Mischa Badasyan hat sein Soll für den heutigen Tag noch nicht erfüllt. Es ist bereits Abend, als sich der 26-Jährige in einer queeren Bar in Neukölln zum Interview auf einen Barhocker setzt. Draußen gießt es in Strömen.

Badasyan schielt auf sein Handy, wo gerade eine Nachricht aufpoppt. Sie wurde über eine Dating-App für Schwule verschickt. Sechs solcher Anwendungen hat er auf seinem Telefon installiert. Darüber findet er Männer, mit denen er Sex hat. Jeden Tag einen anderen. Das ist das Soll, das er sich selbst auferlegt hat.

Mischa Badasyan ist Performance-Künstler. Sein aktuelles Projekt „Save the Date“ läuft seit dem 1. September und besteht aus 365 One-Night-Stands. Ein Jahr lang will der Armenier täglich mit einem Fremden schlafen.

Findet er keine Verabredung über das Internet, geht er in Sex-Clubs oder besucht in der Szene bekannte öffentliche Orte, an denen man „24 Stunden jemanden finden kann“, wie er sagt. Dass sie Teil einer Kunst-Aktion sind, erzählt Mischa Badasyan seinen Partnern nicht. Ein kontroverses Unterfangen.

Von jedem Treffen nimmt Mischa Badasyan eine Kleinigkeit mit: eine leere Flasche, eine Tannennadel aus dem Park, eine Scherbe, ein Handtuch. Am Ende soll aus den 365 Dingen eine Skulptur werden. Außerdem filmt er sich nach jedem Date für ein Videotagebuch. Regisseur Jochen Hick, der im Jahr 2003 bei der Berlinale einen Teddy-Award gewann, dreht einen Dokumentarfilm über den Künstler. Seine Sexpartner bleiben dabei anonym.

„Die häufigste Kritik lautet, das sei doch keine Kunst, das könne doch jeder“, sagt Badasyan. Seine Augen funkeln wie die eines Jugendlichen mit Unfug im Kopf, seine Worte wählt er bedacht wie dessen dozierender Lehrer. „Mir geht es aber nicht um den Akt an sich, sondern um die Begegnungen, um die Menschen.“ Wenn ein Maler ein Bild malt, entsteht am Ende ein Produkt, sagt er. „Aber Performance-Kunst ist ein Prozess, der die Normalität auf den Kopf stellt.“

„Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit“

Als eine „Installation von Einsamkeit“ bezeichnet Badasyan sein Projekt. Es geht um die Einsamkeit, die Dating-Apps wie „Grindr“ oder „Gay Romeo“ offenlegen. Die in Großstädten entsteht, wo jeder schnellen Sex haben, aber kaum einer Vertrauen aufbauen kann.

„Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit“, sagt Badasyan, der nicht raucht, keinen Alkohol trinkt und vegan lebt. „Alle sind nett miteinander, die Stadt gibt sich cool. Auf Partys lernt man tausend Menschen kennen, feiert, steigt himmelhoch - und am nächsten Morgen wacht man auf und ist einsamer als vorher.“

Der Künstler will dem Ganzen einen Spiegel vorhalten. Der Gesellschaft und sich selbst. Denn auch er hat noch nie eine ernsthafte Beziehung geführt. Für sein Bekenntnis zum Einsamsein bekommt Mischa Badasyan nun viel Zuspruch, vor allem über Facebook.

Doch hätte Einsamkeit nicht auch in eine weniger aufmerksamkeitsheischende Form gegossen werden können? „Provokation ist oft das Mittel in der Performance-Kunst“, sagt Badasyan. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich so viele Medien für das Projekt interessieren. Ich würde es auch tun, wenn es keine Öffentlichkeit finden würde. Es geht um mich.“ Er überlegt. „Und ja, ich bin ein extremer Typ, es hat natürlich auch mit meinem Leben zu tun.“

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