Berlin - Daniel Schreiber sagt diese Sätze langsam: „Du gehörst nicht dazu. Du bist falsch. Du hast hier keine Stimme. Du musst schweigen.“ Sie stehen für den Ort, aus dem er kommt, für ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und sie sind der Ursprung und der  Antrieb zugleich für eine schmerzhafte Suche. Es ist die Suche nach dem Ort, den wir Zuhause nennen.

Aus dieser Suche ist ein Buch entstanden, und nach der ersten Lesung vor einigen Tagen in Berlin, da stellt ein Zuhörer am Ende die Frage, die wohl jeden der Gäste umtreibt: Ob er es denn gefunden habe, dieses Zuhause. Die Frage wolle er nicht direkt beantworten, sagt Schreiber. Nur so viel: „Ich fühle mich jetzt sehr wohl in der Stadt.“ Mehr stehe in seinem Buch, im letzten Kapitel. Dann lacht er. Es ist ein befreites Lachen. Man kann in diesem Lachen hören: Auch wenn das mit dem Zu-Hause-Sein kompliziert ist, Daniel Schreiber ist angekommen.

Die Wohnung des Autors liegt nicht weit entfernt von dem  Neuköllner Café, in dem wir uns zum Gespräch treffen. Lange Zeit war sie nur ein „vorübergehendes Arrangement“,  wie er die damals provisorisch eingerichteten Räume mit den Bücherstapeln neben den Regalen nennt. Wie er begann, darin zu wohnen, anzukommen, und wie schwer so eine Ankunft sein kann, auch davon erzählt Schreiber in „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“. Das „wir“ klingt groß.

Doch es ist richtig. Denn es ist ein Buch über unsere Zeit, auch wenn es von Daniel Schreibers Geschichte erzählt. Es ist ein  Buch über eine Zeit, in der Heimat und Herkunft erneut aufgeladene Begriffe sind. Und es ist ein Buch über die Zukunft, auch wenn es in der Vergangenheit beginnt.

Ein gutes Leben, was ist das?

Der Ort, an dem er leben wollte, war für den 39-Jährigen für viele Jahre New York. Nach vier Jahren Studium in Berlin ging er 2001 dorthin, blieb acht Jahre, begann eine Dissertation und brach sie ab, schrieb stattdessen eine Biografie über Susan Sontag, die große amerikanische Intellektuelle.

 Die tiefe Bindung an die Stadt, man hört  sie gleich, wenn er von ihr spricht. Und man findet sie wieder im Buch. Er beschreibt dort New York als den ersten Ort in seinem Leben, an dem es vollkommen normal war, schwul zu sein.

Und er beschreibt seine Zeit in New York als eine, in der in einem „zuhauselosen Zuhause“ gelebt habe: „Städte wie New York ermöglichen eine positive Art von Einsamkeit. Sie erlauben ein schützendes Isoliertsein, sie ermöglichen die Vermeidung zwischenmenschlicher Schmerzen.“ Die Furcht vor diesen Schmerzen kam aus seiner Kindheit, jener Zeit also, in der jeder Mensch seine ersten Erfahrungen mit Geborgenheit macht – oder eben nicht. Die Zeit, aus der die eingangs zitierten Sätze stammen, die Zeit in einem deutschen Dorf.

Bereits in frühen Jahren war seine Homosexualität offensichtlich. Während er von Eltern und Geschwistern Schutz und Liebe erfuhr, wurde die Schule zum Martyrium. Von einer Lehrerin als „nicht normal“ etikettiert und in die Ecke des Klassenzimmers gesetzt, von den Mitschülern auf Geheiß der selben Lehrerin gemieden oder drangsaliert, erlebte er seine jungen Jahre als „fundamentale Art der Zuhauselosigkeit“, denn „Zuhause ist normalerweise ein Ort, an dem man sich nicht verstecken und sich auch nicht für sich schämen muss.“

Darüber  zu schreiben, sei nicht leicht für ihn gewesen, sagt er. Die Erinnerungen tun weh, darüber zu sprechen, tut weh. Das Dorf tut weh, auch wenn er gerne seine Eltern besucht. Was für ein großes Glück ihre Liebe sei, das sagt er mit Nachdruck.  „Hätte meine Familie mir nicht diesen Rückhalt gegeben, ich hätte nicht so ein gutes Leben.“

Ein gutes Leben? Es war ja auch ein Leben mit vielen Tiefen. Die New Yorker Jahre waren zwar Jahre der Freiheit – aber auch des Rausches. Über seine Liebe zum Alkohol, eine Liebe, die zur Krankheit wurde, hat Schreiber eindrücklich in seinem letzten Buch „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ geschrieben. Liest man beide Werke zusammen, wird klar: Auch das Trinken war, zumindest zu Beginn, Suche und Flucht zugleich. Der Versuch, sich mit sich wohlzufühlen, in dem man Unzufriedenheit und Schmerz auslöscht. Die Illusion, man könne bei sich ankommen, in dem man Teile von sich zum Verschwinden bringt. Heute weiß Schreiber: Man kann nur ankommen, an einem Ort und bei sich, wenn man auch die dunklen Seiten akzeptiert. Das nicht Perfekte, das Beschädigte, die Narben. Nicht leicht in einer Zeit, in der „nicht nur Wohnquartiere, sondern auch Gefühle gentrifiziert“ werden. „Nicht nur unsere Städte sehen einander immer ähnlicher, auch unsere inneren Welten drohen sich nahtlos in die vorherrschenden Normen und Erwartungen unserer Umgebung einzufügen“, schreibt Schreiber.

