Bombardier kann so ziemlich alles bauen, was auf Schienen rollt: Loks, S-, U- und Straßenbahnen. Mit 2 700 Mitarbeitern im Werk Hennigsdorf und 700 Beschäftigten in der Zentrale am Berliner Gleisdreieck sind die Kanadier einer der größten Arbeitgeber in der Region. Doch nun sind tausend Arbeitsplätze in Gefahr, sagte Bernd Thiele von der Industriegewerkschaft Metall am Donnerstag. „Wir sind in großer Sorge.“ Auch Fahrgästen und Steuerzahlern drohten Nachteile.

Es geht um die neuen S-Bahnen für Berlin. Im Auftrag der S-Bahn GmbH hat die DB den Bau von 1 380 Wagen ausgeschrieben. Zunächst sollen 390 Wagen geliefert werden – für den Ring und die Strecken im Südosten, für die Berlin und Brandenburg momentan einen Betreiber suchen. Damit nicht genug: Laut DB sollen die Anbieter auch dazu fähig sein, für alle anderen Linien ebenfalls genug Züge zu bauen. Denn die Länder werden auch den Betrieb auf den übrigen Strecken ausschreiben.

So könnte es am Ende um einen Auftragswert von bis zu drei Milliarden Euro gehen. Kein Wunder, dass Bombardier ein Angebot abgab.

Echten Wettbewerb gibt es nicht

Doch inzwischen habe die DB Bombardier ausgeschlossen, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Michael Wobst. Sie habe ihre Anforderungen ohne erkennbaren Grund verschärft. Die Bitte, die Frist zu verlängern, um sie erfüllen zu können, sei abgelehnt worden. Bombardier dürfe nicht mehr teilnehmen.

„Die S-Bahn für Berlin ist für uns ein strategisch wichtiges ‚Must Win‘-Projekt, das wir dringend benötigen“, so der Bombardier-Mann. Zwar sei das größte Werk des Konzerns ausgelastet. „Aber einige Aufträge haben eine lange Laufzeit. Was wir für eine wirtschaftliche Grundauslastung brauchen, ist ein Großauftrag.“ In Hennigsdorf würde der Bau der Berliner S-Bahnen für zehn Jahre tausend Arbeitsplätze sichern.

„Es geht uns nicht darum, Bombardier einen Vorteil zu verschaffen, sondern dass überhaupt Wettbewerb stattfindet.“ Jetzt gibt es dem Vernehmen nach nur noch einen großen Bieter: das Konsortium Siemens/Stadler. Wobst: „Es besteht die Gefahr, dass Konditionen und Preise diktiert werden“ – zu Lasten von Berlin und Brandenburg, die für den S-Bahn-Betrieb aufkommen.

Auch bei dem Vergabeverfahren der Länder könne von Wettbewerb keine Rede mehr sein.JR East aus Japan, MTR aus Hongkong, RATP aus Frankreich sowie National Express aus England zogen ihre Angebote zurück – unter anderem, weil die Bedingungen oft verändert wurden. Als einziger Zugbetreiber blieb das DB-Unternehmen S-Bahn Berlin übrig. Sie will am Montag ihr Angebot beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) einreichen. „Eigentlich müsste dieses Verfahren neu gestartet werden, weil es bei den Zügen keinen echten Wettbewerb gibt. Für den Senat wäre das peinlich“, sagte ein Beobachter.

Thiele und Wobst haben Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (ebenfalls SPD) offene Briefe gesandt. Die Politiker sollen sich beim VBB dafür einsetzen, dass Bombardier eine faire Chance bekommt.

Die DB wollte keine Stellungnahme abgeben. Auch Bombardier nicht, nur so viel: „Wir bemühen uns weiterhin um den wichtigen Auftrag.“ Nach Informationen der Berliner Zeitung hat das Unternehmen bei der Vergabekammer des Bundes in Bonn eine Rüge eingereicht. Die Bahn habe das Gebot, alle Bieter gleich zu behandeln, verletzt. Mitte April soll entschieden werden, ob das Verfahren neu aufgerollt wird.

Stefan Gelbhaar (Grüne) nahm den Senat in die Pflicht: „Er muss die Befürchtung ausräumen, dass eine juristische Auseinandersetzung um den Ausschluss die Bestellung der Fahrzeuge noch weiter verzögert.“