Das Arbeitspferd der S-Bahn: Ein Zug der Baureihe 481 unterwegs in Berlin.
Foto: imago images / F. Anthea Schaap  

BerlinDie Premiere fand vor Sonnenaufgang statt. Am Montagmorgen haben die neuen Berliner Express-S-Bahnen wie geplant ihren Betrieb aufgenommen. Die Züge, die auf der S3 zwischen Friedrichshagen und Ostbahnhof vier Stationen ohne Halt durchfahren, stießen auf positive Resonanz. Jetzt kündigt sich eine weitere Beschleunigung des S-Bahn-Verkehrs an. „Uns wurde signalisiert, dass die Chancen gut stehen, dass wir mit der Baureihe 481 künftig wieder 100 Kilometer in der Stunde fahren dürfen“, teilte S-Bahn-Chef Peter Buchner der Berliner Zeitung mit.  

Dieser S-Bahn-Typ bildet mit tausend Wagen den Großteil der Flotte. Wer mit der S7 durch den Grunewald fährt, spürt den Unterschied. Gemütlich rollt die S-Bahn dahin, während auf der Avus Autos mit Tempo 100 überholen. Dabei durfte die S-Bahn-Baureihe 481, die seit 1996 in Berlin unterwegs ist, anfangs  ebenfalls so schnell fahren.

Nicht nur auf der Strecke im Grunewald, auch auf Teilstücken des Südrings oder auf dem Nordring zwischen Jungfernheide und Beusselstraße sind 100 Kilometer pro Stunde erlaubt. Auf weiteren Trassen ist zumindest Tempo 90 möglich – dazu zählen Abschnitte der S1 und S2. Aber dann kam die Krise, und immer klarer zeigte sich, dass die Deutsche Bahn auch bei der S-Bahn Berlin GmbH an der Instandhaltung sparte.

Bremse brachte Züge ins Schlittern 

Ein einschneidendes Ereignis war der Auffahrunfall am 20. November 2006 im Südkreuz, bei dem 33 Menschen verletzt wurden. Eine S25 mit Fahrgästen prallte auf einen Messzug, der einen Schmierfilm hinterlassen hatte. Zu dem Unfall trug aber auch bei, dass die S-Bahn fast keinen Bremssand mehr hatte. Der Sandbehälter des Zuges der Baureihe 481 war 21 Tage nicht kontrolliert worden, nur 16 Tage waren erlaubt. Dritter Faktor: Die Steuerung der Gleitschutzgeräte arbeitete nicht immer wie gewünscht. Diese Geräte, die mit dem Antiblockiersystem von Autos vergleichbar sind, dosieren die Bremse, um Blockieren und Dahinschlittern zu verhindern.

Als Reaktion verpflichtete sich die S-Bahn gegenüber dem Eisenbahn-Bundesamt dazu, die Streckengeschwindigkeit der Baureihe 481 auf 90 Kilometer in der Stunde zu drosseln. In Bahnhofseinfahrten galt für sie sogar nur noch Tempo 80. Nicht mehr lange, dann wurde dieses Limit auf das gesamte Streckennetz ausgedehnt – und dabei ist es geblieben. Ein weiterer Unfall bestärkte die Verantwortlichen.

Am 1. Mai 2009 entgleiste in Kaulsdorf ein Zug der Baureihe 481 nach einem Radbruch. Neue Radsätze wurden nötig. Die im Jahr 2010 erteilte Zulassung hat eine Nebenbestimmung: Mit den neuen Rädern ist nur Tempo 80 erlaubt.

Die anderen Zugtypen mussten ihr Tempo nur ein Jahr lang verringern. Seit zehn Jahren darf die Baureihe 485 wieder 90, die Baureihe 480 sogar 100 Kilometer in der Stunde fahren. Bei der 481er waren die Technikthemen allerdings umfangreicher.

S-Bahner hoffen auf mehr Pünktlichkeit

Doch die S-Bahner haben es geschafft, sagte ihr Chef Peter Buchner. „Wir haben alle Punkte abgearbeitet, die zur Geschwindigkeitsreduzierung bei der Baureihe 481 geführt haben.“ Die Bremsanlage wurde optimiert, und DB Netz hat damit begonnen, die mechanische Zugsicherungstechnik durch das neue System ZBS zu ersetzen. Zuletzt ging es darum, das Zusammenspiel zwischen Rad und Schiene zu verbessern.

Ein neues Radprofil wurde entwickelt und  über 300.000 Kilometer getestet, mit guten Ergebnissen. „Demnächst wird ein Gutachter die letzte erforderliche Expertise vorlegen“, erklärte Peter Buchner. „Dann brauchen wir noch grünes Licht vom Eisenbahn-Bundesamt, anschließend müssen wir alle 8000 Räder reprofilieren.“ So, wie es aussieht, darf die Baureihe 481 ab Dezember 2020 statt Tempo 80 wieder 100 fahren.

Das wird ausschließlich für Strecken gelten, die bereits mit der neuen Zugsicherungstechnik ZBS ausgestattet sind. Die Trassen im Grunewald und nach Potsdam gehören dazu, so Buchner.

Diese Beschleunigung wird aber nicht dazu führen, dass die Fahrzeiten gekürzt werden – anders als bei den Expressbahnen auf der S3, die je nach Fahrtrichtung zwei oder vier Minuten sparen. Dagegen wird die 2020 geplante Verbesserung nicht in den Fahrplänen sichtbar. Dank zusätzlicher Zeitpuffer werde es aber mehr Luft im Fahrplan geben, so ein S-Bahner. „Dann können wir kleine Verspätungen wieder herausfahren. Dadurch steigt die Pünktlichkeit.“