 Euro).

So lange landen nicht mehr als 1000 Euro pro Monat auf dem Konto. Wer nicht für eine Agentur arbeitet, sondern direkt bei Ryanair angestellt ist, verdiene meist mehr. Dann könne das Monatsgehalt 1500 Euro netto erreichen. Oder 1650 Euro.

Krank zur Arbeit

Das Gehalt bei der Agentur Crewlink wird nach der Block Time berechnet – nach der Zeit zwischen dem Entfernen der Bremsklötze vor dem Flug und dem Vorlegen der Bremsklötze nach dem Flug, so Dave.

Für Arbeiten außerhalb der Flugzeit erhielt er keine Kompensation, etwa fürs Reinigen des Flugzeugs, für das die Flugbegleiter zuständig sind. Auch für Wartezeiten gab es kein Geld. Roman nennt ein Beispiel: „Ich habe zehn Stunden und 40 Minuten gearbeitet, bezahlt wurden sieben Stunden und 50 Minuten.“

Für Leiharbeiter gilt: „Wenn du null Stunden arbeitest, bekommst du null Euro Geld. Und so kam es vor, dass Kollegen krank zur Arbeit kamen.“ Ein Kollege, der das 900 Flugstunden-Limit vor Ablauf des Jahres erreichte, musste bis dahin unbezahlten Urlaub nehmen.

Verkaufsdruck

Jedes Mitglied des Kabinenpersonals hat ein Diensthandy, über das die Bordverkäufe abgerechnet werden. Mit dessen Hilfe können Vorgesetzte nachvollziehen, wie hoch die Umsätze sind. „Wenn du nicht wenige Minuten nach dem Start mit dem Verkauf beginnst, musst du mit einer Nachricht rechnen“, so Roman.

Für jeden Flug wird ein Ziel beziffert, wie viel pro Passagier einzunehmen ist. Es lasse sich aber oft nicht erreichen. „Wenn man zwischen Schönefeld und Köln, wo man eine halbe Stunde in der Luft ist, 30 Euro Umsatz erreichte, konnte man glücklich sein. Das Umsatzziel war höher, bei 60 Cent pro Fluggast konnten das 100 Euro pro Flugzeug sein“, erzählt Roman. Doch morgens ist die Nachfrage meist gering. Dave: „Mein Vorgesetzter fragte mich, warum ich das Licht nicht heller und mit den Trolleys keinen Lärm gemacht habe.“

Ab nach Dublin 

Mitarbeiter, die auffallen, müssen damit rechnen, dass sie in die Ryanair-Hauptverwaltung in Dublin müssen. „Sie können dich dorthin schicken, wenn du dich krank gemeldet hast, bei der Arbeit müde warst, Umsatzziele nicht erreicht hast – als Bestrafung“, sagt Dave. Meist ist das Gespräch sehr kurz. Doch die Anreise kann dauern, wenn man in London umsteigen muss.

Die Strafreise bedeutet auch eine Gehaltseinbuße. An einem solchen Tag können die Beschäftigten nicht arbeiten, für Leiharbeiter gibt es dann kein Geld.

Urlaub

Der bezahlte Jahresurlaub beträgt 29 Tage. Doch es gelten Bedingungen, die das Konto frei verfügbarer Urlaubstage auf 19 verringern können. So ist am 25. Dezember Urlaub zu nehmen.

Als Urlaubstage bezahlt werden die irischen Bankfeiertage, zu denen außer Karfreitag, Oster- und Pfingstmontag unter anderem der St. Patrick’s Day (17. März) und der Unabhängigkeitstag (6. Dezember) gehören. „Sie zahlen 29 Urlaubstage, doch die Zahl der Tage, die du frei nehmen kannst, ist niedriger“, sagt Roman.

Die Reaktion der Airline

„Ryanair hat eine Mischung aus direkten Angestellten und Auftragnehmern“, bestätigt Ryanair-Sprecher Robin Kiely. „Die Kabinenbesatzung des Auftragnehmers erhält einen sehr hohen Stundensatz, welcher alle Stunden ihrer Dienstzeit kompensiert.“ Das Kabinenpersonal von Ryanair werde gut bezahlt und verdiene im Durchschnitt zwischen 24.000 und 40.000 Euro. Es erhalte einen 29-tägigen Jahresurlaub, der die nationalen Feiertage abdeckt.

Zum Bordverkauf sagt Kiely: „Wir überwachen die Leistung, aber es wird kein Druck ausgeübt, an Bord zu verkaufen. Die Crew erhält einen Anreiz, Zusatzprodukte an Bord zu verkaufen, und wird mit Verkaufsprämien belohnt.“

Und die Dublin-Besuche? „Alle Besatzungsmitglieder, die konstant und deutlich unterdurchschnittlich Leistung bringen, erhalten Zeit und Training, um sich zu verbessern“, teilt Kiely mit. „Das nennt man Management.“

Die Reaktion der Gewerkschaften

Verdi und die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) bestätigen die Schilderungen von Dave und Roman. Holger Rößler von Verdi kann weitere Beispiele nennen. So würden Vorschriften, die in Deutschland gelten, nicht befolgt – etwa Regelungen zur Arbeitnehmerüberlassung und zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Darum werde Verdi 2018 daran gehen, „bestimmte Dinge vor Gericht durchzufechten“.

Gewerkschaftliche Arbeit sei bei Ryanair schwierig, so Nicoley Baublies von UFO. „Dort herrscht eine Angstkultur“, in der es viele Druckmittel gebe: einen Zwang, unbezahlten Urlaub zu nehmen, Strafversetzungen, Nicht-Versetzungen. Doch der Luftverkehr und der Bedarf an Arbeitskräften wächst, das Ryanair-Modell werde an Grenzen stoßen. Baublies: „Wir machen weiterhin Druck.“