Berlin - Eine gute Nachricht für Fahrgäste der Berliner S-Bahn: Nach der Entgleisung im unterirdischen Teil des Bahnhofs Friedrichstraße ist der Nord-Süd-Tunnel wieder auf ganzer Länge zweigleisig befahrbar. Seit diesem Mittwochmorgen wird wieder das volle Betriebsprogramm gefahren - mit den Linien S1, S2, S25 und S26.  

Liegt die Unfallursache in der Infrastruktur?

Eine S2 nach Blankenfelde war in der Nacht zu Donnerstag (16. Dezember) gegen 0.01 Uhr bei der Einfahrt in Gleis 11 des S-Bahnhofs Friedrichstraße entgleist. Von den rund 30 Fahrgästen wurde niemand verletzt. Mussten die S-Bahn-Nutzer zunächst auf einen rasch eingerichteten Schienenersatzverkehr mit Bussen ausweichen, verkehrt seit Donnerstagabend zumindest die S1 zwischen Wannsee und Oranienburg wieder auf dem betroffenen Abschnitt – allerdings nur auf einem Gleis im 20-Minuten-Takt. Die Linien S2 und S25 wurden unterbrochen und in zwei Teile geteilt, die S26 verkehrt verkürzt. Reisende müssen umsteigen und deutlich mehr Zeit einplanen als bisher.

Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) gab den betroffenen Bereich am Montag gegen 17 Uhr frei. Die Wagen der mit einem Drehgestell aus den Schienen gesprungenen S-Bahn, die dort verblieben waren, wurden ins Werk Schöneweide überführt. 

Die mit dem Unfall befassten Experten schließen nicht aus, dass die Ursache der Entgleisung in der Infrastruktur zu suchen ist. Entsprachen die Abstände zwischen den Schienen noch den Normen? Wegen ihrer engen Kurvenradien und Steigungen gelten die Gleise im Nord-Süd-Tunnel der Berliner S-Bahn als besonders belastet. Gleiserneuerungen sind dort in kürzeren Abständen als anderswo erforderlich. „Derzeit wird in alle Richtungen ermittelt, um die Ursache für das Ereignis feststellen zu können. Neben den Fahrzeugen steht dabei auch die Infrastruktur im Fokus der Ermittlungen“, sagte ein Sprecher der BEU. 

Nicht nur Fahrgäste, auch S-Bahner hatten sich gewundert, warum das Gleis 11 im Bahnhof Friedrichstraße fast fünf volle Tage lang von dem verunglückten Zug belegt war. „Wir fragen uns, warum der mit einem Drehgestell entgleiste Zug immer noch dort herumgammelt“, hieß es am Montagmorgen. „Das ist Versagen auf ganzer Linie, wenn diese wichtige Stecke nicht schnellstmöglich wieder befahrbar gemacht wird.“

Warum war Gleis 11 so lange gesperrt?

Die Zeit war erforderlich, um alle Informationen gewinnen zu können, hieß es bei der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung. „Eine Unfallstelle ist von Gesetzes wegen solange gesperrt, bis eine Freigabe erfolgen kann“, sagte der Sprecher. Ist ein Gleisbereich wieder für den regulären Verkehr freigegeben, sei es möglich, dass wichtige Hinweise verloren gingen und der Vorfall nicht mehr aufgeklärt werden könne. Deshalb gelte der Grundsatz: Sorgfalt und Genauigkeit vor Schnelligkeit, hieß es.

„Die Freigabe einer Unfallstelle kann dann erfolgen, wenn alle notwendigen Informationen vorhanden sind, die für die Ursachenermittlung erforderlich sind. Soweit eine Unfallstelle freigegeben ist und wieder für den Regelbetrieb eröffnet ist, könnten mögliche Anhaltspunkte für eine Ursache nicht mehr rekonstruiert werden“, bekräftigte der Sprecher. „Im Verlauf des Montagnachmittags wurden der BEU seitens der verantwortlichen Akteure Informationen vorgelegt, die eine Freigabe erlaubten. Die Fahrzeuge können nunmehr zu weitergehenden fahrzeugseitigen Untersuchungen einer Werkstatt zugeführt werden.“ Im Werk Schöneweide wird der Zug nun untersucht, hieß es bei der S-Bahn.

In dem Tunnelabschnitt ist vor mehr als 13 Jahren schon einmal ein Zug entgleist. „Am Sonnabend, 14. Juni 2008, kam es um 14.32 Uhr unmittelbar vor dem Haltepunkt Berlin Friedrichstraße in Fahrtrichtung Wannsee zum bisher schwersten Unfall beim Einsatz historischer Berliner S-Bahnfahrzeuge“, so der Verein Historische S-Bahn Berlin e.V. Der dritte Wagen eines Acht-Wagen-Zugs, der ohne Fahrgäste unterwegs war, sprang aus den Schienen. Die Bergung dauerte rund 24 Stunden.