Der Käfer liegt tot auf dem Boden der Gemäldegalerie. Dunkelbraun, haarfeine Fühler, nur drei Millimeter groß. Zwischen den pompösen Altarbildern, den Madonnen, Engeln und florentinischen Landschaften fällt er kaum auf. Nur Bill Landsberger betrachtet ihn ganz genau. Er ahnt: Das winzige Insekt könnte ein böser Vorbote sein. Unter der Lupe hat er den mutmaßlichen Täter schnell identifiziert: Nicobium castaneum. Der Braune Nagekäfer. Ein südeuropäischer Verwandter des Holzwurms. Ähnlich wie dieser frisst er mit seinen Mundwerkzeugen Gänge in Holz. Gut möglich also, dass er in der Gemäldegalerie schon irgendwo Schaden angerichtet hatte. Nur, wo?

Bill Landsberger - Deutschlands einziger Museumsbiologe

Bill Landsberger, dunkelblond, schlank, Fünftagebart, steht in den weiten Ausstellungssälen mit den hohen Wänden, umgeben von unschätzbar wertvoller Kunst. Botticelli, Raffael, Rembrandt, Vermeer. Mehr als 1100 Bilder in offenen Räumen. Dazwischen keine einzige Tür, die einen Käfer auf Tour aufhalten könnte. Landsberger muss herausfinden, aus welchem der Bilder mit den verschnörkelten Rahmen der Käfer herausgekrochen ist. Und wie kam er überhaupt hierher? Diese Art ist in Deutschland nicht heimisch. Zum Fenster kann er nicht hereingekrabbelt sein.

In Fällen wie diesen gleicht Landsbergers Arbeit der eines Detektivs. Der Insektenforscher ist Deutschlands einziger Museumsbiologe. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kümmert er sich eigens darum, die wertvollen Kulturgüter in Berliner Museen, Depots und Bibliotheken vor gefräßigen Schädlingen zu schützen.

Wie heißt der mutmaßliche Täter? Wie gefährlich ist er? 

In anderen Städten müssen das oft die Restauratoren übernehmen. Doch Bill Landsberger kann mit dem Fachwissen eines Entomologen ermitteln. Findet er verdächtige Spuren, die auf einen Schädlingsbefall hinweisen, muss er kombinieren. Wie heißt der mutmaßliche Täter? Wie gefährlich ist er? Welche Taten könnte er begangen haben? Wo ist sein Unterschlupf? Und hat er dort noch Komplizen?

Manchmal muss er dabei schnell sein, denn Insekten können in Museen und Bibliotheken großen Schaden anrichten. Sie knabbern sich durch Papier, Holz und Textilfasern. Sie fressen den stärkehaltigen Leim alter Bücher. Sie machen sich über Federn, Pelz, Haare und Leder her. Was der Mensch über Jahrhunderte bewahrt, hütet und archiviert, kann das Insekt in ein paar Wochen zerstören. Mal eben so. Weil es Hunger hat. Ob es millionenschwere Kunst frisst, verdaut und wieder ausscheidet, eine einzigartige Marienstatue oder eine schnöde Europalette. Ihm doch egal.

Tatort: „Die Verkündigung an Maria“

Landsberger verteilt in der Gemäldegalerie kleine, dreieckige Pappaufsteller. Als in einigen dieser Fallen noch mehr Nagekäfer kleben bleiben, kann er den Ort des Befalls lokal eingrenzen: ein kleiner Raum mit 20 Gemälden. Unter einem davon findet er feines Pulver. An Farbe und Struktur erkennt er unter der Lupe, dass es von einem Insekt stammt. Braunbunt, körnig. Eindeutig das Fraßmehl des Braunen Nagekäfers. Landsberger hat den Tatort gefunden: „Die Verkündigung an Maria“, ein großes Altarbild aus der italienischen Renaissance. Im Rahmen kleine Holzwurm-Löcher.

Nach weiteren Recherchen kann der Biologe auch den Rest des Rätsels lösen: Das Gemälde ist zwar schon seit 1821 in Berlin, hat aber Anfang der 1990er-Jahre einen neuen Rahmen bekommen. Der italienische Rahmenbauer verwendete dafür Pappelholz mit Holzwurmlöchern. Der Rahmen sollte schließlich zum Bild passen, alt und authentisch aussehen. Er war davon ausgegangen, dass die Insekten längst ausgezogen waren, doch er hatte sich geirrt. Im neuen Rahmen zogen sie in die Gemäldegalerie ein. Obwohl es dort viel kühler und trockener ist als in ihrer Heimat, konnten sie sich still und leise halten. Fast 25 Jahre lang.

