Bevor sie weiter arbeiten konnten, mussten die Bauleute häufig erst einmal den Müll aus der Nacht zuvor beseitigen. Unzählige leer getrunkene Flaschen und Getränkedosen lagen morgens auf der Baustelle an der Warschauer Brücke, erzählt Jon Draheim.

Nicht selten mussten auch Spritzen, mit denen sich Partygänger Drogen injiziert hatten, aufgeklaubt werden, die vielen geklauten Mobiltelefone und Jacken nicht zu vergessen. „Sogar Fahrräder wurden auf die Gleise geworfen“, sagt der Projektingenieur von der Deutschen Bahn (DB). Er betreut den Neubau des S-Bahnhofs Warschauer Straße – mitten auf der Friedrichshainer Partymeile.

Seit 35 Jahren arbeitet Draheim auf dem Bau. „Doch dieses Projekt ist wirklich eine Herausforderung“, sagt er. Nacht für Nacht wird es voll auf den Gehwegen der Warschauer Brücke, die neben dem S-Bahnhof die Gleise überspannt. Dann machen sich viele tausend Menschen auf, um sich in Kneipen, Clubs oder in der Mercedes-Benz-Arena zu amüsieren. Der Trubel lockt auch Diebe an und Drogenhändler.

Unliebsame Überraschungen

Inmitten des Trubels liegt der S-Bahnhof Warschauer Straße. An diesem Knotenpunkt wechseln zudem viele S-Bahn-Fahrgäste zur U- oder Straßenbahn. „85.000 Menschen steigen hier täglich ein, aus oder um“, sagt Michael Baufeld von der DB – das sind 13.000 mehr als am Ostbahnhof. Tendenz steigend.

Hier zu bauen ist bauen unter Beobachtung – und mit unliebsamen Überraschungen. Nicht jeder respektierte die Absperrungen, hinter denen die Bahnstation für nunmehr rund 30 Millionen Euro neu entsteht. „Es kam vor, dass sich jemand auf dem Dach gesonnt hat“, so Draheim. Mehrmals fielen Menschen von der Brücke sechs Meter tief auf die Gleise – zum vorerst letzten Mal im vergangenen April, als ein 19 Jahre alter Brasilianer lebensbedrohlichen Verletzungen erlitt.

Seit 1884 halten hier schon Züge. Zwischenzeitlich wanderte die Station auf die Westseite der Brücke, seit 1924 liegt sie wieder östlich. Das im Krieg stark beschädigte Empfangsgebäude wurde 1951 wieder aufgebaut. Doch trotz einer Renovierung 1983 musste die alte Halle schließlich gesperrt werden. 2005 wurde sie abgerissen. Ursprünglich hieß es, dass der Neubau bis 2010 dauern soll. Aber auch dieses Verkehrsprojekt hat sich verzögert.

Immerhin: Eine wichtige Etappe geht demnächst zu Ende. „Vom 21. August an halten alle S-Bahnen am neuen Bahnsteig A“, kündigt Draheim an. Der nördliche Bahnsteig B wird nicht mehr angefahren, damit auch er erneuert werden kann. Der Steg, der dorthin führt, bleibt zum Teil als Fluchtweg für den neuen S-Bahnhof erhalten. Ebenfalls am 21. August soll es eine Premiere geben: Erstmals in der Geschichte des Bahnhofs soll sich dort eine Rolltreppe in Bewegung setzen. Geplant ist zudem, dass 2017 der erste Aufzug in Betrieb geht – auch Fahrstühle gab es hier bislang nicht.

Über die Webcam und vor Ort lässt sich auch beobachten, dass es vorangeht. Der Bau der Fassade hat begonnen. „Professionelle Kletterer helfen uns dabei“, sagt Draheim. Das Berliner Architektenbüro dlw hat dem rund 60 Meter langen und 28 Meter breiten Gebäude ein edles Äußeres gegeben: Längsfassaden und Dachflächen werden mit Kupferblech verkleidet. „Dieser Bahnhof liegt schließlich nicht irgendwo, sondern im Blickfeld vieler Menschen“, meint der Bauingenieur.

Wohin mit den vielen Fahrrädern?

Markant ist auch die Stahlkonstruktion. Sieben jeweils sieben Tonnen schwere Fischbauchträger, die wegen ihrer Form so genannt werden, tragen das Dach. Fahrkartenschalter wird es nicht geben, dafür auf rund 450 Quadratmetern vier oder fünf „Vermarktungseinheiten“ – Mietlokale für Läden und Imbisse. Auf 200 Quadratmetern zieht ein Supermarkt ein. Dort war zuletzt McDonald’s vorgesehen, aber es kam anders. Im Zwischengeschoss gibt es Toiletten, jedoch nur für die Menschen, die im S-Bahnhof arbeiten.

Warum hat sich das Projekt in die Länge gezogen? Planungen wurden geändert, Normen verschärft – so forderten neue Brandschutzregularien den Einbau einer Sprinkleranlage und einer Betondecke. „Eins kam zum anderen“, sagt Draheim.

Fragen, die auch das Land Berlin betreffen, bleiben dagegen offen. So ist weiterhin unklar, wo die Fahrgäste künftig ihre Fahrräder abstellen können. Die Freifläche nördlich der Gleise wurde verkauft und könnte in absehbarer Zeit bebaut werden, hieß es. Ideen, die U-Bahn-Linie U 1 zum S-Bahnhof zu verlängern, werden nicht weiter verfolgt. Immerhin: Für einen Steg vom U-Bahnhof wird Platz gelassen. Doch das Wichtigste ist: „Wir werden fertig“, so Draheim. Ende 2018 geht der zweite Bahnsteig wieder in Betrieb. (BLZ)