Auf die Bewohner von Karlshorst und anderen Wohnvierteln im Osten der Stadt wartet ein zweifelhaftes Vergnügen. Weil die S-Bahn-Linie S3 nicht fährt, können sie am kommenden Freitag und dem darauf folgenden Wochenende mit dem Bus direkt in die Stadt fahren.

Wegen Bauarbeiten richtet die S-Bahn eine der längsten Linien des Schienenersatzverkehrs (SEV) ein, die es jemals in Berlin gegeben hat. Die Busse fahren von der Treskowallee bis zum Alexanderplatz – rund zwölf Kilometer weit. Dies ist der Auftakt zu weiteren Sperrungen im Osten, die erst in der Nacht zum 12. November enden.

„Wir wissen, dass wir den Kunden viel zumuten“

Auch viele andere Fahrgäste müssen sich darauf einstellen, dass sie schnelle S-Bahnen gegen langsame Busse tauschen müssen. „Wir wissen, dass wir den Kunden viel zumuten“, sagte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn (DB), am Freitag. „Aber wir bauen nicht zum Vergnügen, auch nicht, um der Bauwirtschaft einen Gefallen zu tun – die hat genug zu tun. Wir bauen für die Fahrgäste.“

In diesem Jahr hat die Bahn in Berlin und Brandenburg 550 Millionen Euro in Strecken und Bahnhöfe investiert. 2019 wartet eine ähnliche Summe darauf, verbaut zu werden.

Schon wieder Sperrung der S2

Ein Beispiel für den möglichen Kundennutzen sind die Arbeiten, die zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof anstehen. Sie sind nötig, damit die S-Bahn dort vom 9. Dezember an auf vier Gleisen fahren kann. Derzeit stehen nur zwei zur Verfügung, und auch die Bahnsteige sind noch nicht alle komplett am Netz. Vier statt zwei Gleise bedeutet nicht nur, dass die Kapazität steigt – weshalb die Linie S75 und die Verstärker der S5 nach Westen verlängert werden. Wenn sich auf dem Abschnitt die Situation entspannt, ist das auch die Basis für mehr Pünktlichkeit, so Kaczmarek.

Auch Christian Morgenroth von DB Netz freut sich: „Wenn wir zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof zwei S-Bahn-Gleise pro Richtung haben, geht eine Entwicklung zu Ende, die ich seit 1986 begleite“ – damals war er noch bei der Deutschen Reichsbahn. Zu DDR-Zeiten war geplant, den Bereich bis 1990 auszubauen. Doch dann kam der Mauerfall, „und das Projekt musste neu aufgesetzt werden“. Das betraf vor allem den Umbau des Ostkreuzes. Auch dieses Projekt steuert auf sein Ende zu.

Fahrgäste der Regionalbahnlinie RB 26 nach Strausberg und Kostrzyn (Küstrin) werden sich darüber freuen, dass die Züge vom 9. Dezember an bereits am Ostkreuz starten werden – nicht erst in Lichtenberg. Für 2019 kündigte Friedemann Keßler von DB Station & Service an, dass die Fußgängerbrücke komplettiert und das Empfangsgebäude fertiggestellt wird – letzteres mit einer Toilette, Zuletzt war von Herbst 2019 die Rede. Dass einer der am stärksten genutzten deutschen Bahnhöfe bisher keine Sanitäranlage hat, ist für viele Berliner ein Ärgernis.

Busse statt Bahnen im ersten Halbjahr 2019

„Es kommt wiederholt dazu, dass – vornehmlich auf den unteren Bahnsteigen des Ostkreuzes – vorhandene Wände, Pfeiler sowie sonstige Einbauten zur Verrichtung der großen wie auch der kleinen Notdurft zweckentfremdet werden“, klagte Arnd Hellinger aus Mahlsdorf.

Auch ein Bauprojekt, das sich im äußersten Südwesten des S-Bahn-Netzes in Potsdam abspielt, bringt vielen Fahrgästen Nutzen. „Sie gewinnen Zeit, weil die S7 bis zu zweieinhalb Minuten schneller wird“, sagte Olaf Schroeder von DB Netz. Zwischen Babelsberg und Potsdam werden weitere Gleise gelegt. Bis der so genannte Begegnungsabschnitt am 25. März 2019 eröffnet wird, müssen die Fahrgäste aber erst mal wieder leiden – SEV ist die Devise.

Die Nutzer der S2 im Nordosten, die schon viele, anfangs nicht gut organisierte Schienenersatzverkehre erdulden mussten, werden auch 2019 nicht in Ruhe gelassen. Weil in Berlin und Panketal sieben Brücken neu gebaut werden und der Anschluss an ein neues Stellwerk vorbereitet wird, fahren im ersten Halbjahr 2019 wieder Busse statt Bahnen. Noch in diesem Jahr müssen Fahrgäste der S5, S7 und S75 ebenfalls längere Reisezeiten einplanen.

Provisorium mit Aufzug

Ein anderes Projekt stört die Fahrgäste nicht – die Strecke ist noch gar nicht in Betrieb: Fast unbemerkt von vielen Berlinern entsteht in Mitte eine S-Bahn-Trasse, die den Ring mit dem Hauptbahnhof verbinden wird. Sie bildet den ersten Teil der zweiten Nord-Süd-S-Bahn, die später zum Potsdamer Platz, zum Gleisdreieck und zur Yorckstraße führen wird. Sie bekam einst den Arbeitstitel S21 – doch er gefällt der Bahn jetzt nicht mehr, weil er an das umstrittene Projekt Stuttgart 21 erinnert. Nun ist intern von „City-S-Bahn“ die Rede.

Ende 2020 soll auf dem ersten Teil der S-Bahn-Betrieb beginnen, bekräftigte Kaczmarek am Freitag. Zunächst pendeln Vier Wagen-Züge im Zehn-Minuten-Takt zwischen einem provisorischen, 80 Meter lange Tunnelbahnsteig nördlich der Invalidenstraße und Gesundbrunnen. Das Provisorium, das auch einen Aufzug bekommt, wird wieder abgerissen, wenn die S-Bahn-Station unterm Hauptbahnhof fertig ist. Bis dahin werden aber noch Jahre vergehen, sagte Projektleiter Thomas Rüffer.

Immerhin ist das Problem mit dem Baugrund unter dem Stadtbahn-Viadukt gelöst, berichtete er. Anders als bisher dargestellt sind die Elemente, die im Vorgriff auf das Projekt S21 im Boden betoniert worden waren, kein Hindernis: „Wir haben festgestellt, dass sich der Boden chemisch verfestigt hat. Deshalb haben wir nun das Bauverfahren geändert.“