Pelzmotten, Teppichkäfer, Papierfischchen, Wespenkäfer

„Insekten sind wahnsinnig anspruchslos“, sagt Bill Landsberger. „Wenn es sein muss, können sie sich von Dingen ernähren, die kaum Nährstoffe enthalten.“ Er steht in seinem Büro im Rathgen-Forschungslabor, einem alten Gebäude mit hohen Decken in direkter Nachbarschaft zum Schloss Charlottenburg. Hinter seinem Schreibtisch in einem Bücherregal hausen 35 verschiedene Museumsschädlinge in Schraubgläsern. Landsberger hat sie selbst gezüchtet. Seine Referenzsammlung, die er zum Vergleich heranzieht, wenn er im Museum etwas Auffälliges findet. Pelzmotten, Teppichkäfer, Papierfischchen, Wespenkäfer – alles Insekten, die ihm bei seiner Arbeit über den Weg krabbeln könnten.

Der Biologe nimmt ein Schraubglas aus dem Regal, blickt hinein, hält es leicht schief, dreht es. Seine Augen suchen etwas sehr, sehr kleines. Brotkäfer. Im Inneren des Glases steckt ein altes preußisches Kirchengesangsbuch aus dem Jahr 1844. Landsberger hat es selbst erworben, um die Insekten darauf zu züchten. Ein paar Löcher sind schon drin. „Dummerweise fressen sie ja nur historische Bücher“, sagt er. „Neue interessieren sie nicht.“ Die Larven verwerten die Stärke- und Zuckeranteile im alten Papier.

Trockenholz-Termiten

Moderne Bücher sind zu nährstoffarm. In einem anderen Glas krabbeln zwischen ein paar Holzklötzchen Landsbergers Lieblingstiere herum. Weiß und schmal wie wimmelnde Reiskörner. Trockenholz-Termiten. Der Insektenforscher nimmt ein Stück Kiefernholz vom Regal, etwa so lang wie ein Zollstock, durchzogen von vielen schmalen Gängen. Er wiegt es auf einer Hand. Es ist ganz leicht. „Höchstens zwei Wochen haben die Termiten gebraucht, um das auszuhöhlen“, sagt er. „Da bleibt nicht viel übrig.“ Dabei müssen sie noch nicht einmal trinken. Über ihren Stoffwechsel produzieren sie die Flüssigkeit, die sie brauchen. „Sie sind ideal ausgestattet, um in einem trockenen Museumsdepot zu überleben.“

Das zeigte sich auch vor ein paar Jahren im Ethnologischen Museum in Dahlem. An einem der hölzernen Südseeboote fand Landsberger auffällige Spuren. Durch seine Lupe sah er sechseckige, erdnussförmige Körnchen. Eine für ihn unverwechselbare Form. Die Kot-Pellets von Trockenholz-Termiten. Normalerweise deponieren die lichtscheuen Insekten ihre Exkremente in den Hohlräumen, die sie selbst gefressen haben. Doch ist der Platz erschöpft, schieben sie diese raus. Das Museum hatte das Südseeboot bereits 1982 erworben. Von einer pazifischen Insel in Melanesien kam es direkt ins Depot. Schon damals müssen die Termiten als blinde Passagiere an Bord gewesen sein.

Papierfischchen kann sogar Zellulose verdauen

Dies ist ein typischer Weg, wie Schädlinge ins Museum kommen. Meist sind es Neuerwerbungen, Leihgaben oder Schenkungen, über die unerwünschte Gäste Eintritt erlangen. Manchmal bleiben sie lange unbemerkt. Ihr Stoffwechsel ist so anpassungsfähig, dass sie ihn herunterfahren können, über Jahre fast bewegungslos bleiben, von ihren Fettreserven leben. Nicht umsonst sind Insekten Erfolgsmodelle der Evolution. Die größte Gruppe aller Tierarten auf unserem Planeten. Das Papierfischchen, eine bei uns relativ neue Art, kann sogar Zellulose verdauen.

Wenn es sein muss, überlebt es jahrelang von einem einzigen Papierschnipsel. Das bisschen Feuchtigkeit, das es braucht, holt es sich aus der Umgebungsluft. „Die Leistungen dieser tollen Lebewesen sind immer wieder faszinierend“, sagt Landsberger, der schon als Kind ein großer Insekten-Fan war. Mit zwölf fing er an, sie zu beobachten, Fotoserien zu erstellen und Schmetterlinge im Gewächshaus zu züchten. In seinem Job steckt deshalb auch ein Dilemma. Einerseits bewundert er die Insekten, andererseits muss er sie als Schädlinge betrachten, wenn nötig vernichten. Mit einem Kammerjäger samt Giftspritze hat er dennoch nicht mehr viel gemein. „Wir setzen grundsätzlich keine chemischen Bekämpfungsmittel ein“, sagt er.

