Bogdan Bartnikowski kann sich noch genau an dieses Mädchen erinnern. Dieses Kind, dass im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau inhaftiert war. Und das einen grauenvollen Tod im elektrischen Zaun des Konzentrationslagers starb. 75 Jahre ist das nun her. Aber es ist bei Bartnikowski so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen. Er habe damals vielleicht zwei Meter entfernt von dem Mädchen gestanden und seinen entsetzten Blick nicht abwenden können, sagt der 87-Jährige und zeigt die kurze Distanz zwischen ihm und dem Mädchen. Bartnikowski war damals selbst Häftling des Vernichtungslagers und ebenfalls noch ein Kind. Er war erst zwölf Jahre alt.

3000 der 20.000 Häftlinge in Sachsenhausen waren Kinder und Jugendliche 

Der in Warschau geborene Bogdan Bartnikowski erzählt seine Lebensgeschichte an diesem Mittwoch in der Baracke 39 des Museums der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg (Oberhavel) mit fester Stimme. Bei der Einweihung der neuen multimedialen Medienstation, die erstmals über das Schicksal von Kindern und Jugendlichen im Konzentrationslager Sachsenhausen informiert. Über einen Überlebenskampf, wie ihn auch Bartnikowksi führte. Zeitzeugen berichten in kurzen Filmsequenzen über ihre Ankunft im Lager, den Alltag im KZ, über die Hilfe untereinander und ihre damaligen kleinen Fluchten, ihre Tagträume, Spiele und Gesänge. Baracke 39 befindet sich ganz in der Nähe des einstigen KZ-Jugendblocks.

„Mindestens 3000 der insgesamt 200.000 Häftlinge des KZ Sachsenhausen waren Kinder und Jugendliche“, erklärt Astrid Ley, die stellvertretende Gedenkstättenleiterin. Die meisten von ihnen seien in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges in das Hauptlager oder in eines der vielen Außenlager gekommen. So wie Bogdan Bartnikowski, der im Januar 1945 aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in das KZ Sachsenhausen deportiert wurde.

Bogdan Bartnikowski und seine Mutter wurden nach dem Warschauer Aufstand nach Auschwiz-Birkenau deportiert 

Bogdan Bartnikowski und seine Mutter waren nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands gegen die deutschen Besatzer in der Nacht zum 12. August 1944 aus ihrer Wohnung geholt worden. Sie waren unter den Ersten, die die Nazis nach dem Aufstand ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportierten. Die Mutter kam ins sogenannte Frauenlager, der Sohn ins Männerlager. Und obwohl beide Lager nur hundert Meter voneinander getrennt gewesen seien, habe er lange Zeit nichts von seiner Mutter gehört oder gesehen, sagt Bartnikowski. Die Kinder und Jugendlichen hätten Güterwagen schieben müssen. Im Oktober und November, bei Regen und Kälte. Sie trugen damals nur das am Körper, was sie im Hochsommer bei ihrer Deportation getragen hatten.

Nach drei Monaten kam der damals Zwölfjährige durch die Arbeit mit den Güterwagen in das Frauenlager. „Ich hatte nur wenige Minuten, ich rannte in die Baracke, ich fand meine Mutter. Wir haben uns umarmt, gedrückt und nur angeschaut“, sagt er heute. Dann spricht er davon, was er in diesem Moment in dem Lager, das als Todesfabrik der Nationalsozialisten galt, empfunden habe. Etwas, was man eigentlich nur schwer mit Auschwitz-Birkenau vereinbaren kann: Glück.

Bartnikowski wurde Anfang 1945 nach Sachsenhausen gebracht 

Kinder und Jugendliche waren unter den Häftlingen der Konzentrationslager der Nazis die Schwächsten – sei es bei der Verteilung der kargen Essensrationen, sei es bei der Zuteilung von Arbeiten. Eine Ellbogenmentalität, der Kampf ums Überleben, dominierte in den Lagern den Alltag, sagt Astrid Ley.

Anfang 1945 wurden Häftlinge aus Auschwitz wegen der nahenden Roten Armee nach Westen gebracht. Am 11. Januar war Bartnikowski unter den 114 Frauen und Kinder, die nach Deutschland deportiert wurden. In ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, nach Berlin-Blankenburg. Bartnikowski spricht von einem Wunder, obwohl der Transport in ein anderes Konzentrationslager mitnichten die Freiheit bedeutet habe. Der alte Herr erklärt auch, warum er die Deportation als ein Wunder bezeichnet. „Auschwitz-Birkenau war ein Lager, in dem die SS uns Kindern immer sagte, dass man es nur durch den Schornstein des Krematoriums verlassen könne.“

Bartnikowski und seine Mutter kehrten 1945 nach Warschau zurück 

Bartnikowski musste bei der Enttrümmerung Berlins mithelfen. „Was am meisten Kraft kostetet, war die schwere Arbeit und der Mangel an Schlaf“, erinnert er sich. Sehr oft habe es damals Bombenangriffe gegeben. „Waren wir bei der Arbeit, hatten wir kein Recht in einen Bunker zu gehen. Wir mussten uns zwischen den Trümmern verstecken.“ Vom Außenlager zur Zwangsarbeit fuhr der Junge mit der S-Bahn, in denselben Waggons wie die Berliner.

Er sei bewacht worden, sagt Bartnikowski heute. Noch immer gerührt erinnert er sich an eine S-Bahn-Fahrt. An jenem Tag sei er bei einem Bombenangriff verschüttet worden und später mit verschmutzter Kleidung ins Lager zurückgefahren. Eine Frau sei in der Bahn immer näher an ihn herangerückt, habe ihm schließlich etwas in die Tasche gesteckt. „Es war ein kleines Brötchen mit etwas Margarine und einer dünnen Scheibe Wurst.“ Am 22. April 1945 wurden Bartnikowski und seine Mutter befreit. Sie gingen nach Warschau zurück. „Niemand wartete auf uns. Die Wohnung war ausgebrannt. Erst jetzt erfuhren wir, dass mein Vater beim Warschauer Aufstand ums Leben gekommen war.“

Bodgan Bartnikowski ist frei von Hass 

Bogdan Bartnikowski ist heute oft als Zeitzeuge unterwegs. Noch ist sein Schicksal auf dem interaktiven Bildschirm in Baracke 39 nicht abrufbar. „Weil wir Bogdan Bartnikowski noch nicht kannten, als das Projekt entstand“, erklärt Astrid Ley. Die Erinnerungen des 87-Jährigen sollen nun aufgezeichnet werden.

Nach dem Krieg ist Bartnikowski Journalist und Autor geworden. Über seine Haft in den Konzentrationslagern schrieb er einst: „Das Leben im Konzentrationslager war grausam. Wahrscheinlich war das der Grund, warum ich nach dem Ende des Grauens doppelt glücklich war – weil ich überlebt habe, und weil ich frei war.“ Auf die Gefühle angesprochen, die er heute bei seinen Besuchen in Deutschland hat, sagt er ohne Verbitterung: „Die Deutschen, die mir das angetan haben, gibt es nicht mehr. Ich fühle mich gut hier. Ich bin frei von Hass.“