Berlin - Helmut Nickel kann sich noch gut erinnern. „Hier war immer viel los“, sagt der ehemalige Reichsbahner. „Damals gab es von Schöneweide Direktverbindungen in viele Städte der DDR“ – nach Zittau, Gera, Bautzen, Stendal. Bei seinem Rundgang bleibt Nickel vor einem baufälligen Holzanbau stehen: „Der gehörte zur Mitropa.“ Wenn der Ansturm groß war, nutzten Reisende die Gaststätte als Warteraum. Noch erinnert manches an die Zeit, in der Schöneweide einer der wichtigsten Fernbahnhöfe von Berlin, Hauptstadt der DDR, war – weil anderswo Kapazität fehlte. Doch nun geht die Deutsche Bahn (DB) daran, die Spuren dieser Vergangenheit zu tilgen. Fahrgäste müssen sich umstellen.

Am Montag griffen die kleinen Bauarbeiter zum Spaten. Mit Kindern aus der Kreativitäts-Grundschule Treptow feierte die Bahn den Start der letzten Etappe des Bahnhofsumbaus. Ende 2021 soll alles fertig sein – wenn es gut geht.

S-Bahnhof Schöneweide: Kein Durchgang zu Bahnsteigen von Michael-Brückner-Straße 

„Schöneweide gehört sicher nicht zu unseren Schmuckstücken“, sagte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn für Berlin. Aber als Knotenpunkt des Nahverkehrs sei der Bahnhof weiterhin von Bedeutung, täglich steigen 48.000 Menschen ein, aus oder um. „Darum werden wir die gesamte Anlage für 91 Millionen Euro in Schuss bringen.“ Sichtbar werde das als nächstes an dem langgestreckten Bauwerk, das bislang den Personentunnel unter den Gleisen mit dem Empfangsgebäude von 1886 verband. Die sogenannte Zwischenhalle, 1974 gebaut und grün gekachelt, wird abgerissen. Am Montag standen die Abbruchtrupps parat. „Sie müssen vorsichtig vorgehen“, sagte eine Bahnmitarbeiterin. Der Holzbau aus DDR-Zeiten enthalte „gefährliche Materialien“ – etwa Mineralwolle.

Ab sofort gibt es von der Michael-Brückner-Straße keinen Durchgang zu den Bahnsteigen mehr. Zwar bleiben der alte Personentunnel zum Busbahnhof und die dortigen Aufzüge zur S-Bahn zugänglich – aber nur noch für wenige Monate. Ab April 2019 stehen den Fahrgästen nur noch die Zugänge vom Sterndamm zur Verfügung. Dort gibt es derzeit bloß Treppen. Wie kommen Behinderte oder Eltern mit Kinderwagen ab dem Frühjahr zur S-Bahn?

„Wir haben in den Niederlanden eine Aufzugsanlage gemietet“, hieß es. 1,3 Millionen Euro vom Senat machen es möglich. „Damit bleiben die S-Bahnsteige barrierefrei erreichbar“, so der SPD-Abgeordnete Lars Düsterhöft. „Ich freue mich, dass wir uns durchgesetzt haben.“ Künftig werde es im Bahnhof auch Fahrtreppen geben. Zudem soll der Bahnsteig C, an dem heute Regionalzüge nach Eberswalde und Senftenberg sowie in Zukunft auch zum BER halten, ebenfalls einen Fahrstuhl erhalten.

Die Straßenbahn bekommt wie geplant einen eigenen Tunnel unter dem Bahndamm. Er erspart ihr die schmale zugestaute Brückendurchfahrt im Verlauf des Sterndamms. 2022 wollen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) den Tunnel sowie die Haltestelle zwischen dem Einkaufszentrum und dem neuen Bahnhofseingang in Betrieb nehmen, hieß es.

S-Bahnhof Schöneweide: Mietstation für Räder und Autos

„Dann halten dort auch Bahnen zur Wissenschaftsstadt Adlershof“, sagte Rainer Paul von der BVG. Die Trasse auf dem Groß-Berliner Damm soll Ende 2020 fertig werden. Außerdem denkt die BVG über einen „Mobilitäts-Hub“ für Schöneweide nach. Fahrgäste können dort auf Mieträder und Carsharingautos umsteigen.

Planer befassen sich bereits damit, wie der Eingang an der Ostseite gestaltet werden soll, sagte Friedemann Keßler von DB Station & Service. „Es gibt viele Optionen“ – auch die, das alte Empfangsgebäude nicht wieder als Durchgang zu nutzen. Stattdessen könnte der Eingang Ost mit einem Vorbau markiert werden.

Klar ist: Das Empfangsgebäude, in dem übrigens der langjährige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf 1968/69 eine Facharbeiterlehre absolvierte, bleibt stehen. Es ist denkmalgeschützt wie zum Beispiel auch das alte Stellwerksgebäude am Nordkopf. Was aus dem leerstehenden Backsteinbau wird, ist jedoch ungewiss. Ex-Reichsbahner Helmut Nickel hat nur einen Wunsch: „Er sollte wieder genutzt werden, für Läden und für Gastronomie. So, wie es jetzt ist, sollte es nicht bleiben.“