Berlin - Mit einem Arm hängt er an der U-Bahn, der gelbe Waggon schleift ihn mit. „Oh mein Gott, Diggah“, ruft jemand. Der junge Mann ist verletzt, schafft es aber noch, auf die fahrende U-Bahn zu springen. Mit dieser Szene beginnt ein Video einer BerlinerSprayer-Gruppe - und damit neun Minuten purer Wahnsinn auf dem Dach eines Zuges.

Auf Krücken humpelt der Zugsurfer aus der Anfangsszene durch einen Supermarkt. Bei der Aktion hat er sich wohl am Bein verletzt. „Ich bin gerade gestürzt, zum Glück nichts Ernsthaftes“, sagt er in die Kamera. Aus einem Regal zieht er eine Flasche Wein. Er wolle jetzt relaxen und die Beine hochlegen, sagt er.

In der nächsten Szene tragen maskierte Männer Plastikbänke durch den S-Bahnhof Grunewald. Mit dem Aufzug bringen sie die Kunststoffmöbel zum Gleis und hieven sie auf ein abgeflachtes Bahnhofsdach. Auch einen Tisch samt Tellern und Blumenvase schleppen sie hoch. Am Rand des Dachs warten sie, bis die S-Bahn anfährt, dann springen sie auf. „Der Fahrer hat die Jungs wohl nicht bemerkt“, sagt eine Bahnsprecherin. „Sonst hätte er den Zug sofort angehalten.“

Lebensgefährliche Aktion

Noch beim Ausfahren aus dem Bahnhof stellen die Zugsurfer Plastikbänke und Tisch auf dem Zugdach auf. Innerhalb weniger Sekunden fährt die S-Bahn so schnell, dass der Fahrtwind der Rose aus der Vase den Kopf abreißt.  „Der Sog, die Druckwelle, der Wind und S-Bahnen aus der Gegenrichtung machen solche Aktionen lebensgefährlich“, warnt die Bahnsprecherin.

Der Wind scheint die Jungs im Video nicht zu beeindrucken. Vier der irren Surfer setzen sich auf Plastikbänken um den Tisch, ein fünfter spielt den Kellner, schenkt Rotwein ein und serviert ein Sandwich. Der Fahrtwind fegt das Schnittchen sofort vom Teller, der Wein klatscht aus den Gläsern gegen die Kameralinse. 

Sie schleudern die Möbel vom Dach, eine Bank fällt in Richtung der benachbarten Gleise. Damit gefährden die jungen Männer auch andere. „Die ganze Aktion ist ein riskanter Eingriff in den Bahnverkehr“, sagt die Sprecherin.

Unklar ist, wann das Video entstand. Seit Mittwoch steht es im Netz, die Aktion liegt womöglich aber schon Wochen zurück. „Wir kannten das Video bislang nicht“, heißt es seitens der Bahn. „Unsere Sicherheitsleute prüfen die Szenen nun intern.“ Den Zugsurfern droht eine Anzeige. 

Einige sind bereits polizeibekannt. Doch Festnahmen, Verletzungen und selbst der Tod eines 19-jährigen Berliner S-Bahn-Surfers im April 2015 halten sie nicht von lebensgefährlichen Aktionen ab. 

In weißen Lettern wird am Ende des Videos „RIP Rico“ (heißt: Ruhe in Frieden Rico) eingeblendet. Das Netz rätselt, ob das der Name eines toten Zugsurfers ist. Doch selbst wenn Rico das Surfen nicht überlebt hat – auch ein weiterer sinnloser Tod wird die Berlin Kidz wohl nicht von ihrem selbstmörderischen Hobby abhalten.