Anderthalb Sekunden braucht er für die Unterschrift. Dann lächelt Egidio Marzona etwas scheu in die Runde, holt tief Luft. Endlich. Die Aufregung legt sich. Soeben hat er mit der Signatur unter der Schenkungsurkunde den Staatlichen Museen zu Berlin einen Schatz vermacht. Und damit gehalten, was seit 2002, als er schon einmal so spendabel gewesen ist, versprochen war.

Vor zwölf Jahren hatte der Kunstsammler Egidio Marzona der Nationalgalerie, dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek ein riesiges Konvolut überlassen. Kunststile der 1960er/1970er-Jahre wie Arte Povera (Arme Kunst), Concept Art und Minimal Art zählen dazu. Auf Auktionen werden Millionen für solche Objekte gezahlt. Aber der Kunstmarkt lässt Marzona kalt. Er will nicht verkaufen; er möchte für seine geliebte Sammlung nichts Geringeres als ein museales Umfeld. Das ist der Lohn für Jahrzehnte obsessiven Sammelns, auf Auktionen, in Galerien, Ateliers.

Nun also, mit der Unterschrift am gestrigen Donnerstag, kommen weitere 372 Werke der Sechziger/Siebziger-Jahre-Kunst für die Staatlichen Museen dazu. Aber noch seien sein Haus in Berlin und auch das Refugium der Familie im italienischen Friaul, der Landschaft seiner Väter, keineswegs leergeräumt, setzt Marzona schmunzelnd hinzu.

Ehrenkodex des Kunst-Mäzens

Marzona, Deutsch-Italiener, ist einer der weltweit wichtigsten Sammler zeitgenössischer Kunst, jener Stilrichtungen, die die westliche Kultur seit den 1960er-Jahren prägten. Der 70-jährige Wahlberliner aus Bielefeld, Erbe einer Baufabrikantenfamilie, hat diese besondere Kollektion seit 1968 aufgebaut. Galeristen wie Konrad Fischer und Rolf Ricke in Düsseldorf oder Heiner Friedrich, die damals bereits Künstler wie Robert Morris, Robert Smithson, Sol Lewitt, Don Judd oder Lawrence Weiner ausstellten, brachten den Sammler mit den Zeitgenossen der Kunst zusammen. Freundschaften entstanden. Dann, 1972, gründete der junge Marzona selbst eine Galerie.

„Zunächst kaufte ich, was mir gefiel“, erzählt er. Mit Vorliebe die sinnliche italienische Arte Povera. „Und ich suchte nach Zusammenhängen, nach Erklärungen, nach Vorfahren für die spröde Kunst der Reduktion, die mir so imponiert.“ „Eine Kunst, die manchmal fast nur noch im Kopf stattfindet“.

Kunst-Mäzene – der Begriff kommt aus der Blütezeit des römischen Imperiums, und Maecenas war der kunststiftende Freund des kunstliebenden Kaisers Augustus – haben wohl einen ganz eigenen Ehrenkodex. Wenn sie sich entschieden haben, ihren in Jahren zusammengetragenen Besitz tatsächlich zu verschenken, damit dieser erstens in museale Obhut kommt und zweitens in eine möglichst große Öffentlichkeit rückt, dann bringen sie meist schier endlose Geduld auf.

Die Familie ließ sich überzeugen

Geduld, die für Berlins Kunststifter sprichwörtlich ist, heißen sie nun James Simon, Konsul Wagner, Heinz Berggruen, Mick Flick, Erich Marx, Heiner und Ulla Pietzsch – oder eben Egidio Marzona. Sie nehmen ihr Wort unter keinen Umständen zurück, selbst dann nicht, wenn es zähe Hürden, gar Zweifel geben sollte. Berlins Museen, kurzgehalten mit mageren Ankaufsetats, haben mit treuen Mäzenen schon Glück. Und das bei der dauerbeklagten großen Platznot in den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Also, wer hier schenkt, stellt selten Bedingungen. Sei es, sogleich ein eigenes Museum zu bekommen oder die Garantie, dass die Sammlung auf Dauer zu sehen ist.

Es gelang Marzona, die wichtigen Kunstströmungen der Nachkriegszeit zu vereinen – und dazu ein selten komplexes Archiv von etwa 40 000 Briefen, Fotografien, Entwürfen, Zeitschriften und Katalogen. „All das erzählt jüngere Kunstgeschichte“, sagt der Sammler. Tatsächlich steht seine Kollektion in selten kompletter Weise für Stile, für Kunst-Kämpfe, Traditionsbrüche, Avantgarde-Strömungen, die allesamt ihre Zeit, deren gesellschaftliche, politischen Hintergründe erklären. Genau das sei es, was ihn an all den Bildern, Objekten, Dokumenten so sehr interessiere, betont er. All dies hat er der Berliner Öffentlichkeit und den jeweiligen Fachleuten aus Kunstwissenschaft und Forschung überlassen. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem Entscheidungen gefällt werden müssten“, meint er. „Ich bin froh, dass ich meine Verantwortung der Kunst gegenüber heute abschließen kann.“

Er musste den generösen Entschluss gegenüber der Familie vertreten. Tochter und Sohn, potenzielle Erben der Millionen schweren Sammlung, ließen sich überzeugen. Das Lebenswerk des Vaters soll zusammenbleiben – nicht zuletzt für spätere Generationen – und an einem dafür geeigneten Ort, einem Haus für das 20. Jahrhundert. „Ich will die Mosaiksteinchen der späten Avantgarde zusammenfügen, hier in Berlin“– das Schlusswort des Mäzens Marzona.

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Der Kunstsammler Egidio Marzona, geboren 1944 in Bielefeld, hat italienische Vorfahren. Der Großvater verließ um 1900 sein Bergdorf im Friaul, um in Deutschland Schiffshebewerke zu bauen. Marzonas Vater besaß ein Betonwerk, den Enkel aber zog es zur Kunst. Er lebte zeitweilig in Italien, begründete in den 1960erJahren seine berühmte Sammlung von Arte Povera, Minimalismus und Concept-Art.

Zum Kunstmäzen wurde der Sammler in Berlin. Schon 2002 überließ er den Staatlichen Museen einen Teil seiner weltweit begehrten Kollektion. Soeben legte er nach, schenkte der Nationalgalerie 372 Werke.

Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51. „Die Sammlung Marzona von A–Z“ (Episoden ABC ). Bis 20. April, Di, Mi 10–18/Do 10–20/Fr 10–18/Sa/So 11–18 Uhr.