Berlin - Der Mann ist sauer, das ist deutlich zu spüren. Seit Jahrzehnten steuert er S-Bahn-Züge durch Berlin und Brandenburg, Triebfahrzeugführer heißt sein Beruf. Schnee und Frost setzen den Zügen zu, das weiß er aus Erfahrung. „Doch auch diesmal hätten wir uns besser vorbereiten können“, sagt er. „Wir waren seit Tagen gewarnt. Und wieder sind wir ins offene Messer gerannt.“ Ein Teil der Probleme, unter denen die Fahrgäste nun leiden, hätte sich mit besserer Vorbereitung möglicherweise verhindern lassen. Auch am Dienstag hatte die S-Bahn mit Problemen zu kämpfen. Fahrzeuge fielen aus oder konnten nur mit vermindertem Tempo verkehren, Weichen waren gestört.

Der Wintereinbruch beschert nicht nur den Fahrgästen der S-Bahn, sondern auch dem Personal eine harte Zeit. Immerhin konnte der Ring, der auch zu Corona-Zeiten stark frequentiert wird, anders als am Montag wieder im Fünf-Minuten-Takt befahren werden. „Auf den langen Pendlerstrecken nach Brandenburg konnten wir unser gutes Angebot größtenteils aufrechterhalten“, hieß es. Die neuen Züge, die seit Anfang Januar auf der S47 im Einsatz sind, verkehren weiterhin ohne Störungen. So schlecht schlägt sich die S-Bahn nicht, da sind die Einschränkungen im Fernverkehr schon massiver.

Trotzdem gab es auch am Dienstag Probleme mit der Infrastruktur, für die DB Netz verantwortlich ist. So streikte wie schon am Montag eine Weiche in Lichtenrade, weshalb auf dem Südteil der S2 nur ein 20-Minuten-Takt möglich war. Auch Baumschulenweg war von einer Weichenstörung betroffen, weshalb der wichtige S-Bahn-Abschnitt zwischen Baumschulenweg und Treptower Park bis in den Vormittag hinein brachlag. Die Weichenstörung in Blankenburg vom Montag wirkte sich am Dienstag weiterhin aus: Schienenersatzverkehr auf der S8 zwischen Blankenburg und Hohen Neuendorf.

Fahrgastverband: Überalterung der Flotte ist ein großes Problem

Die Entschuldigung mit „witterungsbedingten Störungen“ kann der Triebfahrzeugführer nicht mehr hören. „Wir dürfen uns nicht dahinter verstecken.“ Die neuralgischen Punkte seien bekannt, dort hätte man vorsorglich Personal stationieren können. „Bei der Fußball-WM 2006 hat man das gemacht“, sagt er. „Und ganz früher ging bei einer Weichenstörung jemand mit dem Besen nach draußen.“ Heute gebe es kein Personal vor Ort mehr. Weichen werden aus der Ferne von elektronischen Stellwerken gesteuert. DB Netz arbeite Störungen nach einem festen Plan ab, hieß es. Danach sind Weichen nach Bedeutung geordnet. Allerdings: „Auch wenn Weichen wiederhergestellt worden sind, kann es sein, dass sie bald wieder unter Schneeverwehungen verschwinden“, sagte ein Verantwortlicher bei der S-Bahn. Es ist ein Sisyphus-Spiel.

Allerdings fallen weiterhin auch Fahrzeuge aus – und dieses Thema liegt in der Verantwortung der S-Bahn Berlin GmbH. Auch am Dienstag standen viele S-Bahnen der Baureihe 485 nicht zur Verfügung, weil Schnee in die Antriebe eingedrungen war. Die nach drei Jahrzehnten schon ziemlich betagten Wagen gelten als Sorgenkinder. „Die S-Bahn-Flotte ist überaltert, das ist eines der Hauptprobleme“, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Verantwortlich sei die Politik, die sich lange nicht über die S-Bahn-Zukunft einigen konnte.

Doch auch Züge der Baureihe 481, die den Großteil der Flotte stellt, quittieren den Dienst. Zwar sind die Züge vor einigen Jahren mit hohem Aufwand zusätzlich winterfest gemacht worden. „Die Antriebssteuerung arbeitet seitdem stabiler“, sagte der S-Bahner. Viele Wagen haben zudem eine neue Lackierung und neue Sitze bekommen. „Doch an der Technik wurde wenig verändert.“ Und so fallen derzeit viele Lüfter und andere Anlagen aus. Statt mit mehreren Antrieben fahren manche Zugverbände nur noch mit einem. Weil der Schnee die Sandrohre des Bremssystems einfrieren lässt, dürfen viele Fahrzeuge dieses Typs nur noch Tempo 60 fahren. Verspätungen sind die Folge.

Wenn Fahrten ausfallen, sind die verbleibenden Züge umso voller – das ist während einer Pandemie problematisch. „Auf dem Ring sehe ich immer wieder S-Bahnen, in denen sich die Leute drängen“, sagt der Triebfahrzeugführer. „Was sollen sie auch machen? Auch in Corona-Zeiten müssen viele Berliner täglich zur Arbeit. Und Radfahren ist ja derzeit fast nicht möglich.“