Keine Larven in der Malschicht

Vor ein paar Jahrzehnten sah das noch ganz anders aus. Begasen, Tauchen, Spritzen, Chemie wie Naphthalin, Arsensalze oder Lindan gehörten in Museen zum Alltag. Noch heute haben Restauratoren mit den Rückständen auf den Kunstobjekten zu tun. Zudem weiß man nun: Die Insekten werden dagegen resistent. Einzelne überleben die Giftattacken, bringen widerstandsfähigere Nachkommen hervor und kehren zurück.

Im Depot der Gemäldegalerie verschweißt Landsberger das Renaissance-Bild „Die Verkündigung an Maria“, dessen Rahmen mit den Nagekäfern befallen ist, in eine Spezialfolie. Im Inneren wird mit Hilfe von Absorbern der Sauerstoff gebunden und so den Käfern die Luft zum Atmen entzogen. Drei Wochen bleibt das Bild in der Verpackung. Dann ist es insektenfrei. Zum Glück ist nur der Rahmen beschädigt. Manchmal kommt es vor, dass sich die Larven einen Weg in die Malschicht bahnen.

Digitale Insektenerkennungs-Apps

Auch die großen Südseeboote aus dem Ethnologischen Museum wurden auf diese Weise behandelt. Unter riesigen Zelten. Im Mai sind sie von Dahlem ins neue Humboldt Forum umgezogen. „Jetzt können wir sicher sein, dass wir keine Termiten mit nach Mitte genommen haben,“ sagt Landsberger. Eine andere Möglichkeit, auf Schädlingsbefall zu reagieren, ist die Gefrierbehandlung. Dabei wird das Kunstwerk auf minus 30 Grad gekühlt.

Damit es erst gar nicht dazu kommen muss, setzt Landsberger auf Prävention. Er hat ein Konzept zur Früherkennung entwickelt. In Depots und Bibliotheken stehen um die 4000 seiner Insekten-Fallen aus Pappe. Findet er darin etwas Auffälliges, kann er reagieren, bevor sie sich vermehren. Viel nimmt er auf seinen Kontrollgängen nicht mit. Eine Lupe, eine Pinzette, eine starke Taschenlampe. Ganz analog. „Es gibt auch digitale Insektenerkennungs-Apps“, sagt er. „Aber so etwas brauche ich nicht.“

Insekten werden zu Gehilfen

Die Vorsorge lohnt sich. Das Bode-Museum etwa richtete einmal für eine Sonderausstellung eine zusätzliche Garderobe ein. Die Mäntel hingen direkt über einem Belüftungsschacht. Die textilen Fasern und Flusen rieselten hinunter. Ein Fest für Kleidermotten. Über sein Monitoring hatte Landsberger das Problem schnell geortet und behoben. In der Londoner Tate Gallery zerstörten Motten dagegen einst ein Kunstwerk von Joseph Beuys. Sie zerfraßen einen Filzanzug.

Manchmal werden Insekten aber auch zu Gehilfen. Im Hamburger Bahnhof befiel 2011 der Berlinkäfer Trogoderma angustum die riesige Skulptur „Volkszählung“ von Anselm Kiefer. Sie besteht aus vielen bleihaltigen Elementen, die der Künstler mit Erbsen beschossen hat. Das Objekt, 32 Tonnen schwer, ließ sich wegen des enormen Umfangs nicht wie üblich behandeln. So kam stattdessen ein Nützling zum Einsatz. Die Raubwanze Xylocoris flavipes machte sich über die Berlinkäfer her.

Pelzkäfer und die italienische Renaissance

Manche Museen halten sich sogar dauerhaft natürliche Fressfeinde. So geht in der alten Bibliothek im portugiesischen Coimbra eine Kolonie Fledermäuse nachts auf Insektenjagd. Das Museum Eremitage in St. Petersburg beherbergt traditionell Dutzende Katzen, die die Zahl der Mäuse und Ratten klein halten.

Im Depot der Berliner Gemäldegalerie, wo Landsberger heute unterwegs ist, nimmt er eine Falle hoch und schaut kurz hinein. Am Boden klebt ein Käfer. Für die Diagnose braucht der Experte nicht lange. „Attagenus smirnovi, ein Pelzkäfer“, sagt er. „Wenn wir jetzt im Ethnologischen Museum wären, müssten wir genauer hinschauen.“ Der Käfer frisst Felle, Pelze und andere Textilien. Für naturhistorische Sammlungen eine große Gefahr. Hier in der Gemäldegalerie ist er aber harmlos. Italienische Renaissance schmeckt ihm nicht.