Berlin - Bei Frost und viel Schnee leidet die S-Bahn unter Winterproblemen, bei Hitze unter Sommerproblemen. Das kennen die leidgeprüften Fahrgäste schon. Doch seit Kurzem wird die S-Bahn auch noch von gravierenden Herbstproblemen geplagt. Weil viele Wagen mit einem leerem oder fast leerem Bremssandbehälter unterwegs sind, dürfen sie statt 80 nur noch 60 Kilometer pro Stunde fahren. Von den rund 160 S-Bahn-Zügen, die derzeit eingesetzt werden, schlichen am Dienstag und Mittwoch bis zu 30 mit gedrosseltem Tempo über die Gleise. Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Trotzdem gibt es Verspätungen und Ausfälle. Und noch kann die S-Bahn keine Entwarnung geben. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das Problem aufzuklären und zu lösen“, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner.

Empfindliche Technik

Leise rieselt der Bremssand – das ist im Herbst nichts Ungewöhnliches. Dass die S-Bahn mehr Sand als sonst zur Bremskraftverstärkung braucht, wenn Laub und Glätte viele Gleise schlüpfrig machen, ist normal. Unnormal ist jedoch, dass in diesem Herbst so viele Züge wegen Sandmangels auffallen. Dabei haben die Sandbehälter eines Acht-Wagen-Zugs ein Fassungsvermögen von 56 Litern – das müsste für einige Tage reichen. Trotzdem hätten die „allermeisten Züge“ einen niedrigen Sandstand, so Buchner verwundert. „Wir prüfen, ob sie einen erhöhten Sandverbrauch haben.“

Es könnte aber auch sein, dass es das Problem schon lange gibt, aber erst jetzt erkannt worden ist. Denn die Technik der Bremssandanlagen ist nach Umrüstungen empfindlicher geworden. Seit diesem Jahr verfügt ein Großteil der S-Bahnen über eine automatische Füllstandsanzeige, die präzise anzeigt, wie viel Sand sich in den Behältern befindet. Bei zu wenig Sand sorgt eine andere Automatik dafür, dass der betroffene Zug nicht mehr schneller als 60 Kilometer pro Stunde fahren kann.

Das Problem wurde dadurch verschärft, dass viele Relais fehlerhaft waren. Die Schalter zeigten fälschlicherweise an, dass die Sandanlagen kaputt sind – Abbremsen auf Tempo 60 war die Folge. 170 Zwei-Wagen-Einheiten erhalten nun neue Relais’.

Erst 2012 gibt es die S 85 wieder

Damit nicht jeder betroffene Zug in eine Werkstatt gefahren werden muss, baut die S-Bahn mobile Sandteams auf. „Wegen der Stromschienen darf aber nur an wenigen Stellen Sand nachgefüllt werden. Eine davon ist in Erkner“, so der S-Bahn-Chef. Der Einbau von größeren Sandbehältern ist keine Option, dafür fehlt unter den Wagen der Platz.

Ein anderes Technikproblem ist zu einem Dauerthema geworden. Die Reaktivierung von Bahnen der Baureihe 485, die in der Zeit des früheren Sparwahns auf Abstellgleise verbannt worden waren, geht langsamer voran als erwartet. „Die Biester wollen einfach nicht“, ärgerte sich Buchner. Seine Techniker wollen keinen Termin mehr nennen, wann alle 80 Zwei-Wagen-Einheiten zur Verfügung stünden. Nur 34 gehörten derzeit zum Einsatzbestand.

Trotzdem zeigte sich der oberste S-Bahner zuversichtlich, dass die Zahl der Züge wie versprochen bis Ende Dezember weiter steigt: von 476 auf 500 Zwei-Wagen-Einheiten. Allerdings werden dann noch nicht alle Fahrten, die vor Beginn der S-Bahn-Krise vor zweieinhalb Jahren im Fahrplan standen, wieder angeboten. So kehren die Verstärkerzüge für den Berufsverkehr vorerst nicht zurück – unter anderem zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz (S 1) sowie Mahlsdorf und Warschauer Straße (S 5). Auch die Wiederinbetriebnahme der Linie S 85, die einst Grünau mit Ostkreuz und Waidmannslust verband, verzögert sich.

„Zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember kommt sie definitiv nicht zurück“, so Buchner. Die S-Bahn will diese Linie erst 2012 wieder befahren. Denn wenn in diesem Winter bei viel Schnee wieder ein Tempo-60-Fahrplan nötig wird, müsste die S 85 wieder entfallen, weil dafür auf dem Ring die Kapazität fehlt. Außerdem gebe es nicht genug Fahrpersonal. Darum wolle die S-Bahn mit den zusätzlichen Wagen lieber bestehende S-Bahn-Züge verlängern als neue Züge einführen.