Die schräge Musik war offenbar doch etwas zu schräg. Die Berliner S-Bahn hat ihr für September geplantes Pilotprojekt abgeblasen, das den Bahnhof Hermannstraße mit sogenannter atonaler Musik beschallen sollte. Das sind Klänge fernab von üblichen Melodien und Harmonien, die Drogenkonsumenten, Dealer und Trinker davon abhalten sollten, hier zu verweilen.

Erst vor einer Woche hatte die S-Bahn den Plan angekündigt. Doch bei einer Live-Vorführung am vergangenen Freitag vor dem Neuköllner Bahnhof verabschiedete sich der oberste Bahnhofsmanager Friedmann Keßler spontan von der Idee mit der nervenden Musik, wie Bahn-Sprecher Burkhart Ahlert der Berliner Zeitung bestätigte. Stattdessen sollen nun aus Lautsprechern eher Naturgeräusche erklingen – wie etwa aus einem Dschungel.

Mehrere Stile aufgeführt

Am frühen Freitagabend hatte die Neuköllner Initiative für Neue Musik Berlin auf den Vorplatz der Station Hermannstraße zu einem Livekonzert geladen. Die Musiker sollten demonstrieren, wie sich atonale Musik im Eingang des Bahnhofs künftig anhören könnte. Unter den etwa 300 Zuhören war auch Bahnhofsmanager Keßler, der für 166 S-Bahnhöfe in Berlin zuständig ist. 

„Es wurden mehrere Stile dieser experimentellen Musik aufgeführt“, sagt Sprecher Ahlert. Als die schrillen Töne verklungen waren, stand für den Bahnhofsmanager fest, dass diese Musik „nicht der passende Rahmen ist, um Drogenabhängige und Trinker in Zukunft von dem Bahnhof fernzuhalten“, so Ahlert.

Bahnhof Hermannstraße ist Kriminalitätsschwerpunkt

Nun will die S-Bahn mit anderen Klängen versuchen, gegen die Drogen- und Trinkerszene anzukämpfen, die sich seit Jahren vor und im Eingangsbereich des Bahnhofs Hermannstraße trifft. „Auch wenn wir der atonalen Musik nun eine Absage erteilen, ist das Thema nicht ganz vom Tisch. Wir werden nun andere Klänge wie Naturgeräusche am Bahnhof ausprobieren.“

Die Station Hermannstraße ist täglich für Tausende Fahrgäste ein wichtiger Umsteigebahnhof zwischen dem S-Bahn-Ring und der Bahnlinie U8. Laut der Statistik der Berliner Polizei werden am Bahnhof und in seinem Umfeld jährlich etwa 300 Straftaten registriert, zu denen Raubtaten, Körperverletzungen und Drogendelikte gehören.

Für die S-Bahn ist der Bahnhof einer von 17 Problembahnhöfen, zu denen auch etwa der Alexanderplatz, die Landsberger Allee, Charlottenburg, Schöneberg oder der Bahnhof Lichtenberg gehören. Die Stationen sollen ab diesem Jahr für knapp 5,3 Millionen Euro durch umfangreiche Reinigungs- und Verschönerungsarbeiten für Fahrgäste wieder attraktiver gemacht werden.

Der verworfene Plan mit der atonalen Musik, der nun am Bahnhof Hermannstraße durch Naturklänge ersetzt werden soll, gehörte ebenfalls zu dem Projekt. Im Erfolgsfall sollten die schrillen Klänge auch am Alexanderplatz erklingen.

Affen, Löwen oder Grillen im Bahnhof? 

Das neue Konzept passt auch zu dem Verschönerungsplan, den die S-Bahn für die Station Hermannstraße hat. „Die Wände in den Eingangs- und Treppenbereichen werden mit Folien mit viel Grün beklebt, die durchaus die Anmutung einer Dschungelwelt haben“, sagt Bahn-Sprecher Ahlert. Der Einsatz von Naturgeräuschen wäre daher durchaus denkbar, umso auf die Drogenabhängigen und Trinker einzuwirken.

Ob nun brüllende Affen, fauchende Löwen oder zirpende Grillen dabei zu hören sein werden, verrät die S-Bahn bisher noch nicht. Fest steht nur, dass die Naturgeräusche zwischen September und Jahresende erklingen werden. Ob die wilden Tiere dann auch dazu beitragen, die schrägen Vögel in die Schranken zu weisen, bleibt abzuwarten.