Die S-Bahn ist zur Schleichbahn geworden. Im gesamten Streckennetz wurde die Höchstgeschwindigkeit für alle Züge auf 80 Kilometer pro Stunde gesenkt, und dann wurden auch noch viele neue Tempolimits angeordnet. So müssen die Bahnen zwischen Gesundbrunnen und Bornholmer Straße auf 40 Kilometer pro Stunde abbremsen. Auf dem Ring drosseln die Züge ebenfalls die Geschwindigkeit, zum Teil auf Tempo 40 oder 50. Das sind nur einige Beispiele, und es ist absehbar, dass weitere Beschränkungen hinzukommen. „Kein Wunder, dass wir uns jetzt häufiger verspäten“, sagte ein S-Bahner am Freitag.

Lange Zeit galt die S-Bahn als eine Art Staat im Staate Deutsche Bahn (DB). Über Jahrzehnte hinweg legte sie die Geschwindigkeit zum Teil nach ihren eigenen Regeln fest. Doch nun passt die DB, der die Gleisanlagen in Berlin gehören, die Tempobestimmungen den bundesweiten Regularien an.

Als Erstes verfügte das Unternehmen, dass seit vergangenem Montag nirgendwo im S-Bahn-Netz mehr schneller als 80 Kilometer in der Stunde gefahren werden darf. Dies gilt vorerst bis zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember. Davon betroffen sind etwa die Linie S 3 zwischen Ostkreuz und Erkner, wo die Bahnen bisher mit Tempo 90 unterwegs waren, und der Südring, wo 100 zulässig war.
Mit dem generellen Limit will sich die DB Luft verschaffen, um die vielen absehbaren Tempo-Änderungen in aller Ruhe zu berechnen und umzusetzen. „Denn dafür ist ein Riesenaufwand erforderlich“, erklärte ein Eisenbahner. Die Unterlagen für das Fahrpersonal müssen geändert, Signale umprogrammiert und Geschwindigkeitstafeln ausgetauscht werden.

Mehr Verspätungen befürchtet

Doch wie jetzt bekannt wurde, hat die DB einem Teil der vielen zu erwartenden Tempo-Änderungen bereits vorgegriffen, wie ein Bahnsprecher bestätigte. Ebenfalls seit Montag früh bekommen Fahrgäste und Personal die Ergebnisse der ersten Neuberechnungen zu spüren. Auf mehreren Abschnitten hat DB Netz die Höchstgeschwindigkeit bereits herabgesetzt.

So gilt auf einem Gleisabschnitt zwischen Wannsee und Nikolassee neuerdings Tempo 50. Auf einem 1770 Meter langen Teilstück der S 2 zwischen Blankenfelde und Mahlow wurde die Höchstgeschwindigkeit auf 70 Kilometer in der Stunde festgesetzt. Vorher durften die Züge Tempo 80 fahren. Der neue Tempo-40-Abschnitt auf dem Nordring zwischen Wedding und Gesundbrunnen ist zwar nur 98 Meter lang, doch er hält den Verkehr ebenfalls auf, wie ein Lokführer erzählte. „Das Abbremsen kostet auf jeden Fall Zeit“, sagte er.

Auch dieses Limit sei Folge der Neuberechnung nach dem DB-Regelwerk, so ein Bahnsprecher. Es berücksichtige auch, dass die Schienen vor zu großer Abnutzung geschützt werden und die Reisenden guten Fahrkomfort genießen.

Doch der Fahrgastverband IGEB bezweifelte, dass die Regelungen den Reisenden nutzen. Dort wird befürchtet, dass sowohl das generelle Tempolimit als auch die punktuellen Beschränkungen dazu führen werden, dass Verspätungen nicht mehr ausgeglichen werden können. Dadurch leide die Stabilität des Betriebs. „Und die Pünktlichkeit“, so der Lokführer.

Dabei hat sich gerade dieser Qualitätsfaktor zuletzt wieder verbessert: Fuhren im August 2012 zehn Prozent aller S-Bahnen um mehr als vier Minuten zu spät, waren es in diesem August 4,9 Prozent, so der Verkehrsverbund VBB.

Nicht nur neue, auch alte Tempolimits halten den Betrieb bei der S-Bahn auf. So müssen alle Züge schon seit dem 9. Februar 2009 auf einem tausend Meter langen Abschnitt zwischen Friedrichsfelde Ost und Lichtenberg auf Tempo 70 abbremsen. „Oberbaumangel“ heißt es zur Begründung. Das bedeutet: Die Anlagen sind verschlissen, sie müssten erneuert werden.

Anschluss in Köpenick verpasst

Auch Weichenschäden bremsen den S-Bahn-Verkehr aus, ganz aktuell seit dem Ende dieser Woche in Griebnitzsee, wo statt Tempo 80 nur noch Tempo 40 erlaubt ist. „Dabei haben wir auf der S 1 nach Potsdam ohnehin schon Schwierigkeiten, den Fahrplan einzuhalten, weil die Strecke größtenteils eingleisig ist“, sagte der Lokführer.

Fahrgäste erzählten, dass sich die Züge der S 3 seit Montag öfter verspäten und dass sie in Köpenick Anschlussbusse verpassen. Dagegen teilte der Bahnsprecher mit, dass die Neuregelungen „nur geringfügige Auswirkungen auf die Pünktlichkeit haben“. Zudem würden die Neuberechnungen ab Dezember auch dazu führen, dass die S-Bahn zum Teil schneller fahren darf als heute. Doch der S-Bahn-Lokführer rechnete damit, dass die Beschränkungen überwiegen: „Wir werden langsamer.“