Berlin - Die Ersten müssen schon gegen halb sieben Uhr da gewesen sein. Oder noch früher. Um 6.42 Uhr steht jedenfalls schon ein halbes Dutzend Männer und Frauen vor dem Eingang des Kreuzberger Prinzenbades. Anbaden, endlich! Drei Wochen später als in normalen Jahren beginnt pandemiebedingt die Saison. Noch ist das Gittertor geschlossen und kein Personal der Bäderbetriebe zu sehen. Aber das Blau der Schwimmbecken ist schon zu erahnen.

Vor dem Eingang beginnt das große Kramen: Die einen holen die Zettel respektive die Handys mit dem negativen Corona-Test und das ausgedruckte Ticket hervor, andere die Badelatschen. Schon vor dem Tor werden die Schuhe getauscht, daran erkennt man die Profis. So kommt man ohne Verzögerung ans Schwimmbecken … Kurz vor sieben schlängeln sich die Wartenden bereits bis auf den Bürgersteig. Hier gibt es ein großes Hallo, dort nur eine kleine Geste des Wiedererkennens. Die meisten hier dürften sich im Winterhalbjahr nicht gesehen haben. Die Prinzenbad-Frühschwimmer sind Freunde nur für die Sommerzeit.

Pünktlich um 7 Uhr geht das Tor zum Sommerbad Kreuzberg auf. Eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes lässt sich die Corona-Tests zeigen, eine Angestellte der Bäderbetriebe kontrolliert die Tickets. Los geht’s. Schnurstracks bewegen sich alle auf das eiskalte Fußbecken zu, dahinter liegt der „Bergsee“ – das kalte, weil nur mit Sonnenkraft geheizte 50-Meter-Becken. Wärmer ist das Wasser im benachbarten Kinderbecken und im Mehrzweckbecken.

Ob man Schwimmen verlernt?

Vier Minuten nach sieben stehe ich am Beckenrand. Schnell runter mit den Klamotten, rein in den Rucksack. Aber vorher die Schwimmbrille raus. Natürlich habe ich den Badeanzug schon zu Hause angezogen. Sechs Monate ist es her, dass ich zuletzt geschwommen bin. Ende Oktober war das letzte Training mit meinem Schwimmverein. Seither waren die Bäder geschlossen. Wie sehr habe ich die Schwerelosigkeit vermisst, die einem das Wasser gibt! Endlich mal wieder ein anderer Sport, nicht mehr nur Laufen. Ob man Schwimmen verlernt? Vermutlich genauso wenig wie Fahrradfahren.

Berliner Zeitung Susanne Rost
Ein Schild am Eingang verrät, wie warm das Wasser in den Becken ist. Oder wie kalt.

Als Erste springe ich ins Wasser, zumindest auf der Mittelbahn, rechts und links von mir kraulen schon einige. Das Wasser blubbert in den Ohren, einen kurzen Moment bleibe ich unter Wasser, genieße die Aussicht: 50 Meter sonnendurchflutetes Blau.

Die Schwimmbewegungen ergeben sich fast automatisch, der Körper hat sie offenbar abgespeichert, doch schon nach den ersten Bahnen spüre ich die Arme. Sie sind das Kraulen, das Ziehen gegen den Wasserwiderstand nicht mehr gewohnt.

Bahnen doppelt so breit

Mittlerweile ist es auf allen drei Bahnen voll. Wie im vergangenen Jahr sind die mit blauweißen Kugeln-Leinen voneinander getrennten Bahnen doppelt so breit wie früher, damit alle den Sicherheitsabstand einhalten können. Rempeleien kommen so kaum mehr vor. Eine Dreiergruppe sprintet an mir vorbei, ein Mann hantiert mitten im Becken mit seiner widerspenstigen Brille, am Beckenrand plaudern Schwimmer miteinander. Oder sie blinzeln einfach nur in die Morgensonne. Glückliche Gesichter überall.

Berliner Zeitung Susanne Rost
In drei Bahnen ist das Mehrzweckbecken unterteilt. Rempeleien sind selten geworden.

Nach 2000 Meter ist Schluss, vorsichtshalber. Der Muskelkater ist ohnehin programmiert. Zugleich ist das Ticket für den nächsten Morgen schon gebucht. Aber jetzt erst mal einen Kaffee in der Prinzenbad-Cafeteria. Vor der Theke mit den leckeren Kuchen und Keksen hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. Alle tragen Maske, halten Abstand und fiebern dem ersten Prinzenbad-Kaffee der Saison entgegen. „Ein gutes Neues“, begrüßt Matthias Kutscha, der das Café zusammen mit Dagmar Keuenhof betreibt, seine Gäste. Wie jedes Jahr.

Endlich wieder im Café

Dabei ist die Saison 2021 pandemiebedingt wieder eine besondere, wie schon die im Vorjahr. Man muss die Tickets vorab buchen und braucht zusätzlich noch einen negativen Corona-Test oder den Nachweis der vollständigen Impfung oder ein Attest einer überstandenen Covid-Erkrankung.

Mit einem bunten Becher Kaffee und einem kleinen Gebäckstück, das die Café-Betreiber zur Feier des Tages spendieren, setze ich mich in die Sonne. Mir wird das Besondere der Situation bewusst, die in anderen Sommern eine Selbstverständlichkeit war: Außengastronomie! Kaffee trinken mit anderen Gästen in einem richtigen Lokal! Noch in der Cafeteria buche ich das Ticket für den übernächsten Morgen. Erstaunlicherweise gibt es auf der Internetseite der Berliner Bäderbetriebe selbst für das Pfingstwochenende in allen vier Zeitfenstern noch Karten.