„Die Ellenbogen ziehen nach außen, die Hände bleiben neben euch“, sagt die Trainerin, die in dem Tanzstudio und bei Partys unter ihrem Künstlernamen Amira Almaas auftritt.
Foto: Andreas Klug/Berliner Zeitung

Berlin-KreuzbergDie Musik hebt an, ich schließe die Augen: Da ist ein Zelt, darin liegen Männer auf Matten, in der Luft hängt süßlicher Rauch, ein Trommler schlägt auf ein Tamburin. In der Mitte steht eine Tänzerin in besticktem Bustier und Pumphose; sie dreht sich schlängelnd, schnell, immer schneller. Bei jeder Bewegung schlagen die Münzen an ihrem Kostüm aufeinander, als spielten ihre Hüften ein Instrument. Das Klirren erzeugt eine vibrierende Spannung. Ich öffne die Augen: Oh, nein! Ernüchterung. Ich stehe in einem Tanzsaal inmitten einer Gruppe Frauen, vor uns die Trainerin. „Aufwärmen, aufwärmen!“, höre ich sie rufen. Sinnlichkeit auf Sandboden? Pustekuchen!

Eine hellhäutige Haremsdame

Wir, das sind rund zwei Dutzend Frauen, stehen ganz am Anfang der Fantasien. Dies ist schließlich ein Grundkurs in Bauchtanz, nicht die Vollendung der Choreografie für den Besuch des Sultans. Ich habe auch gar nicht den Anspruch, wie Salome durch den Raum zu wirbeln. Nur ein bisschen vielleicht.

Amira Almaas ist Tanja Schramms Künstlername als  Bauchtanz-Trainerin.   Ihr Hauptberuf ist Rechtsanwältin.  
Foto: Andreas Klug/Berliner Zeitung

Amira Almaas soll mir dazu verhelfen. Die Trainerin ist eine sehr hellhäutige Haremsdame mit blauen Augen und rostrot gefärbten Haaren. Keine Orientalin, doch die Bewegungen beherrscht sie. Wenn sie ihre Schultern zur Musik kreisen lässt, kommt Zelt-Feeling auf. Später erfahre ich, dass sich hinter dem Künstlernamen eine 48-jährige Rechtsanwältin im Zivilrecht namens Tanja Schramm verbirgt. Ihr gehört das Hayal-Studio in der Nähe des Kreuzberger Südsterns gemeinsam mit einer Partnerin. Dreimal die Woche trainiert sie hier zumeist weibliche Fans in orientalischem Tanz.

Strecken - das tut gut

Uns schickt sie in die Grundstellung. „Knie ein bisschen gebeugt, die Füße stehen eine Faust breit auseinander, das Kreuzbein fällt zum Boden“, weist sie uns an, „denkt an einen Heißluftballon – der Oberkörper hebt ab, aber die Rippen bleiben flach, der Nacken ist lang, da schweben wir zur Decke.“ Ich strecke mich, das tut gut.

Nun werden die Arme in Position gebracht. „Die Ellenbogen ziehen nach außen, die Hände bleiben neben euch“, sagt Amira. Wenn wir den Kommandos folgen, geht ein Klimpern durch den Raum, denn wir tragen Tücher mit aufgenähten Münzen und Pailletten um die Hüften. Das helle Klirren weckt wieder Bilder, aber dafür ist es noch zu früh.

Vor dem Spiegel wird geübt.
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Die erste echte Bauchtanzbewegung, die wir einstudieren, ist die Drehung der Brustwirbelsäule. Diese sitzt zwischen Hals- und Lendenwirbelsäule und hält das Rippengerüst. Dass man sie separat bewegen kann, war mir nicht klar. Und wie soll das funktionieren? „Es ist eine Drehung in sich“, sagt Amira, „in der Brustwirbelsäule dreht sich jeder Wirbel ein Stückchen weiter.“

Hier kann man es ausprobieren

  • Vielfältig: Amira Almaas’ Hayal Oriental Moves-Studio ist eines von vielen in Berlin; in fast allen Bezirken kann man Bauchtanz ausprobieren und lernen.   Amira Almaas’ Studio liegt in der Körtestraße 10 in 10967 Kreuzberg.
  • Traditionsreich: Eines der ältesten Bauchtanzstudios Berlins ist das Azadeh Studio für orientalischen Tanz von Katharina Joumana in der Leibnizstraße 88 in 10625 Charlottenburg. 
  • International: Im Studio Art Oriental in der Schönhauser Allee 177 in 10119 Prenzlauer Berg werden verschiedene internationale Tanzstile unterrichtet, darunter auch karibische.    

Später lese ich nach: Im Bauchtanz ist die Isolation ein wichtiges Element. Körperteile werden bewegt, wobei die benachbarten Regionen still bleiben. Ich verstehe das, doch es im Tanzstudio selbst zu tun, fällt schwer. Ständig drehen Hüfte und Schultern kräftig mit. „Ruhe da oben, Ruhe da unten“, denke ich.

Becken isolieren, Schultern ruhig halten. Arme elegant zur Seite: Als ob eine Schweißperle an ihnen abtropft

Amira Almaas, Bauchtanz-Trainerin

Wir proben vor einem Spiegel, was visuelle Aspekte ins Spiel bringt. Sitzt das T-Shirt richtig? Wieso zeichnet sich der Bauch ab? Heute ist das doch wohl egal. Beim Bauchtanz ist Fülle akzeptiert – dachte ich zumindest. Meine Hoffnung, endlich Gleichgebaute zu finden, wird enttäuscht. In unserer Gruppe gibt es niemanden, der Pfunde zur Schau trägt. Die meisten sind junge Frauen mit Kreuzberger Gesichtern zwischen 25 und 40 Jahren, die gertenschlank oder noch dünner sind. Lediglich Amira zeigt Figur, aber von ihr trennen mich – zumindest bauchtänzerisch – Welten.

