Berlin - Das Vivantes Klinikum Neukölln wirkt auf Besucher nicht wie ein Sanierungsfall, und eigentlich sollte es 30 Jahre nach seiner Einweihung auch keiner sein. Weiß strahlt die Fassade, hell und modern ist die Eingangshalle, bestenfalls leicht abgenutzt wirken Flure und Aufenthaltsräume.

Doppelt so teuer wie Ertüchtigung des ICC

Doch tatsächlich ist der Bau marode und trotz einer Kapazität von 1187 Betten viel zu klein. Jetzt plant der landeseigene Klinikkonzern die Renovierung und Erweiterung – und dieses Vorhaben wird sogar die Sanierung des Internationalen Congress Centrums (ICC) in den Schatten stellen, für die es seit Jahren an Mitteln fehlt.

Vivantes rechnet mit Gesamtkosten von 585 Millionen Euro. Das geht aus einer Vorlage für den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses hervor, die an diesem Mittwoch in nicht-öffentlicher Sitzung diskutiert wird. Zum Vergleich: Die Ertüchtigung des ICC soll nach derzeitigen Schätzungen rund 290 Millionen Euro kosten.

Baumängel seit Eröffnung

Das Krankenhaus leidet seit seiner Eröffnung unter Baumängeln. Immer wieder leckt es durchs Dach, ganze Fenster fallen aus ihren Rahmen, auch mit dem Brandschutz gibt es Probleme. „Im Grunde müsste das ganze Haus neu gebaut werden“, meint der Linke-Gesundheitspolitiker Wolfgang Albers.

Das geht aber nicht, denn das Klinikum Neukölln ist eines der wichtigsten Krankenhäuser der Stadt. Vom Neuköllner Norden bis zum Flughafen Schönefeld reicht sein Einzugsgebiet, eine halbe Million Menschen wohnen dort. Die Sanierung muss darum bei laufendem Betrieb stattfinden – in einem Krankenhaus, das ohnehin aus allen Nähten platzt. So ist die Rettungsstelle vollkommen überlastet. Einst wurde sie für 35.000 Patienten pro Jahr konzipiert, heute werden dort bis zu 90.000 Menschen behandelt.

Anbau als Ausweichquartier

Um das Kunststück hinzubekommen, plant Vivantes darum zunächst einen Neubau. Für rund 150 Millionen Euro soll das Hauptgebäude zwischen 2018 und 2022 um vier Blöcke erweitert werden. Der neue Gebäudeteil entsteht auf dem derzeitigen Parkplatz an der Rudower Straße  und  soll eine neue Notfallaufnahme, Operationssäle und Zimmer mit rund 300 Betten beherbergen. Nach und nach können dann Abteilungen aus dem alten Gebäudeteil in den Neubau ziehen, während ihre Räume saniert werden. Die Arbeiten sollen weitere zehn Jahre dauern und rund 326 Millionen Euro kosten.

Außerdem müssen die Altbauten auf dem Klinikgelände renoviert werden,  wo unter anderem die Psychiatrie untergebracht ist. Diese Maßnahmen schlagen mit weiteren 65 Millionen Euro zu Buche. Darüber hinaus soll ein neues Logistikzentrum entstehen für weitere 20 Millionen.

Bauarbeiten über 15 Jahre

Das Projekt wirft grundsätzliche Fragen nach der Zukunft der Krankenhausfinanzierung auf. Nach Berechnungen  ihrer Fraktion belaufe sich der gesamte Investitionsstau der Berliner Kliniken auf zwei Milliarden Euro, sagt die Grüne-Abgeordnete Clara Herrmann. Die Sanierung des Klinikums Neukölln ist  dabei die größte einzelne Maßnahme.

Auch wenn sich die Bauarbeiten über 15 Jahre strecken und sich die gewaltige Summe von fast 600 Millionen Euro entsprechend verteilt, strapazieren sie das Budget von Vivantes aufs Äußerste. Denn das Landesunternehmen erwirtschaftet zwar einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Nennenswerten Gewinn macht es aber nicht, 2014 blieben  knapp acht Millionen Euro übrig. Für Investitionen ist Vivantes darum –  wie es das Gesetz vorsieht – auf Landesmittel angewiesen.

In diesem Jahr beträgt der Investitionszuschuss  aus dem Landeshaushalt 33,5 Millionen Euro.  Das ist viel Geld, doch reichen wird es nicht, wenn das Großprojekt Neukölln beginnt. Nach Auffassung von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) ist darum eine zusätzliche Einzelförderung für Vivantes notwendig. „Allein aus den eingestellten Haushaltsmitteln ist die riesige Aufgabe nicht zu stemmen“, sagte er der Berliner Zeitung. Der Spielraum dafür wird jedoch kleiner, denn ab 2020 gilt  die Schuldenbremse für die Bundesländer.

„Wie im Lazarett“

So befürchten denn auch die Mitarbeiter im Klinikum Neukölln, dass der Spardruck bei Vivantes weiter wächst und sie darunter leiden werden. Schon jetzt sind ihre Arbeitsbedingungen angespannt. Es gab Kürzungen bei den Nachtdiensten, tagsüber wird nach dem Prinzip der Funktionspflege gearbeitet: Die Pfleger verrichten jeweils eine Tätigkeit, etwa das Säubern der Bettpfannen, nacheinander bei bis zu achtzig Patienten.

Wegen Personalmangels werden Dienstpläne ständig geändert,  die Zufriedenheit der Belegschaft ist deutlich gesunken. „Früher hatten wir eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 18 Jahren, jetzt sind es nur noch sieben Jahre“, sagt Betriebsrat Volker Gernhardt.

Die Sanierung und die Erweiterung des Klinikums Neukölln hält er aber für unverzichtbar. Es sei längst zum Normalfall geworden, dass Patienten auf den Fluren untergebracht würden. „Manchmal denke ich, wir arbeiten hier in einem Lazarett, und nicht mehr in einem Krankenhaus.“