Berlin - Plötzlich fuhr ein Ruck durch die S-Bahn, und die Fahrgäste wunderten sich über ein ohrenbetäubendes Rattern. Dann stand die S 25 still. Die Entgleisung in Tegel, bei der im August vergangenen Jahres sechs Menschen verletzt wurden, war eines der schwersten S-Bahn-Unglücke der jüngsten Zeit. Jetzt liegt der offizielle Untersuchungsbericht vor. Er zeigt, dass sich das Personal im Stellwerk Tegel nicht an alle Regeln hielt. Darum gibt es eine zweite Nachricht: Die Beschäftigten wurden disziplinarisch belangt.

Es geschah am 21. August 2012 um 11.42 Uhr. Die S-Bahn nach Hennigsdorf hatte gerade den Bahnsteig in Tegel verlassen und fast Tempo 40 erreicht, als unter ihr plötzlich eine Weiche gestellt wurde. Das riss den Zug fast auseinander. Der dritte und der vierte Wagen sprangen aus den Schienen und neigten sich bedrohlich zur Seite. Der fünfte und sechste rollten geradeaus auf ein anderes Gleis.

1,3 Millionen Euro Schaden

Die Bilanz: Zwei Frauen und vier Männer wurden leicht verletzt, sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Zu ihnen gehörte der Lokführer, der einen Schock erlitt. Den Sachschaden bezifferte die S-Bahn auf mehr als 1,3 Millionen Euro. Das steht in dem Bericht, den die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes nun vorgelegt hat. Er zeigt auch, dass das Personal im Stellwerk Tegel am Unglückstag stark belastet war.

Am Tag zuvor hatte ein Blitz ein wichtiges Element der Sicherungstechnik lahm gelegt: Die Anlage, die meldet, ob ein Gleisabschnitt frei oder belegt ist, versagte den Dienst. Am Morgen vor dem Unfall fiel dann auch noch die Schrankenanlage des Bahnübergangs Gorkistraße aus.

Um den Zugbetrieb zu verfolgen, musste das Stellwerkspersonal ohne technische Hilfe auskommen. Weil es die Nordausfahrt nicht einsehen kann, ist vorgeschrieben: Die Weichen dürfen erst dann gestellt werden, wenn der ausgefahrene Zug in Heiligensee eingetroffen ist und von dort zurückgemeldet wurde. Doch so lange warteten die Stellwerker nicht. Die Weiche 74 wurde gestellt, als sich der Zug dort noch befand. Es war offenbar nicht das erste Mal, dass das S-Bahn-Personal im Stellwerk Regeln nicht befolgte.

Die Ermittler stellten fest, dass viele Handlungen nicht dokumentiert worden waren. Es fehlten „sehr viele Eintragungen“, hieß es. Dabei sind sie, wenn Signale und Weichen bedient werden, oft nötig – nur so können nach Störungen und Unfällen Abläufe nachvollzogen werden. „Eine nachträgliche Überprüfung der S-Bahn ergab, dass 218 nachweispflichtige Bedienhandlungen nicht eingetragen waren“, so der Bericht. Es gab weitere Mängel – zum Beispiel wurden die Regeln für das Zugmeldebuch nicht eingehalten.

„Es war die organisierte Überforderung“, lautete die Einschätzung des Fachautors Erich Preuß. Nicht nur, dass Technik ausgefallen war: Der Fahrdienstleiter musste auch noch eine Kollegin, die eine Auszeit genommen hatte, einweisen.

Trotzdem hat die S-Bahn „personelle Maßnahmen“ ergriffen, teilte ein Bahnsprecher mit. Dem Vernehmen nach gab es ein Disziplinarverfahren gegen die beiden S-Bahn-Beschäftigten. Sie sind nicht mehr in Tegel im Einsatz. Grund zur Sorge gebe es nicht: „Wir wissen, dass die unterlassene Dokumentation von nachweispflichtigen Handlungen ein Einzelfall ist“, so der Sprecher.

Lokbrand im Ostbahnhof

Die Untersuchungsstelle hat auch einen Bericht zu einem anderen Vorfall vorgelegt: zum spektakulären Feuer in einer Elektrolok, das sich am 26. Juli 2011 im Ostbahnhof ereignete. Menschen wurden zwar nicht verletzt, doch die Lok des Zugs nach Brandenburg brannte aus. Gesamtschaden: rund 436.000 Euro.

Laut Bericht war die 1991 gelieferte Lok schon „öfter durch verschiedene Störungen aufgefallen“ – auch am Unglückstag, zuvor nach einem Aufenthalt in der Werkstatt. Dort wurde nicht immer richtig gearbeitet, lässt sich aus dem Bericht folgern. Fehlerhafte Kontakte und eine schlechte Verbindung zwischen Kupferkabelanschlüssen und Alu-Stromschienen lösten den Lok-Brand aus, so die Ermittler. Neue Regeln schreiben nun zusätzliche Prüfungen in den Werkstätten vor.