Ein rhythmisches Stück mit Tamburin füllt den Raum. Amira geht durch die Reihen und kontrolliert den Brustwirbelsäulen-Twist. „Becken isolieren, Schultern ruhig halten, ja, sehr gut“, sagt sie. Dann kommen wir zu den Armen. Sie werden elegant an der Seite gehalten, „als ob eine Schweißperle an ihnen abtropft“, sagt Amira und streicht sich von der Schulter bis zum Handrücken. Ich stehe steif da und komme mir vor wie eine Marmorfigur im Park Sanssouci. „Russische Tänzerinnen sind nach Ägypten gereist und haben Ballett in den Bauchtanz eingeführt“, erläutert Amira die Haltung.

Unsere Autorin (2. v. l.) hegte die Hoffnung, beim Bauchtanz Gleichgebaute zu finden.
Foto: Andreas Klug Berliner Zeitung

Hier, im Hayal, wird Sportliches und Künstlerisches miteinander verbunden. Im Flur hängen zahlreiche Weiterbildungszertifikate von Amira und ihrer Kollegin. Sie reichen von Argentinian Oriental Style bis Zumba und zeugen davon, dass der Unterricht ernst genommen wird. Dabei kam Amira vor 25 Jahren durch Zufall zum Bauchtanz: Sie wollte sich bewegen, doch ihr Mann hatte keine Lust zum Tanzen. Ihre Mutter bekniete sie, zum Bauchtanzkurs mitzukommen. So begann diese ungewöhnliche Doppelexistenz zwischen Zimbeln und Zivilrecht.

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Geschichte

 Auf Arabisch heißt Bauchtanz „Raqs scharqi“, also orientalischer Tanz. Seine Ursprünge liegen nach Auffassung von Experten in Afrika. Dort spielte das Becken in Tänzen schon früh eine große Rolle, zum Beispiel bei Hochzeits-, Geburten- oder Fruchtbarkeitstänzen. Pygmäen, die als Sklaven an den Hof von Pharaonen kamen, brachten die Tänze nach Ägypten, wo sie weiterentwickelt wurden.

Abbildungen von Tänzerinnen mit einem Hüftschwung finden sich aber auch in Darstellungen des sumerischen Reichs in Mesopotamien (heute Irak) und im gesamten Vorderen Orient.

Der Bauchtanz sollte den Frauen, so einige Historiker, die Geburt erleichtern. Ein geübter Hüftschwung verschaffe zudem eine lustvolle Sexualität. Auch heute vertreten Bauchtanzschulen die Ansicht, dass der Tanz dem weiblichen Körper guttut. (mec.)

Amira führt uns von Übung zu Übung, mittlerweile machen wir die ersten Schrittfolgen quer durch den Saal. Wechselschritt links, Wechselschritt rechts, einmal vorn, einmal hinten tippen. Es klimpert ohrenbetäubend laut. Wären wir nicht Anfänger, nähmen wir die Hüften stärker mit. So klappt es kaum, die Arme in der vorgegebenen Abfolge zu schwingen. „Über diese elende Schreibtischhockerei vergisst man wirklich das Wesentliche“, schießt es mir durch den Kopf.

Wir schlängeln uns durch den Raum. Amira ermutigt uns. Dann geht es wieder vor den Spiegel. Sie macht eine neue Abfolge vor: seitwärts laufen, einen Grundschritt und am Ende einen kleinen Hopser. „Dazwischen machen wir Schulter“, sagt Amira und meint: Wir lehnen uns zurück und zittern selbstbewusst-verführerisch mit den Schultern.

Foto: Andreas Klug  Berliner Zeitung
Kleidung

Ein wichtiges Accessoire im Bauchtanz ist der Schleier. Schon in der Antike galt er als Schmuck und Statussymbol der gehobenen Schichten. Er schützte vor zudringlichen Blicken und war ein Werkzeug der Verführung. Zur Kleidung gehören außerdem ein Tellerrock, der schön schwingt, oder eine Pumphose.

Ein Hingucker ist das Oberteil, das professionelle Tänzerinnen tragen. Ein normaler BH wird mit einem Stoff überzogen, zudem werden Münzen, Perlen, Pailletten und Strasssteine aufgenäht. Am unteren Rand werden mehrere Ketten oder Fransen angebracht. Alternativ kann eine Bluse unterm Brustkorb gekürzt und mit Fransen verziert werden.

Anfänger trainieren barfuß und in Sportkleidung. Zum Tanzen wird ein Dreieckstuch, das mit Pailletten und Münzen benäht ist, um die Hüfte gewickelt. Es klimpert beim Tanz. (mec.)

Der ägyptische Tanz heißt Shaabi und Amira nennt ihn erdig. Nach den ersten Bauchtanz-Gehversuchen scheint es mir zum Shaabi ein großer Sprung. Ist die Lehrerin mit den Schülerinnen ungeduldig geworden, oder will sie uns anstupsen, um uns das ultimative Bauchtanzgefühl zu verschaffen?

Wir hüpfen von links nach rechts und von rechts nach links. Auf mich wirkt das wie eine Bollywood-Choreografie. Die Stunde endet mit dieser durchaus fröhlichen Sequenz à la „Walking like an Egyptian“ und Applaus. Nichts mit Salome im Zelt. Eher Partytanz zur Beschneidungsfeier mit der Großfamilie. Ich sollte nicht so kleinlich sein. Bauchtanz findet schließlich zu verschiedenen Anlässen statt. Ein Kreuzberger Hinterhof ist nicht der Palast des Sultans.