Will jetzt die Fehler ihrer Vorgänger wiedergutmachen: Sandra Scheeres (SPD) 
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BerlinEs tut sich was in der Klage missbrauchter Pflegekinder gegen das Land Berlin: Nach der Berichterstattung der Berliner Zeitung und Druck aus den drei Regierungsparteien bewegt sich nun die Bildungsverwaltung. In einem Brief vom Montag, der der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt, bittet Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ihren Parteikollegen, Finanzsenator Matthias Kollatz, noch einmal zu prüfen, ob das Land Berlin auf die „Einrede der Verjährung vor Gericht“ nicht verzichten könne. Damit könnte das Land Berlin die Klage der Betroffenen verhindern. Sie bittet ansonsten darum, andere Wege zu finden, die Betroffenen zu entschädigen.

Zwei der Betroffenen klagen vor Gericht

Zwei Betroffene des sogenannten „Kentler-Experiments“ klagen gerade vor Gericht. Einer hat bereits Amtshaftungsklage gegen das Land eingereicht, in der zweiten Klage wird noch um Prozesskostenhilfe gestritten. Die Beiden nennen sich in der Presse Marco und Sven und wurden als Kinder 1989 und 1991 in jüngstem Kindesalter vom Jugendamt Schöneberg an den pädosexuellen Pflegevater Fritz H. vermittelt, der sie bis in ihre Jugend hinein misshandelte, missbrauchte und vergewaltigte.

Die Senatsbildungsverwaltung bestätigt den schweren Missbrauch in der Pflegestelle des Fritz H. Jugendamt und Verwaltung aber intervenierten nie, im Gegenteil: Laut dem Hannoveraner Pädagogikprofessor Helmut Kentler war die Senatsbildungsverwaltung bestens darüber unterrichtet, dass Kentler in einem Berliner Projekt Kinder an Sexualstraftäter wie Fritz H. vermittelte – und hieß es gut. Die Pflegestelle Fritz H. wurde 1973 eingerichtet und erst 2003 geschlossen. Insgesamt waren dort neun Kinder untergebracht, die meisten für viele Jahre.

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Die Bildungs- und die Finanzverwaltung hätten sich bereits Ende Januar zu dem Thema ausgetauscht, schreibt Scheeres. Nach Aussage der Finanzverwaltung sei das Land „rechtlich gehindert“, auf die Einrede der Verjährung zu verzichten. „Ich bedaure dies“, schreibt Scheeres und bittet darum, die Entscheidung „in dieser besonderen Fallkonstellation zu überdenken“.

Sollte es bei der Einschätzung bleiben, so Scheeres weiter, bitte sie Kollatz um Bestätigung, dass die beiden Verwaltungen „geeignete Verfahren“ entwickeln, um den Betroffenen eine „angemessene finanzielle Anerkennung für das erlittene Unrecht gewähren zu können“. Bisher habe die Bildungsverwaltung den Betroffenen den Bezug von Leistungen aus dem Fonds Ergänzende Hilfesystem ermöglicht – der allerdings ist auf 10 000 Euro beschränkt. „Denkbar ist aus meiner Sicht, diesen Ansatz deutlich aufzustocken“, schreibt Scheeres. Bewilligen müsse das allerdings die Senatsfinanzverwaltung.

Opfer: „Schritt in die richtige Richtung“

Dass der Senat aktiv wird, findet Florian Kluckert (FDP) dringend nötig. Die Behörden hätten in der Vergangenheit Fehler gemacht, zu denen das Land stehen müsse. „Der Senat darf sich nicht hinter Formalitäten verstecken“, sagte er. „Er muss tun, was er kann, um dieses unfassbare Unrecht auszugleichen.“ Dazu zähle auch, den Betroffenen schnell und leicht Zugang zu psychologischer Betreuung zu verschaffen – in Berlin sei das immer wieder ein Problem.

Die Betroffenen Marco und Sven bewerteten das Schreiben von Scheeres am Dienstag als „Schritt in die richtige Richtung“. Sie hofften jetzt auch auf Unterstützung aus dem Abgeordnetenhaus, um die Weichen für Entschädigungen zu stellen. „Wir würden uns eine schnelle, gütliche Einigung wünschen“, sagte Marco der Berliner Zeitung. „Schnellere Aufarbeitung heißt weniger Leid.“