Berlin - Auf diesen Rekord kann die Hauptstadt-Region nicht stolz sein. Nirgendwo sonst in Deutschland ist der Anteil maroder Eisenbahnbrücken so hoch wie hier. Mit 9,4 Prozent liegt das Land Brandenburg bundesweit an der Spitze. Auf Platz 2 folgt Berlin, wo 8 Prozent der Bahnüberführungen gravierende Schäden aufweisen. Das geht aus einer Auswertung hervor, die der Lobbyverband Allianz pro Schiene jetzt vorgelegt hat. In den kommenden Jahren müssten die Fahrgäste mit zusätzlichen Baustellen rechnen, kündigte Geschäftsführer Dirk Flege an. „Je größer der Anteil ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es jede Menge Bauarbeiten gibt“, sagte er der Berliner Zeitung.

Was haben die Bahnbrücken am S-Bahnhof Mahlsdorf, über der Gürtelstraße in Friedrichshain oder der Holtzendorffstraße in Charlottenburg gemeinsam? Was verbindet sie mit den Brücken an den S-Bahnhöfen Karow sowie Eichborndamm?

83 Bauten sind älter als 80 Jahre

Alle gehören zur Zustandsklasse 4, kurz ZK 4. So lautet bahnintern die Bezeichnung für Brücken, für die Erneuerungsmaßnahmen geplant werden müssen. Anders formuliert: Diese Bauwerke sind in einem Maße sanierungsbedürftig, dass sich eine Instandsetzung aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr lohnen würde.

„Sie sind zwar noch betriebssicher, es drohen keine Gefahren für Fahrgäste. Aber über kurz oder lang kann man sie nur noch abreißen“, sagte Flege. Die Grünen-Bundestagfraktion hatte den Bund gefragt, wie es um die Bahnbrücken in den einzelnen Ländern bestellt ist. Zu den Abgeordneten, die sich mit dem Thema befassten, gehörten Lisa Paus aus Berlin und Annalena Baerbrock aus Brandenburg. Seit Kurzem liegen die Antworten für alle Länder vor. Flege hat sie analysiert.

"Alarmierend"

Das Ergebnis: Wie schon vor drei Jahren, als die Grünen die erste Frageaktion dieser Art starteten, steht diese Region am schlechtesten da. Von den 811 Bahnbrücken im Land Brandenburg sind 76 der schlechtesten Zustandsklasse zuzuordnen, in Berlin gelten 72 der 904 Bahnbrücken als dringend sanierungsbedürftig, hieß es. Die Abgeordnete Lisa Paus findet das „alarmierend“.

Immerhin: Im Vergleich zu 2014, als der Bund den Grünen erstmals Zahlen zu diesem Thema übermittelte, konnte sich Berlin verbessern. Damals gehörten 90 Überführungen der schlechtesten Kategorie an, was die Hauptstadt auf den ersten Platz katapultierte. In Brandenburg wurden vor drei Jahren noch 65 Brücken als marode eingestuft. Dieses Land hat sich also verschlechtert.

Instandhaltung und Pflege

Es gibt keine offizielle Erklärung dafür, warum die Hauptstadt-Region in den Ranglisten vorn liegt. Vielleicht liegt es am hohen Durchschnittsalter der Bahnbrücken. In Berlin beträgt es 62 Jahre, in Hamburg 49 Jahre. In der Hansestadt sind 83 Brücken älter als 80 Jahre – in Berlin sind es 417. Eines sei klar, sagte Flege: „Die Daten zeigen, dass die Instandhaltung und Pflege in den vergangenen Jahren definitiv zu kurz gekommen sind“, sagte er. „Jetzt sind viele Anlagen so marode, dass sie nicht mehr zu halten sind.“

Für das Funktionieren der Hauptstadt-Region sei das ein ernstes Thema. Schließlich verließen sich hier viele Menschen darauf, dass der S-Bahn- und Regionalverkehr funktionieren – und dafür seien Bahnbrücken wichtig. Allein im vergangenen Jahr wurde der Nahverkehr auf der Schiene in Berlin und Brandenburg für rund eine halbe Milliarde Fahrten genutzt.

Planer sind rar

„Kein Fahrgast hat Lust darauf, dass seine Reise durch Baustellen beeinträchtigt wird“, sagte Dirk Flege. Doch die Brückenbauarbeiten, die in den kommenden Jahren nötig sind, werden genau dazu führen: zu Betriebsunterbrechungen, Schienenersatz- und Pendelverkehr.

Bei der Sanierung ihrer Brücken hat die Bahn inzwischen an Tempo zugelegt. „Zwischen 2014 und 2016 wurden in Berlin zwölf Eisenbahnbrücken aktivierungsfähig saniert, erneuert oder gebaut“, teilte Bahnsprecher Gisbert Gahler mit. „In diesem Jahr werden in Berlin neun erneuerte Brücken in Betrieb genommen.“ Inzwischen steht mehr Geld bereit, um die Infrastruktur in Schuss zu bringen, lobte Flege. „Die Finanzen sind nicht mehr das größte Problem.“ Dafür seien nun Planer rar, und die Verfahren dauern immer länger. „Die Prozesse müssen beschleunigt werden“, sagte er.