Zeiten der Angst, der Trauer und des Heimwehs passen nicht in eine Welt, in der Souveränität und Perfektion eine so große Rolle spielen. Zeiten wie der Frühling in London, mit dem Schreibers Buch beginnt.

Der Charakter von Staaten ändert sich schnell

Dort, wo Schreiber immer wieder gern und glücklich für ein paar Monate lebte und arbeitete, ging eine Beziehung endgültig zu Ende, während zugleich der Freundeskreis Wohnungen kaufte, heiratete, Kinder bekam. Plötzlich trug das bisherige Konzept nicht mehr. Schreiber erkannte, dass auch er ein tiefes Bedürfnis nach Stabilität hatte. 

Als er aus London nach  Berlin zurückkam,  erlebte er Monate der Schwere, der Rastlosigkeit – und der Ratlosigkeit. Darüber, warum es ihm nicht gelang, in dieser Stadt, die doch alles in Fülle bot, was er liebt, wieder heimisch zu werden. Kunstgalerien, eine blühende Literaturszene, unendlich Raum zum Spazieren. Enge Freunde,  ein Patenkind. Und Berlin war der Ort, an dem er die „bedeutendste Entscheidung seines Lebens" getroffen hatte: Mit dem Trinken aufzuhören. Warum also war er so unglücklich in dieser Stadt?

Es hat Schreiber viel Kraft und Arbeit gekostet, diese Frage zu beantworten, Kraft und Arbeit, die man seinem  leichten Schreibstil nicht anmerkt: Ankommen, das weiß er heute, erschöpft sich nicht in einem idealen Ort. Im Gegenteil. Ankommen beginnt  immer mit einem Kompromiss.

 Zu der persönlichen Krise, die Schreiber als den Beginn seiner Suche ausmacht, kam ein kollektives Beben. Der schwierige Frühling in London fand seine Entsprechung in der Weltlage: „In jener Zeit zeichnete sich eine unübersehbare Verdunkelung der politischen Stimmung ab. (...) Terroranschläge, Kriege, Wirtschaftskrisen und Klimakatastrophen (...). In Deutschland machte sich zunehmend das Gefühl breit, dass die gesellschaftliche Mitte (...) wegzubrechen drohte.“ Die Unsicherheit, das Gefühl der Bedrohung durch eine sich rasant verändernde Wirklichkeit, die Suche nach Schutz vor den Zumutungen der Gegenwart und die Angst vor der Zukunft führten nicht nur bei Schreiber zu einer gesteigerten Sehnsucht nach etwas, das mit „zu Hause“ nur unzureichend beschrieben ist und mit dem Begriff „Heimat“ in romantische, und, wie er sagt, gefährliche Sphären driftet. „Ich verstehe die Sehnsucht nach Stabilität“, sagt er. „Die Wahrheit ist aber, dass sich während unseres Lebens permanent Dinge ändern. Grenzen ändern sich. Der Charakter von Staaten ändert sich. Schnell, plötzlich, ohne dass man es erwartet hätte.“

Die Entwurzelten

Das politische Beben ist seit der Entstehungszeit des Buches vor etwa zwei Jahren stärker geworden. Deshalb ist „Zuhause“ auch ein politisches Buch. Abgrenzung und Ausgrenzung, Versprechen auf Sicherheit und  die Rettung des vermeintlich immer so Gewesenen, diese Verheißungen, mit denen Politiker   Ängstliche und Verunsicherte locken wollen, all das ist für Schreiber Ausdruck einer  menschlichen Sehnsucht – und ihrer Instrumentalisierung. „Eigentlich ist es ein Buch über Entwurzelung“, sagt er. Doch so sehr Heimatverklärung und der Kampf gegen  Veränderung die falschen Mittel sind, um mit der Entwurzelung zu leben, so wenig gibt es ein Heilmittel gegen die große  Unsicherheit.

Schreibers Urgroßmutter war,  wie viele Deutsche ihrer Generation, fast ihr ganzes Leben auf der Flucht. Ihre Lebensgeschichte aufzuarbeiten und ihr ein Kapitel seines Buches zu widmen, war Schreiber wichtig. „Ich will damit deutlich machen, wie unsicher Grenzen sind. Wie schnell sich alles ändern kann. Wie grausam Geschichte ist.“ Die Wie’s betont er, seine Stimme wird leise und eindringlicher. Er hat ein Anliegen: Er will, dass wir, bei allen Schrecken, die uns täglich aus der Welt erreichen, die Augen öffnen: „Es ist ein ungeheurer Luxus, dass wir uns ein Zuhause bauen können. Wir müssen lernen, damit umzugehen.“

 Als Schreiber von der relativen Stabilität spricht, in der wir seit Jahrzehnten leben, fügt er leise ein „noch“ hinzu. Mit dem Vergleich Heute – Damals will er die Gegenwart nicht schönreden. Aber der „Ort, an dem wir leben wollen“ aus dem Untertitel des Buches, er meint eben mehr als eine Wohnung oder eine Stadt. Er meint nicht weniger als die Welt, in der wir leben wollen. Und diese Zeit, in der wir leben müssen.