S-Bahntunnel in Berlin vor 70 Jahren: Mysteriöse Sprengung in Berlins Untergrund

Berlin - Kreuzberg, unweit vom Gleisdreieck. Oben rattern U-Bahn-Züge. Unter der Hochbahntrasse tost der Autoverkehr auf dem Halleschen und dem Tempelhofer Ufer, fließt der Landwehrkanal träge dahin. An diesem Verkehrsbrennpunkt ist das Unglück passiert, wenigstens das steht fest. Hier flogen plötzlich meterdicke Betonbrocken durch die Luft.

Hier wallte das Kanalwasser auf und verschwand dann im darunter gelegenen S-Bahn-Tunnel, dessen Decke ein Loch bekommen hatte. Später fand man Leichen im Tunnel und Züge voller Schlamm. Die Sprengung vor 70 Jahren war ein Ereignis, um das sich bis heute Geheimnisse ranken. Doch die Erinnerung ist verblasst. Einige Menschen versuchen, sie aufrechtzuerhalten.

Udo Dittfurth hält das Glaselement gegen das Licht. Die Flüssigkeit, die darin schwappt, ist nicht appetitlich, braune Teilchen schweben darin. Das kleine runde Element wirkt unscheinbar. „Doch diese Linse ist etwas Besonderes“, so der Leiter des S-Bahn-Museums, der im Hauptberuf Stadtplaner ist. „Sie enthält seit 70 Jahren Wasser aus dem Landwehrkanal. Wasser, das nach der Sprengung 1945 in den Tunnel geflossen ist. Dies ist die Linse des Signals 243, das im S-Bahnhof Potsdamer Platz stand. Ein Signalwerker hat sie dem S-Bahn-Museum geschenkt.“

Viel Raum für Spekulationen

Das Glaselement ist eines der wenigen authentischen Relikte des Unglücks – wie die Lücke in der Baumreihe am Kanal. Von den meisten Beschreibungen, die es von der Sprengung gibt, lässt sich das nicht sagen. Viele Details sind ungeklärt.

Die Diskussion beginnt schon bei der Frage, wer die Sprengladung im Tunnel eigentlich gezündet hat. Ein Befehl wurde nicht gefunden, und das ließ die Spekulationen ins Kraut schießen. Von der SS war die Rede – aber auch von Pionieren des Oberkommando des Heeres. Hat jemand aus dem Reichskanzlei-Bunker die Flutung angeordnet? Wollten die Russen Widerstandsnester der Deutschen wegspülen? Detonierte der Sprengstoff zufällig – weil ein alliiertes Flugzeug Bomben abwarf?

„Es war kein zufälliger Treffer, die Sprengung unterm Kanal war professionell vorbereitet. Höchstwahrscheinlich trugen die Täter deutsche Uniformen“, sagt Dittfurth. „Für die Wehrmacht waren auch fremdsprachige Soldaten im Einsatz. Es ist vorstellbar, dass trotz der Kapitulation jemand einen Knopf gedrückt hat.“ Oder es geschah bei einem Entschärfungsversuch.

Klaustrophobische Urängste

Aber wann ereignete sich die Sprengung überhaupt? Das Museumsteam geht davon aus, dass es am 2. Mai 1945 geschah. Um 7.55 Uhr, so stellte es ein Reichsbahner dar. In anderen Berichten wird die Sprengung auf Ende April datiert. Der Berliner Dokumentarfilmer Gerhard Schuhmacher, der das Thema verfilmen will, hält den 1. Mai für plausibel.

„Dem Bestattungsamt Kreuzberg lagen Briefe von Angehörigen vor, in denen vom 1. Mai die Rede war“, sagt er. „Und der frühere BVG-Direktor Walter Schneider schrieb, dass das Wasser am 2. Mai schon in vielen U-Bahn-Tunneln stand. Die Sprengung im S-Bahn-Tunnel muss sich also vorher ereignet haben.“

Es gibt viele Versionen der mysteriösen Geschichte. „Warum das Thema noch lange nach 1945 immer wieder in den Medien auftauchte, ist klar: Krieg, Nazi-Untergang und Tunnel – das geht eigentlich immer“, so Dittfurth. „Die Vorstellung, in einem unterirdischen Bauwerk hilflos Wassermassen ausgeliefert zu sein, lässt klaustrophobische Urängste wachwerden.“

Wie viele Menschen starben? Und was hat die Flutung damit zu tun? 93 Leichen wurden im Tunnel geborgen, so Dittfurths Mitstreiter Michael Braun anhand von Reichsbahnakten. „Ich gehe davon aus, dass einige Menschen schon gestorben waren, bevor das Wasser eindrang“, sagt der Museumsleiter.

„Im Tunnel befanden sich 1945 elf Lazarettzüge. Viele Kranke, die sich in den S-Bahnen aufhielten, waren schwer verletzt und nicht mehr transportfähig.“ Ihnen fehlte die Kraft, sich in Sicherheit zu bringen. Auch zahlreiche andere Menschen hatten im Tunnel Zuflucht gesucht.

Niemand ertrank, meint dagegen der Publizist Erich Kuby 1965: „Was man an Toten fand, waren verstorbene Verwundete.“ Es dürfte der Wahrheit näher kommen, wenn man von 1000 bis 2000 Ertrunkenen ausgeht, entgegnet Schuhmacher. „Es gab zahlreiche Stellen in den Schächten, in denen sich Körper verfangen konnten.“ Das Amt für die Erfassung der Kriegsopfer nannte eine noch größere Zahl von Toten: „50 - 15.000“, hieß es dort.

Wohliger Grusel dominierte. Die Berliner Zeitung, die am 7. Oktober 1945 über den vollgelaufenen Anhalter S-Bahnhof berichtete, hörte dort „gurgelndes Glucksen, halb wie Stöhnen, halb wie unterdrücktes Lachen von weit her, aus geheimnisvollen Unterwelttiefen“.

Lagern irgendwo noch Akten?

„Es ist ein Grauen, das viele fasziniert“, sagt Karen Meyer-Rebentisch, die ein Buch über die Flutung verfasst hat. „Ich stellte fest, dass viele Gesprächspartner nicht begeistert waren, dass ich es aufklären wollte.“ Auch die Historikerin hat noch Fragen. Sie hält es für denkbar, dass es im Bundesarchiv Antworten gibt: in alten Akten aus der DDR.

Warum wurde damals so viel über die Flutung berichtet? Im Bombenkrieg gehörten Zerstörungen und Tod zum Alltag, beides war für viele nichts Besonderes mehr, sagt Dittfurth. „Doch die Sprengung war ein Ereignis, das viele zum Anlass nahmen, um sich den Irrwitz des Krieges vor Augen zu führen.“

Er fände es nicht schlimm, wenn die Geheimnisse ungeklärt blieben. „Trotzdem können uns die Ereignisse im S-Bahn-Tunnel auch künftig als Beispiel dienen: als Beispiel dafür, wie sinnlos der Krieg war.“