Nach etlichen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskussionen ist dann schließlich im April 2013 am Osthafen in Friedrichshain das von der TU Berlin überwachte und auf zwei Jahre angelegte Pilotprojekt gestartet. Mit dabei sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Stiftung Zukunft Berlin und die Berliner Wasserbetriebe. Ein Abschlussgutachten der TU Berlin bescheinigt dem System schon vor Ablauf der Frist Bestnoten.

Einen Startschuss gibt es aber immer noch nicht. „Jetzt liegt es vor allem an politischen Entscheidungen, an Finanzierungsmodellen und an den Berliner Wasserbetrieben“, sagt Steeg. Andere wären verzweifelt, Steeg bleibt sich treu und sagt es deutlich: „Die Politik muss sich endlich bewegen, klare Zeichen setzen und eine Entscheidung treffen, welche Rolle der Fluss für die Zukunft Berlins spielen soll. Es sollte doch im Interesse Berlins sein, dass das Wasser der Spree glasklar ist und nicht, dass die Kacke am Kanzleramt vorbei schwimmt.“

Immer mehr Unterstützung aus der Politik

Nach wie vor regt Steeg auf, dass es keine vernünftige Begründung dafür gibt, ungeklärtes Abwasser in Flüsse einzuleiten. „Das in Berlin ankommende Wasser ist durch das Klärwerk Münchehofe und die Landwirtschaft Brandenburgs viel zu stark belastet, und die europäischen Umweltziele der Wasserrahmenrichtlinie, an die sich auch Berlin halten muss, sind in weiter Ferne“, sagt er.

Einstweilen hat die Spree im Jahresmittel weiter mit bis zu fünf Millionen Kubikmeter ungeklärtem Abwasser zu kämpfen. „Selbst nach Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie kann von Badequalität noch keine Rede sein“, sagt Steeg und wird wieder nachdenklich. „Vielleicht hätte ich doch eine Bürgerinitiative gründen, die Stadt mit Plakaten zupflastern und in Abgeordnetensitzungen platzen sollen.“ Steeg hat all das nicht getan. Und er hat es auch nicht vor. Schließlich ist aus seiner Vision ein technologisch durchdachtes, überprüftes und weltweit einsetzbares System geworden. Das würde er nun gern auch mal beweisen.

Politisch wachse die Unterstützung, ist Steegs Eindruck nach seinen jüngsten Gesprächen mit den umweltpolitischen Sprechern fast aller Parteien, darunter Danny Freymark von der CDU und Daniel Buchholz von der SPD.

In Edgar Schmidt von Groeling hat er auf jeden Fall einen engagierten Unterstützer. Der ehemalige Hausbootbewohner betreibt heute die beiden Hostelschiffe Eastern und Western Comfort. Er hakt selbst immer wieder beim Senat nach und postet Fotos vom Müll in der Spree bei Facebook.

„Ich beobachte nicht, dass es besser wird, im Gegenteil, manchmal stinkt es dermaßen, dass die Fenster auf den Schiffen geschlossen bleiben müssen.“ Der Architekt kennt Steeg und sein Projekt seit Jahren, oft haben sie die Anlage diskutiert. Er bewundert Steegs Beharrlichkeit. „Aber sicher sind auch Faktoren wie Wassertiefe, Flussbreite und Ansprüche der Schifffahrt zu berücksichtigen. Die Hauptverantwortung liegt letztlich bei den Wasserbetrieben. Da braucht es auch diplomatisches Geschick.“

Guter Kommunikationsansatz

Nicht nur die Berliner Wasserbetriebe trügen Verantwortung, sagt nun wiederum deren Pressesprecher Stephan Natz, vor allem das Land Berlin müsse sich positionieren. Natz verweist auf den in Berlin geltenden Finanzierungsschlüssel zur Mischwasserkanalisation, nach dem die öffentliche Hand bei allen Ausgaben – Investitionen oder späteren Betriebsausgaben – sechzig Prozent zahlen muss. Die restlichen vierzig Prozent zahlt der jeweilige Abwasserentsorger, also die Wasserbetriebe. „Es geht um Steuergelder, die möglichst so einzusetzen sind, dass das, was gemacht wird, auch hundert Jahre und länger hält.“

Die Wasserbetriebe halten das Projekt „Spree 2011“ für einen guten Kommunikationsansatz. „Weil es die bestehenden Probleme sichtbar macht“, sagt Natz. „Aber mit Blick auf das erforderliche Fassungsvolumen von über 300.000 Kubikmetern müssen wir auf einer viel breiteren Klaviatur spielen. Deshalb arbeiten wir seit fast dreißig Jahren mit großen Becken, zahlreichen Stauraumkanälen und unterirdischen Wehren.“ Ob die Spree tatsächlich breit genug sei, dass sie neben der Schifffahrt Platz für eine Vielzahl von Tankanlagen hat, bezweifelt er. „Alles, was getan wird, muss ein Kompromiss des finanziell, räumlich und zeitlich Machbaren sein.“

Immerhin, mit dem Abschlussgutachten der TU in der Hand kann Steeg nun auf Promotion-Tour gehen. Einige deutsche Städte zeigten Interesse, sagt er, sechs potenzielle Projekte seien im Gespräch. Steeg wurde auch schon in Vietnam und in London vorstellig. In den USA ist seine Technologie nach einem Wettbewerb zur Gewässeraufwertung in die engere Wahl gekommen.

Ralf Steeg bleibt dran. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Idee aus dem Land der Ideen im Ausland Karriere macht.