Berlin - Es ist nicht irgendeine Straße. Die Bundesstraße 109 ist eine der wichtigsten Verbindungen von Berlin ins Umland, Richtung Norden. Doch seit mehr als zwei Wochen ist die stark belastete Route unterbrochen, und es sieht so aus, als ob die Sperrung noch länger andauern wird. Die Schönerlinder Brücke, die diese Straße über die Autobahn A 114 hinwegführt, ist nicht mehr befahrbar, seitdem bei Arbeiten Schäden entdeckt worden sind. Das Stahlblech, das die Fahrbahn trägt, hat einen langen Riss. Das lässt sich wohl nicht mehr reparieren.

Die Brückensperrung im Nordosten Berlins ist ein weiteres Beispiel dafür, wie es um die Infrastruktur in dieser Stadt bestellt ist. Bislang hielt sich der Senat mit genauen Angaben zum Ausmaß der Krise zurück. Jetzt gibt es endlich eine Zahl. 1,3 Milliarden Euro – auf diese Summe hat die neue Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther den Investitionsrückstau im Straßenbereich nun beziffert.

Straßenkataster geplant

So viel Geld würde es kosten, alle Schäden an Straßen und Straßenbrücken in Berlin zu beheben. „Wir müssen diesen Engpass überwinden“, forderte die parteilose, von den Grünen nominierte Politikerin während einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Potsdam. „Komplexe Planungsprozesse“ müssten bewältigt werden, sagte sie. Ob und wie das gelinge, hänge von der Personalkapazität ab. Darum stelle die Verwaltung verstärkt Planer ein.

Allerdings: Die Zahl von 1,3 Milliarden, die Günther nannte, ist eine Schätzung. „Wir haben noch keinen genauen Überblick, in welchem Zustand sich die Straßen befinden“, gestand sie ein. „Das soll verändert werden, damit wir schneller und effektiver arbeiten können.“

An diesem Donnerstag debattiert der Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses über einen Antrag der rot-rot-grünen Koalition, „zügig ein Erhaltungsmanagement einzurichten“. Damit holt Berlin nach, was es im Land Brandenburg schon seit Jahren gibt. Dort stellt der Landesbetrieb Straßenwesen regelmäßig den Straßenzustand fest und arbeitet die Daten als Planungsgrundlage auf. In Berlin hat die Verwaltung dagegen keine genaue Übersicht, wie es um Straßen und Brücken bestellt ist.

Wenn Schwertransporte angemeldet werden, muss die zuständige Behörde herumtelefonieren, damit aus Karteien und Akten Daten über die gewünschte Route zusammengestellt werden. Bereits 2008 gab es ein Konzept für ein Straßen-Management in Berlin. Drei Millionen Euro hätte das Kataster gekostet. Um die Daten zu pflegen, wären jährlich 600.000 Euro erforderlich, hieß es. Nicht viel Geld. Doch die Senatsverwaltung für Finanzen strich die Anmeldung aus dem Etat-Entwurf.

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) begrüßt es, dass der Senat den Sanierungsbedarf nun endlich einmal beziffert hat. „Die Zahl von der Senatorin genannte Zahl halte ich für nachvollziehbar“, sagte Jörg Becker, Leiter des Fachbereichs Verkehr und Technik.

Bisher hatten der ADAC und die Bauwirtschaft den Investitionsstau auf eine halbe Milliarden Euro geschätzt. Doch dabei habe man sich auf die Fahrbahnen konzentriert, erklärte Becker. „Wenn man die vielen maroden Brücken einbezieht, wird es erheblich teurer.“ Dass nun sogar die Sanierung der längsten Straßenbrücke, der Rudolf-Wissell-Brücke im Verlauf der A 100, vorbereitet wird, werfe ein Schlaglicht auf die Situation.

„Seit 19 Jahren bin ich jetzt beim ADAC“, sagte Becker. So lange fordere er schon, mehr Geld in die Verkehrswege zu investieren. „Doch passiert ist wenig, obwohl der Landesrechnungshof den Senat deshalb kritisiert hatte. Stattdessen wurde die Infrastruktur in Berlin auf Verschleiß gefahren.“ Jetzt bekämen die Bürger die Quittung: „Es wird Jahre dauern, bis die größten Schäden behoben sind, und es wird sehr schmerzhaft für die Autofahrer.“ Die Dorfstraße in Malchow sei ein weiteres Beispiel dafür, wie ernst die Lage ist. Dort soll die Bundesstraße 2 vier Jahre zur Baustelle werden. Die Arbeiten könnten 2017 starten.

Marode Leitungen und Tunnel

„Jahrelang wurde in Berlin nicht genug investiert“, bemängelte der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt. Er forderte den Senat auf, eine Infrastrukturgesellschaft zu gründen. „Dort könnten die Projekte gebündelt werden.“Die Kostenschätzung der Senatorin hält er für zu niedrig.

Auch in anderen Bereiche ist der Investitionsrückstau gewaltig. So müsse ein Großteil des Wasserleitungsnetzes saniert werden, heißt es in Senatskreisen. Mittelfristig gehe es um mindestens 75 Prozent des Netzes. „Weitere Baustellen sind absehbar, auf vielen großen Straßen“, so Matthias Dittmer von der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Grünen. „Das sollte dazu genutzt werden, schon jetzt über eine Umgestaltung nachzudenken: mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger.“

Eine Milliarde Euro müsste nach früheren Senatsschätzungen aufgewendet werden, alle U-Bahn-Anlagen durchzuarbeiten, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. „Alles in allem würde es also drei bis vier Milliarden Euro kosten, Berlins technische Infrastruktur zu erneuern.“ Der Sparkurs der Vergangenheit wird für Berlin teuer.