Berlin - Der U-Bahnhof Leinestraße sieht aus, als hätte dort jemand tagelang mit einem Vorschlaghammer und einer Farbspraydose gewütet. Von Wänden und Decke wurde Putz abgeschlagen, auf den freigelegten Beton wurden grellrote Kreuze gesprüht. Zusammen mit der funzligen Beleuchtung ergibt sich ein bizarrer Eindruck.

Doch die Löcher im Putz und die rätselhaften Markierungen sind nicht das Werk durchgeknallter Vandalen, sondern Vorboten eines großen Sanierungsprojekts. „Dafür wird der Südteil der Linie U 8 ab 12. August mindestens neun Monate gesperrt“, sagte Uwe Kutscher, Bau-Chef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Es ist eines der Erneuerungsvorhaben, die er am Donnerstag vorstelle. Bis 2030 wird mehr als eine halbe Milliarde Euro in Berlins U-Bahntunnel investiert.

Der Putz musste ab, damit das Bauwerk von 1929 untersucht werden konnte. Die Kreuze zeigen, wo Prüfungen stattgefunden haben. Die Ergebnisse waren verheerend.

Arbeitslose mussten Station bauen

„Vom Ausmaß der Schäden, die wir im U-Bahnhof Leinestraße festgestellt haben, waren wir ehrlich überrascht“, sagte Uwe Kutscher. Er zeigte an die Decke. Dort ist Beton abgeplatzt oder weggebröckelt, Bewehrungsstäbe liegen frei, viele sind angerostet. Weil die Tragfähigkeit der Tunneldecke gelitten hat, mussten Fahrstreifen der Hermannstraße, die über dem Bahnhof verläuft, gesperrt werden. Wasser, das durch schadhafte Dichtungen eindrang, hat der Konstruktion arg zugesetzt. Es sickerte in ein Bauwerk, das schon von Anbeginn nicht das allerbeste gewesen war. „Dieser U-Bahnhof entstand Ende der 1920er-Jahre im Rahmen eines Notstandsprogramms“, erklärte der BVG-Manager. Auf der Baustelle mussten sich Arbeitslose ihre Unterstützung verdienen. Besonders engagiert haben sie sich offenbar nicht, so Kutscher: „Entweder wurde der Zement vergessen oder der Beton wurde nicht verdichtet.“ Jetzt wird der U-Bahnhof Leinestraße für fünf Millionen Euro erneuert. Das dauert mindestens bis Mai, vielleicht auch bis Juni oder Juli 2014.

Eine Station weiter, ebenfalls in Neukölln, befindet sich ein weiterer Sanierungsfall: der U-Bahnhof Hermannstraße. Er ist erst 17 Jahre alt. „Doch auch er muss jetzt saniert werden“, sagte der Bauingenieur. In der Endstation der U 8 ist die Hälfte der Fliesen abgefallen. Meist passierte dies, wenn auf der Ringbahn Güterzüge über den Tunnelbahnhof hinweg donnerten. „Vielleicht wurde falscher Kleber verwendet“, rätselte Kutscher. Die BVG muss nun eine Million Euro in den 1996 eröffneten U-Bahnhof Hermannstraße investieren. „Bei der Gelegenheit gibt es eine neue Beleuchtung, damit es keine dunklen Ecken mehr gibt“, so der Bauchef. „Dieser Bahnhof ist eines unserer Sorgenkinder, auch bei der Kriminalitätsrate.“

Platanen sprengen Dichtung

Alte Tunnel, neue Tunnel: Es ist eine Sisyphusarbeit, das mehr als 150 Kilometer lange Netz der Berliner U-Bahn halbwegs gut in Schuss zu halten. Lange Zeit wurde vor allem im Osten Berlins investiert, weshalb der Rückstand im Westen größer wurde. Nicht immer gibt der BVG-Aufsichtsrat sofort grünes Licht für Sanierungsprojekte, und oft dauern die Verwaltungsverfahren lange.

Es gibt viele Faktoren, die den Bauwerken der U-Bahn zusetzen. Auch die Natur zählt dazu: Unter der Hardenbergstraße haben sich Wurzeln von Platanen in den U-2-Tunnel gegraben. „Die Dichtung wurde regelrecht gesprengt“, so Kutscher. Dabei sei die Decke des ältesten Berliner U-Bahn-Tunnels, der von 1900 bis 1902 gebaut worden ist, durchaus massiv: „Sie besteht aus ein Meter dickem Stampfbeton.“

Im Mai 2014 beginnt die Sanierung auch dieses U-2-Abschnitts, die bis Ende 2016 dauert und eine Teilsperrung der Hardenbergstraße erfordert. An der Südseite werden bis zu 20 der 35 Platanen gefällt.