Berlin - Es ist ein anspruchsvolles Ziel. Von der neuen S-Bahn-Flotte, die künftig auf dem Ring und im Südosten Berlins unterwegs sein wird, sollen stets mindestens 99 Prozent der Züge einsatzbereit sein. Zumindest dann, wenn die rund 390 Wagen von Siemens gebaut und (was für Berlin neu wäre) auch instand gehalten werden.

Mit diesem Versprechen hat sich der Technikkonzern jetzt zu Wort gemeldet – und als eines der acht Unternehmen offenbart, die an der Ausschreibung des Betriebs auf den S-Bahn-Linien S 8, 41, 42, 46 und 47 teilnehmen wollen. „Wir glauben, dass wir für die Passagiere eine höhere Fahrzeugverfügbarkeit hinbekommen werden“, sagt Johannes Emmelheinz, Chef von Siemens Mobility Services. Allerdings will inzwischen nicht einmal der Senat eine Prognose wagen, wann die neuen S-Bahnen fertig werden.

Viele S-Bahn-Fahrgäste werden sich erinnern: Vor fast vier Jahren erreichte die S-Bahn-Krise dramatische Höhepunkte. Zugfahrten fielen massenweise aus, ganze S-Bahn-Linien wurden stillgelegt, weil mehr als die Hälfte der Flotte nicht verfügbar war. Deren Technik war nicht richtig gewartet worden oder entsprach nicht mehr den Normen. Anfang des Jahres 2010 versprach der Senat, einen Neuanfang zu wagen.

Immer wieder neue Verzögerungen

Mit einer Ausschreibung sollte für fünf Linien ein Unternehmen gefunden werden, das mit neuen Zügen einen besseren Betrieb auf die Beine stellt. Doch Streit in der damaligen rot-roten Koalition verhinderte den Neubeginn. Dann wurde in der SPD lange darüber diskutiert, ob die S-Bahn nicht besser in Landesregie betrieben werden sollte. Nachdem das Wettbewerbsverfahren 2012 endlich begonnen hatte, zog die S-Bahn GmbH dagegen vor Gericht, dass der neue Betreiber 33 Jahre für die Züge verantwortlich sein sollte.

Zu lang, fand sie. Der Senat korrigierte dies auf 15 Jahre, als Folge musste das Prozedere neu aufgerollt werden. Das kostet weitere sechs Monate, wie Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) jüngst eingestand. Nun gab es wieder eine Verzögerung: Die Bewerbungsfrist wurde um zwei Wochen verlängert. Es seien noch Fragen aufgetaucht.

„Wir hätten uns gewünscht, dass das Verfahren schon weiter wäre“, sagt Jure Mikolcic von Siemens. Zu Recht forderten die Fahrgäste bessere Verhältnisse bei der S-Bahn. Bei Siemens schätzt man, dass erst im Herbst oder Ende 2014 entschieden wird, wer den neuen Vertrag bekommt – deutlich später als geplant.

Ob sich der bisherige Zeitplan für die Zuglieferung noch halten lässt, sei „unmöglich zu sagen“, so Mikolcic. Intern glaubt bei Siemens allerdings niemand mehr, dass die ersten neuen S-Bahnen wirklich bis Dezember 2017 entworfen, gebaut und abgenommen werden können. Im Senat teilt man die Skepsis inzwischen. Auf die Frage des Grünen-Abgeordneten Stefan Gelbhaar, wann wie viele Züge in den Einsatz kommen, könnten „derzeit keine belastbaren Angaben getroffen werden“, antwortete Staatssekretär Christian Gaebler (SPD). Gelbhaar: „Das kann man wohl als Offenbarungseid interpretieren.“

Ein Partner soll die Züge betreiben

Eines steht fest: Siemens wird sich gemeinsam mit dem Bahnproduzenten Stadler, der in Berlin zwei Fabriken hat, am Wettbewerb um den S-Bahn-Vertrag beteiligen – mit einem neuartigen Konzept. Emmelheinz: „Wir wollen die Herstellung und die Instandhaltung der Fahrzeuge übernehmen.“ Ein anderes Unternehmen soll sie betreiben. Ein schlaues Konzept, sagen Beobachter. Denn dadurch ließe sich ausschließen, das der Betreiber die 386 Wagen schlecht wartet und sich später mit dem Hersteller öffentlich über deren Qualität streitet – was stets für schlechte Presse sorgt. Vor allem aber hätte Siemens dann eine weitere Referenz, mit der sie die Deutsche Bahn davon überzeugen könnte, im großen Stil die Wartung auszulagern.

Weltweit sind Dienstleistungen für Züge und Bahnanlagen ein 55 Milliarden Euro schwerer Wachstumsmarkt, auf dem der drittgrößte Anbieter kräftig zulegen will. Schon jetzt hält Siemens weltweit in rund 50 Großprojekten Bahnfahrzeuge instand – in Bangkok sind es Stadtbahnen, in Russland Hochgeschwindigkeitszüge, die auch bei Frost störungsfrei verkehren. Allein in Großbritannien wartet Siemens für sieben Betreiber 391 Züge. Auch dort erreiche die Zuverlässigkeit Spitzenwerte, sagt Emmelheinz. Je nach Typ sind die Züge im Schnitt bis zu 146.000 Kilometer ohne Fahrzeugstörungen, die mehr als drei Minuten Verspätung ergeben, ununterbrochen im Einsatz.

Die Wagen werden vorausschauend instand gehalten, damit Ausfälle gar nicht erst entstehen, erklärt der Siemensianer. „Zudem sind wir bei unseren bisherigen Projekten mindestens zehn Prozent preiswerter als Betreiber – nicht auf Kosten der Löhne und Arbeitsplätze, sondern weil wir die Prozesse in den Werkstätten verbessern.“ Eine hohe Verfügbarkeit sei kein leeres Versprechen, so Emmelheinz. „Die Erfahrung der Menschen, die heute mit der S-Bahn unterwegs sind, ist eine andere.“ Im April wurde die Zuverlässigkeit auf 95,1 Prozent beziffert. Siemens würde 99 Prozent garantieren: „Wir meinen es ernst.“