Fredersdorf - Tag für Tag hat er sein Pendler-Schicksal klaglos ertragen, wie viele andere Fahrgäste auch. Tag für Tag hat sich Hans-Peter Küllmer in volle S-Bahnen gedrängt, ist im Stehen zur Arbeit und zurück gefahren. Jetzt, nach mehreren Jahren Pendlerdasein auf der Linie S5, hat er genug. Der 42 Jahre alte Fredersdorfer sammelt im Internet Unterschriften für eine Petition, die mehr S-Bahn-Fahrten nach Strausberg Nord zum Ziel hat. „Der 20-Minuten-Takt reicht nicht aus. In der Hauptverkehrszeit brauchen wir einen Zehn-Minuten-Takt.“

Der Angestellte im öffentlichen Dienst, der in Kreuzberg arbeitet, ist vor fünf Jahren in den Landkreis Märkisch-Oderland gezogen. Wenn er nicht gerade Ferien hat, schwingt er sich morgens auf sein Klapprad, um zum nächst gelegenen S-Bahnhof in Neuenhagen zu radeln. Dort wartet er auf die S5 nach Berlin. „Wenn die S-Bahn einfährt, ist er schon so voll, dass man in einigen Wagen kaum noch an die Haltestangen kommt“, sagt Küllmer. Je näher der Zug Berlin kommt, desto schlimmer wird das Gedränge.

„Das ist eine Zumutung“

Über die Jahre sei die S-Bahn immer voller geworden. Die Hauptstadt-Region boomt, auch im östlichen Umland steigt die Zahl der Menschen. Küllmer hat nachgerechnet: „Östlich von Berlin wohnen mittlerweile ungefähr 100.000 Menschen an der S5“, bilanziert er. Viele Berufstätige nutzen die Bahn, weil sie nicht auf den ebenfalls überlasteten Straßen im Stau stehen wollen. Umweltpolitisch ist das die richtige Wahl – komfortabel ist es oft nicht.

Auf der S5 herrschen während der Hauptverkehrszeit Verhältnisse, die kaum noch erträglich sind, bestätigte ein S-Bahner. „Am späten Nachmittag ist nach Strausberg Nord oft so viel los, dass zwischen die Fahrgäste kaum ein Blatt passt“, sagt er. „So volle Züge wie auf der S5 gibt es mittlerweile nicht mal auf dem Ring. Das ist eine Zumutung.“

Doch die Nutzer bekommen nicht nur zu spüren, dass die Region wächst. Sie erleben auch, dass die Technik den Ansprüchen nicht gewachsen ist. Wie andere Linien wird die S5 immer wieder durch Weichen- und Signalstörungen lahm gelegt. Und weiterhin ist das Ostkreuz, wo DB Netz neue Signaltechnik installieren ließ und bis Ende 2018 eines von vier Gleisen nicht zur Verfügung steht, ein Schwerpunkt.

„Ich habe den Eindruck, dass es dort immer noch nicht richtig funktioniert“, berichtet Hans-Peter Küllmer. Nicht selten sammeln die S-Bahnen zwischen Nöldnerplatz und Ostbahnhof fünf Minuten Verspätung an. „Oft wird der Zug dann schon in Mahlsdorf ausgesetzt, und wir müssen auf die nächste Bahn warten“ – mit der Folge, dass sich der Feierabend weiter verzögert.

Auch anderswo ist es voll

Auch wenn die S5 besonders voll ist: Die Strecke ist kein Einzelfall, auch anderswo wird die Leidensfähigkeit der Fahrgäste strapaziert. Und wer morgens auf den Strecken zwischen Berlin und Potsdam sowie Nauen unterwegs ist, der bekommt zu spüren, dass der Regionalzugverkehr in den Stoßzeiten vielerorts ebenfalls die Kapazitätsgrenze erreicht. „Ich kenne keine Region, wo das Wachstum im Regionalverkehr so groß ist“, sagte Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). 2001 wurden die Züge für fast 43 Millionen Fahrten genutzt, 2016 waren es schon mehr als 81 Millionen. Ausgeweitet wurde das Angebot in dieser Zeit allerdings nicht. Im Brandenburger Infrastrukturministerium stand man Wünschen, mehr und längere Züge einzusetzen, jahrelang kritisch gegenüber – auch aus Angst, dass dafür die Mittel fehlen.

Die Länder erhalten vom Bund Geld, um Fahrten im Nahverkehr auf der Schiene bestellen und bezahlen zu können. Jedoch: „Brandenburg gehört zu den Bundesländern, die die vom Bund bereitgestellten Mittel nicht vollständig für den Nahverkehr auf der Schiene ausgeben, sondern damit in erheblichem Umfang auch andere Landesaufgaben finanzieren“, sagte Hans Leister vom Fahrgastverband Pro Bahn Berlin-Brandenburg.

Mit seiner Petition will sich Hans-Peter Küllmer an der Debatte zum neuen Brandenburger Landesnahverkehrsplan beteiligen. Der Fredersdorfer weiß, dass es auch kritische Stimmen zum geforderten Zehn-Minuten-Takt gibt – zum Beispiel, dass die Bahnübergänge dann noch öfter geschlossen sind. Er weiß auch, dass die Strecke zweigleisig ausgebaut werden müsste. „Unsere Region wächst weiter. Die Verantwortlichen müssen sich jetzt Gedanken über die Zukunft machen.“

Allerdings: Auch anderswo fordern Bahnnutzer bessere Angebote. Und so bleibt die Auskunft aus Potsdam vage. Dies sei „eine von mehreren Rückmeldungen zum Entwurf des Nahverkehrsplans“, sagte Steffen Streu, Sprecher der Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD). Alle Einsendungen würden geprüft. „Im ersten Quartal 2018 soll der Plan fertig sein“, bekräftigte er.