Schluss, aus, vorbei. Eigentlich sollten sie Ende 2023 alle auf den Schrott. Doch nun müssen viele von ihnen noch mal ran, weil die Zahl der Fahrgäste immer weiter steigt. Die S-Bahn Berlin prüft, ob Züge, deren Ausmusterung besiegelt war, einige Jahre weiterfahren könnten.

„Berlin ist eine wachsende Stadt. Wir brauchen mehr Kapazität“, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner. Damit reagiert das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn auf einen Wunsch des Senats. Seit Jahren steigt die Zahl der Fahrgäste. Die bordeauxrot und ockergelb lackierten Züge wurden im vergangenen Jahr für 431 Millionen Fahrten genutzt – 75 Prozent mehr als 1995.

„Toaster“: So nennen S-Bahn-Fans die Baureihe 480, um die es hier geht. Warum die Züge mit den gerippten Dachverkleidungen so heißen, ist strittig. Manche vergleichen die kantige Form mit der von Broten, einige fühlen sich von den Schlitzen im Dach an alte Siemens-Toaster erinnert. Andere halten den Spitznamen für angemessen, weil Toaster heiß werden können. In der Tat gerieten Züge dieses Typs mehrmals in Brand – etwa 2004 im S-Bahnhof Anhalter Bahnhof, der im Nordsüd-Tunnel liegt. Im selben Jahr endete im Tunnel der Einsatz der Baureihe, seit 2009 ist die unterirdische Strecke für diese Züge tabu.

So richtig alt ist diese Baureihe nicht. Sie wurde in den 1980er-Jahren entworfen und in West-Berlin von der Waggon Union gebaut. Die Serienfahrzeuge wurden während der Jahre 1990 bis 1994 geliefert.

Trotzdem sind die „Toaster“ der zweitälteste Fahrzeugtyp der Berliner S-Bahn, weshalb sie einem Fitnessprogramm unterzogen werden. Die Rollkur im Werk Schöneweide ist teuer. Pro Zwei-Wagen-Einheit kostet sie eine Million Euro, so Buchner. Das Land zahlt. Dass die Züge nach der bisherigen Planung bis 2023 im Einsatz bleiben sollten, hat einen Grund: Bis 2023 dürfen S-Bahnen, die nicht über das neue Sicherungssystem ZBS verfügen, unterwegs sein. Danach nicht mehr.

Darum steht nun die Frage im Vordergrund, ob die Technik nachgerüstet werden kann. Dass die ZBS-Bauteile 50 bis 60 Kilogramm wiegen, ist nicht das Problem. „Wir müssen nachweisen, dass wir damit bei dieser Baureihe einen sicheren Betrieb durchführen können“, erklärte S-Bahn-Fahrzeugchef Jürgen Strippel. „Bislang galt dieses Thema als so schwierig, dass wir uns nicht daran herangewagt haben.“ Denn bei weitreichenden Umbauten wird rasch die Frage laut, ob das Fahrzeug von Neuem zugelassen werden müsste – was Jahre dauern würde.

„Inzwischen sind wir besserer Dinge“, sagt Strippel. Das Eisenbahn-Bundesamt  müsse aber noch über das Konzept befinden. Zudem sei zu prüfen, wie viele Zwei-Wagen-Einheiten maximal bis 2030 weiterfahren sollen. „Wahrscheinlich nicht alle 70“, meint  Buchner.

Anderes ist bereits entschieden. So wird die Baureihe 485 in sechs Jahren definitiv ausgemustert. Die Züge wurden zu DDR-Zeiten konzipiert, die Serienfahrzeuge von 1988 bis 1992 geliefert. 80 Zwei-Wagen-Einheiten gehören zum Bestand.

Viele S-Bahner mögen die solide Technik. Allerdings: „Die Züge sind heute nur schwer am Leben zu erhalten“, sagte Buchner. Damit ist klar: Die „Coladose“, wie manche Fans diese Baureihe wegen ihrer früheren roten Lackierung nennen, verschwindet also von den Gleisen.

Dagegen sollen die „Taucherbrillen“ noch lange weiterfahren. Die gewölbte Frontscheibe hat der Baureihe 481, die mit 500 Zwei-Wagen-Einheiten vertreten ist, zu diesem Spitznamen verholfen. Zwar haben diverse Unzulänglichkeiten zu den S-Bahn-Krisen beigetragen, die Berlin und Brandenburg mehrmals ins Chaos gestürzt haben.

Doch inzwischen gelten sie als behoben. Künftig werden 250 Millionen Euro in ein „Langlebigkeitsprogramm“ investiert. Und so bleibt die Baureihe, deren Serienlieferung zwischen 1996 und 2004 erfolgte, den Fahrgästen noch lange erhalten. „Weiterbetrieb bis 2035 möglich“, heißt es bei der S-Bahn. Wahrscheinlich wird sie aber nicht so lange weiterfahren.

Nicht mehr lange, dann sind die ersten Exemplare der neuen Berliner S-Bahn-Generation zu sehen. „Im Oktober treffen die ersten Wagenkästen aus Ungarn im Werk von Stadler Pankow ein, um innen ausgebaut werden“, berichtete Buchner. 2018 soll der erste rollfähige Zug auf den Werksgleisen stehen. Zehn Zugeinheiten mit 30 Wagen bilden den Anfang. Für sie steht 2019 ein Testbetrieb an, 2020 folgen nächtliche Testfahrten auf dem Ring. Am 1. Januar 2021 dürfen erstmals reguläre S-Bahn-Kunden mitfahren, so Buchner: „Dann beginnt der Betrieb auf der S 47 nach Spindlersfeld.“