Die Raucher haben gewonnen. Zumindest bei der S-Bahn. Jahrelang galt auf den Bahnhöfen Rauchverbot. Jetzt knickt die S-Bahn ein. Fast jeder vierte S-Bahnhof soll künftig eine Raucher-Insel bekommen. Diese Inseln sollen auf den nicht überdachten Teilen der Bahnsteige entstehen.

Zur Begründung heißt es: „Wir wissen, dass Kontrollen und Verbote Menschen nicht abhalten, auf den Bahnhöfen zu rauchen“, sagt Bahn-Sprecher Burkhard Ahlert. „Darum wurden die gesonderten Raucherbereiche an den Enden der Bahnsteige eingeführt, um dorthin die Raucher umzuleiten. So können wir sie besser vorn von den Nichtrauchern fernhalten. Es ist geplant, diese Bereiche im kommenden Jahr auf insgesamt 43 Bahnhöfe auszuweiten.“

Exakt heute vor zehn Jahren wurde das Nichtraucherschutzgesetz für Berlin verkündet. 2008 trat das Regelwerk in Kraft. Es sollte vor allem aus Restaurants oder öffentlichen Einrichtungen, zu denen auch Bahnhöfe zählen, die Raucher verbannen, um Nichtraucher vor den Gefahren des Passivrauchens zu schützen. Auf den 166 S-Bahnhöfen wurden Aschenbecher abmontiert. Ab sofort galt absolutes Rauchverbot. Sogar E-Zigaretten sind auf den Bahnsteigen nicht erlaubt.

Im vergangenen Jahr wurden 3726 Raucher zur Kasse gebeten

Weil sich viele Qualmer nicht an die Verbote hielten und sich Fahrgäste über Qualm beschwerten, wurde im April 2016 von der S-Bahn ein Bußgeld von 15 Euro eingeführt, das erwischte Bahnhofsraucher zahlen müssen.

Kürzlich kündigte die S-Bahn GmbH sogar an, ab 2018 noch schärfer gegen das Rauchen auf den Bahnhöfen vorzugehen. So soll das Personal aufgestockt werden, um Verstöße „zu jeder Zeit im gesamten S-Bahn-Netz“ zu ahnden. Im vergangenen Jahr wurden durch Kontrollen 3726 Raucher zur Kasse gebeten. In diesem Jahr waren es bis September bereits 3375 Raucher, die jeweils 15 Euro Bußgeld zahlen mussten.

Trotz verschärfter Kontrollen kapituliert nun die S-Bahn GmbH. In Pankow wurde das neue Raucher-Projekt erstmals getestet. Ende 2016 wurde die Testphase auf insgesamt elf Bahnhöfen ausgedehnt. Zu ihnen gehören unter anderem die Stationen Hermannstraße, Tempelhof, Frankfurter Allee, Jungfernheide, Storkower Straße, Wannsee, Westkreuz, Treptower Park und Alexanderplatz, die Qualm-Ecken mit Hinweisschild und Ascher bekamen. Laut der S-Bahn GmbH kamen die Raucherecken gut an.

 „Irreführung der Fahrgäste“

„Die Beschwerden der Nichtraucher sind zurückgegangen, weil ihnen nun die Raucher auf den Bahnsteigen nicht mehr in die Quere kommen“, sagte Bahnsprecher Ahlert. „Darum werden 2018 weitere Raucherzonen zwischen Ahrensfelde und Zehlendorf dazu kommen. Einzige Ausnahme sind die Bahnhöfe, die unterirdisch liegen. Aus Sicherheitsgründen gilt dort weiter ein absolutes Rauchverbot wie auch bei der U-Bahn.“

Der Nichtraucher-Verband „Pro Rauchfrei“ will die Ausweitung der Raucher-Inseln und damit die schleichende Legalisierung des Qualmens auf den S-Bahnhöfen nicht hinnehmen. „Das absolute Rauchverbot muss durchgesetzt werden“, sagte der Bundesvorsitzende Siegfried Ermer der Berliner Zeitung. „Da wir eine anerkannte Verbraucherschutzorganisation sind, werden wir unsere Möglichkeit nutzen und die S-Bahn GmbH wegen der Raucherzonen abmahnen.

Sie kann nicht Bahnhöfe nach außen als rauchfrei deklarieren und auf den Bahnsteigen Möglichkeiten zum Rauchen bieten. Das ist eine Irreführung der Fahrgäste.“ Nach Angaben des Verbandes „Pro Rauchfrei“ ist die S-Bahn GmbH nur ein Beispiel, wie das Nichtraucherschutzgesetz in Berlin seit zehn Jahren nicht eingehalten wird. Denn das Gesetz verbietet in Berlin vor allem auch das Rauchen in Restaurants oder Clubs, erlaubt es nur in Ausnahmefällen und mit Auflagen.

14.000 Euro Buß- und Verwarnungsgeldern

„Doch viele gastronomische Einrichtungen halten sich nicht an das Rauchverbot“, sagte Ermer, dessen Verband gerade eine Diskothek in Tempelhof abmahnt, weil dort auf der Tanzfläche geraucht wurde.

Die Kritik hält der Berliner Hotel- und Gastronomieverband DEHOGA für nicht berechtigt. „Das Rauchverbot hat sich gut im Gastronomiegewerbe der Hauptstadt eingespielt“, sagt Hauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder. „Wer rauchen will, geht in eine der 500 Raucherkneipen der Stadt, die eine Genehmigung haben.“ Sicher gebe es Verstöße, die geahndet werden müssen. Doch die insgesamt 16.000 gastronomischen Betriebe auf Einhaltung des Rauchverbots zu kontrollieren, „ist die Pflicht der Bezirke“, so Lengfelder.

Die Ordnungsämter haben aber kaum Mitarbeiter, um Sünder zu erwischen und Bußgelder bis zu 1000 Euro einzutreiben. So wurden beispielsweise in Reinickendorf zwischen 2010 und 2015 nur 130 Verfahren wegen Rauchverbotsverstößen eingeleitet, die 14.000 Euro an Buß- und Verwarnungsgeldern einbrachten.